Philip Pullman: Northern Lights [a.k.a.: The Golden Compass / dt.: Der goldene Kompass]

Wenn die Protagonistin eines Buchs ein 10- (zum Schluss des Bandes 12-)jähriges Mädchen ist, so schliessen Leser und Buchhändler daraus messerscharf, dass das Buch auch für Leser dieser Altersgruppe gedacht sei. Deshalb hier die Warnung: Northern Lights und die beiden Folgebücher, die die Trilogie His Dark Materials ausmachen, gehören nicht zur Gattung ‚Kinderbuch‘.

Eigentlich sollte schon die Lektüre des Vorworts genügen, um diese Illusion zu zerstören. Jedenfalls, wenn man, wie ich, die 2008 bei der Folio Society erschienene illustrierte Ausgabe in Händen hat. Darin schildert Pullman, wie Heinrich von Kleists Aufsatz Über das Marionettentheater gewissermassen zum Auslöser der vorliegenden Fantasy-Trilogie wurde. Kleists Aufsatz beschäftigt sich mit dem Unterschied von Unschuld und Erfahrung. Natürlichkeit kann nur in zwei Zuständen erreicht werden – dem der kindlichen Unschuld, die sich durch eine völlige Abwesenheit von Bewusstsein auszeichnet, oder dann im Gegenteil dem eines völligen Bewusstseins, dem Zustand (eines) Gottes also.

[…] so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.

Somit ist wohl auch klar, dass die Protagonstin Lyra nicht deswegen ein Kind ist, weil Pullman ein Kinderbuch schreiben wollte. Sie musste notwendigerweise ein Kind sein (wenn er nicht mit einer Marionette anfangen wollte!), um illustrieren zu können, was Heinrich von Kleist in seinem Essay so kurz skizziert hatte: den Verlust der Unschuld – und eventuell den Wiedergewinn einer gewissermassen höheren Unschuld.

Nun ist Pullman bekennender Humanist, die Gefahr also, dass wir hier ein theologisch-christliches Traktat vor uns haben, ist gering. Pullman soll His Dark Materials bewusst als Gegenentwurf zum Narnia-Zyklus von C. S. Lewis verfasst haben. Aber die Tradition dieser (ich nenne sie jetzt einmal salopp so) ‚christlichen Fantasy‘ ist v.a. in Grossbritannien länger: Der hier mit einem Kinderbuch auch schon einmal besprochene George MacDonald gehört hinein (v.a. mit Lilith!). Auf jene seit The pilgrim’s progress from this world to that which is to come von John Bunyan (1628-1688) existierende Tradition der Einkleidung christlichen Gedankenguts in märchenhaft-phantastische Gestalt habe ich schon in meinen Notizen zu MacDonald hingewiesen. Last but not least weist der Titel der Trilogie auf eine weitere Inspiration und Quelle Pullmans hin – eine Quelle, die er auch im Motto von Northern Lights zitiert – John Miltons Paradise Lost:

Into this wilde Abyss,
The Womb of nature and perhaps her Grave,
Of neither Sea, nor Shore, nor Air, nor Fire,
But all these in thir pregnant causes mixt
Confus’dly, and which thus must ever fight,
Unless th‘ Almighty Maker them ordain
 His dark materials to create more Worlds,
Into this wilde Abyss the warie fiend
Stood on the brink of Hell and look’d a while,
Pondering his Voyage …

Somit haben wir Kette und Einschuss der Trilogie: Die Frage, ob nicht vielleicht das, was die Kirchen und Theologen dieser Welt als ‚Sünde‘ brandmarken, das ‚Gute‘ sei (eine ethische Fragestellung also) und die Frage, ob es nicht einen Zustand der Unschuld gibt, die uns ermöglicht, die Welt ‚besser‘ oder ‚richtig‘ zu erkennen. Das Resultat ist ein philosophischer Roman (wenn man so will), ein Entwicklungsroman mit starkem Fantasy-Einschlag.

Um sich seinen Fragen zu nähern, verwendet Pullman logischerweise ein Kind als Protagonistin; es ist auch logisch, dass es ein Mädchen sein muss – ist doch die ‚Sünde‘ im Verständnis der christlichen Theologen durch eine Frau in die Welt gekommen. Es ist auch logisch, dass Northern Lights in einer Parallel-Welt spielt, wo der Einfluss der Kirche stärker ist als im Europa unserer Welt. Lyra wächst in Oxford auf, in einem vom unsern leicht verschiedenen Oxford. Man rechnet Northern Lights gern zur „Steam Fantasy“, übersieht aber dabei, dass Pullmans Welt nur deshalb gefühltes 19. Jahrhundert ist, weil gewisse Dinge mit andern, altertümlicheren Begriffen bezeichnet sind; das Wissen und der Stand der Technik entsprechen durchaus der zweiten Hälfte unseres 20. Jahrhunderts. Der eigentliche Unterschied ist, dass die in Lyras Oxford und auch sonst in jener Welt herrschende Religion – die Pullman nicht Christentum nennt, auch wenn sie über einen Papst verfügt und offenbar die biblische Schöpfungsgeschichte, den Anfang der Genesis, so kennt wie wir – als Kirche eine absolute Kontrolle über die Wissenschaft ausübt.

Wir erleben in Lyras Welt sprechende Bären und fliegende Hexen, wir erleben vor allem, wie die Menschen dieser Welt allesamt mit einem Dæmon verbunden sind – gewissermassen (so wird es zu erklären versucht) ihrer Seele, die sie in Tiergestalt ausserhalb ihres Körpers begleitet. Die Dæmonen der Kinder können ihre Gestalt noch wechseln, mit der Pubertät entscheiden sie sich für eine Form. (Ja, Heinrich von Kleist winkt da recht deutlich mit dem Zaunpfahl!) Die Bären leben in der Nähe des Nordpols, können sprechen und tragen einen Panzer. Lyra befreundet sich mit einem Exemplar und muss sich belehren lassen, dass kein Mensch einen Bären austricksen könne. Tatsächlich hat sie bei einem freundschaftlichen Fechtkampf mit ihm keine Chance: Der Bär erkennt jede Finte. (Heinrich von Kleist winkt abermals.)

So erleben wir, wie Lyra gegen ihren Vater, gegen ihre Mutter antritt, um gegen die Verteufelung und angestrebte Vernichtung des Staubs, eines Aurora-Phänomens, das  am Nordpol beobachtet werden kann, anzutreten. Der Staub nämlich wird von der Kirche ihrer Welt – in einer gewagten Interpretation des Satzes „Asche zu Asche, Staub zu Staub“, den die Kirche mit der Erzählung von der Original-Sünde verknüpft – der Staub also wird als verkörperte Sünde betrachtet. Nur Lyra hat die Eingebung, dass – wenn alle bösen Menschen, inklusive ihrer Eltern, den Staub verteufeln, er doch eine ‚gute‘ Sache sein könnte. Ein Coming-of-Age-Roman verknüpft mit der Einsamkeit des klassischen Recken auf seiner Queste.

Die Lektüre ist vergnüglich und spannend, bietet aber auch Gedankenfutter. Zumindest Band 1 von His Dark Materials kann ich empfehlen. (Milton natürlich auch…)

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