Hans Albert – Karl Popper: Briefwechsel. (Hrsg.: Morgenstern, Zimmer)

Ein Briefwechsel, der gleichzeitig Philosophiegeschichte ist und die Entwicklung des Kritischen Rationalismus – vor allem im deutschsprachigen Gebiet – beleuchtet. Häufig lässt sich aus solchen Büchern die Entwicklung der Philosophie, das Verhältnis der Philosophen zueinander sehr viel besser nachvollziehen als aus einschlägigen Darstellungen. Wobei dieser Briefwechsel eine Auswahl darstellt, in der persönliche Stellungnahmen der Beteiligten zu privaten Problemen weitgehend ausgespart werden. Wodurch dem Buch etwas fehlt: So wäre es doch interessant gewesen, wie Popper auf den Tod seiner Frau reagiert hat, er, für den seine eigene Philosophie bzw. deren Verbreitung immer das Allerwichtigste schien. „Hennies“ Krankheit wird nur nebenher berührt: Signifikant aber, dass sie selbst sich mehr um das Wohl ihres Mannes als um ihre Person zu sorgen scheint, so schreibt sie in einem Brief (die Briefe werden manchmal von beiden verfasst bzw. unterzeichnet): „Meine Operation mit allem Zubehör haben ihn [Popper] sehr heruntergebracht.“ Kein Wort über ihre eigenen Leiden.

Popper selbst ist zumeist am Klagen – über Arbeitsbelastung, Gesundheit, den Verrat seiner Schüler (mit denen er „wenig Glück zu haben“ meint), über Schwierigkeit mit den Verlagen oder die Unfähigkeiten der Übersetzer. Manchmal aber lamentiert er zu Recht: So war er nach seiner Emeritierung kaum in der Lage, von dem ihm ausgezahlten Geld zu leben und im Grunde gezwungen, immer wieder Vorträge anzunehmen bzw. den Vertrieb seiner Bücher (im deutschen Sprachraum mit tatkräftiger Unterstützung Alberts) voranzutreiben. Es mutet schon ein wenig kurios an, dass einer der berühmtesten Philosophen des 20. Jahrhunderts im Alter über kaum ausreichende finanzielle Mittel verfügte.

Gearbeitet hat Popper offenbar bis zu seinem Tode – mit Hingabe und einem Sendungsbewusstsein, das wohl Voraussetzung für ein solches Werk ist. Denn wenn auch die private Korrespondenz teilweise der Auswahl zum Opfer gefallen sein dürfte: Wirklich interessiert scheint er sich nur für seine Philosophie und deren Kritik zu haben. Auch von anderen Strömungen hat er kaum Kenntnis genommen: Im Gegensatz zu Albert hat er sich etwa nie mit Adorno oder Habermas auseinandergesetzt, im sogenannten „Positivismusstreit“ hat er sich – wie wohl derjenige, der mit seinem Referat den Anlass zur Auseinandersetzung gegeben hat – kaum beteiligt. Möglicherweise zu Recht wenn er meinte, dass diese Art von Philosophie in einer derartigen Sprache eine Beschäftigung nicht wert seien.

Bei den unzähligen Konflikten Poppers mit seinen Verlegern oder Übersetzern war Albert offenkundig eine große Hilfe: Diplomatisch vermittelte er zwischen den oft engstirnigen Positionen Poppers und seiner Briefpartner, versteht zu kalmieren, zu vermitteln. Und er ist derjenige, der den Kritischen Rationalismus im deutschen Sprachraum bekannt macht, für ihn streitet, sich allüberall einsetzt. Möglicherweise ist der – mittelbare – Einfluss Alberts in Deutschland größer gewesen als der Poppers: Gegen hermeneutisch-existentialistische Tendenzen eines Gadamers, Apels oder Habermas‘ gab es ansonsten nur den Konstruktivismus Dinglerschen Provenienz in Gestalt der Erlanger Schule, nirgendwo aber kritischen Rationalisten. Diese zu fördern und für ein entsprechendes Klima auf deutschen Universitäten zu sorgen ist einzig das Verdienst Alberts, der in seinem Bemühen um diese Strömung auch die eigene Person oft in den Hintergrund stellte.

Nebenbei ist das Buch natürlich auch eine Fundgrube für pointierte Bemerkungen: So fällt die Analyse Poppers anlässlich des Positivismusstreites und der Beiträge von Habermas und Adorno vernichtend aus. Er moniert (zu Recht) ihre Substanzlosigkeit, etwa die triviale Feststellung, dass Wertungen und Tatsachenwissen miteinander verknüpft seien (was selbstverständlich ist, es geht allerdings darum, diese Verknüpfung so weit als möglich zu lösen und nicht ihre Tatsache wortreich zu be- und umschreiben); ebenso und vielleicht noch wichtiger die „vernichtete und vernichtende Sprache der Frankfurter“. Sie haben einzig gelernt, „Trivialitäten so kompliziert auszudrücken, daß sie eindrucksvoll werden“. Und vor allem das zu sagen sei wichtig – und hier muss man ihm ohne Einschränkungen zustimmen. Treffend auch der Kommentar Alberts zu Ernst Bloch: „Er argumentiert nicht, sondern predigt oder dichtet. Man kommt nicht so leicht dahinter, was er will.“

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