Edmond & Jules de Goncourt: Journal. [Band 11: 1894-1896 / Beibuch / vorläufige Schlussbemerkungen]

Band 11: 1894-1896

Ironie des Schicksals: In den hier dokumentierten zweieinhalb Jahren vor seinem Tod hat sich Edmond bedeutend besser gefühlt als noch die drei Jahre davor. Seine Leberkoliken tauchen nur noch selten auf. Edmond, ansonsten ein unverbesserlicher Hypochonder, der seit Jahren und bei jeder Erkältung mit seinem baldigen Tod rechnet, plant im Frühling 1896 sogar noch ein allerletztes Buch für nächstes Jahr.

Ansonsten allerdings bieten seine letzten Jahre wenig Erfreuliches. Zwar erlebt er es noch, in der Ehrenlegion ‚befördert‘ zu werden, seine öffentliche Anerkennung steigt also. Es ist zu seinem grossen Bedauern aber nicht der Dramatiker Goncourt, der geehrt wird – dabei wären die beiden Brüder so gern als Dramatiker berühmt geworden – sondern der Wegbereiter des Naturalismus im Roman. (Eine weitere Ironie des Schicksals will es, dass keiner der zu ihrer Zeit in Paris berühmten Dramatiker heute noch bekannt ist, wenn wir von den ausländischen Grössen wie Wilde, Hauptmann oder Ibsen absehen.) Die Empfänge bei Mathilde langweilen ihn (zu viele Juden anwesend für seinen Geschmack!), Mathilde selber bleibt distanziert, und sogar mit Daudet kühlt sich das Verhältnis nun rapide ab. In Edmonds Darstellung ist es vor allem Madame Daudet, die ihm Misstrauen entgegen bringt, und die Tatsache, dass er in Alphonse Daudet den Wunsch wittert, entgegen allen Beteuerungen doch Mitglied der Académie Française werden zu wollen. (Was ihn für seine eigene Akademie ängstigt, sollen doch dort nur Autoren Einsitz nehmen dürfen, die nicht Mitglied der Académie Française sind, und Daudet ist fest gesetzt.)

Der einsetzende Bruch kann noch gerade so gekittet werden. Der letzte Tagebuch-Eintrag Edmonds datiert vom 3. Juli 1896, wo er mit Robert de Montesquiou zu Daudet aufs Land fährt. (Jener Robert de Montesquiou, der als Vorbild für Marcel Prousts Charlus bis heute bekannt ist; seine eigenen Schriften – denn auch Montesquiou war Autor – sind heute unbekannt. Auch Huysmans, eine Zeitlang Goncourts Weggefährte, hat Montesquiou als Vorbild für eine seiner literarischen Figuren genommen.) 13 Tage später – aus dem dazwischen liegenden Zeitraum haben wir keine Einträge – wird Edmond an Daudets Frühstückstisch zusammenbrechen.

Edmond de Goncourt stirbt, wenn man so will, am Vorabend grosser Ereignisse. Die Dreyfus-Affäre beginnt in Frankreich Kreise zu ziehen; Zola macht sich daran, seinen Ruhm in die politische Waagschale zu werfen. Der Anti-Semit Goncourt vermutet dahinter, dass sich Zola einfach bei den (seiner, Goncourts, Meinung nach) die Macht und das Geld habenden Juden einschleimen will. Daudet, der trotz seiner Krankheit noch eine Reise nach England unternimmt, bringt von dort noch die ersten Neuigkeiten vom Ausbruch des Skandals um Oscar Wilde und seinen jungen Geliebten von Adel – jenem Skandal der Wilde in jedem ausser dem wörtlichen Sinn das Genick brechen sollte. Aber Goncourt erkennt die Tragweite der beiden Ereignisse nicht.

Beibuch

Grösstenteils ein – unerlässliches! – Namensregister aller Personen, mit denen die Goncourts in Kontakt kamen. (So liess z.B. sich anhand des Namensregisters mein Eindruck verifizieren, dass, obwohl auch er Mathilde Bonapartes Abende besuchte, Marcel Proust und Edmond de Goncourt sich nicht begegnet sind, bzw. falls, Proust jedenfalls bei Edmond keinen bleibenden Eindruck hinterliess: Proust figuriert nicht im Register.)

Schade, dass zwar einige Gemälde auf Hochglanz-Papier reproduziert wurden, aber der wohl interessanteste Teil – nämlich die Fotografien Edmonds im Haus in Anteuil – nur auf Drittels- oder gar Sechstels-Seite verkleinert und auf normalem Papier abgedruckt sind. So erkennt man kaum etwas von Edmonds häuslicher Umgebung, auf die er doch so grossen Wert legte. Eine, wie sie sich selber nennt, Kleine Goncourt-Chronik, rundet das Bändchen ab, neben (wie man heute sagen würde) Texten zum Making-of der Übersetzung. Der Beiband ist also hilfreich und unentbehrlich.

Die Tagebücher der Brüder Goncourt

Ich vermute, dass ich bis heute neben den Herausgebern und den Übersetzerinnen der einzige bin, der die Tagebücher von A bis Z gelesen und sich (mehr oder weniger öffentlich) dazu geäussert hat. Mehr als die Hälfte der Zeit, die die Tagebücher abdecken, wurden sie nur von Edmond geschrieben. Edmond aber war offenbar von den beiden der bedächtigere, der melancholischere auch. Die frech-zynischen Bemerkungen über ihre Freunde finden sich also vor allem in den Teilen bis 1870. Edmond kann auch verletzend schreiben, aber er verletzt oft aus gekränkter Eitelkeit. (Denn austeilen konnte er – einstecken nicht.) Die Tagebücher sind trotz aller Offenheit kaum intim zu nennen. Die genauen Umstände von Jules‘ Tod, die Veränderungen, die die Krankheit in Jules‘ Charakter hervorrief, findet man offenbar nur in Edmonds Briefen an Gustave Flaubert; sie werden hier im Beibuch zumindest skizziert. Edmonds Geliebte aus den 80er Jahren bleibt anonym.

Edmond ist ungeheuer auf Paris zentriert. Gerhart Hauptmann kennt er – weil Hanneles Himmelfahrt in Paris aufgeführt wurde. Ibsen dito, aber ob die Skandinavier nun Dänen, Schweden oder Norweger sind: Edmond wirft alle in einen Topf und nennt sie Schweden. Sich den Namen von Personen zu merken, mit denen er nicht direkt oder über ihre Stücke Kontakt hatte, war ihm offenbar nicht möglich. Zwar hörte er über weltoffenere Freunde und Kollegen durchaus von ihnen, aber ihre Namen konnte er nie behalten, auch dann nicht, wenn sie im übrigen eine gewisse Bekanntheit aufwiesen: Jener englische Journalist, der sein Kunstverständnis kritisierte, war der berühmte Kunsthistoriker John Ruskin. Jener Philosoph, der als ‚Master-Mind‘ hinter allen schwedischen Dramatikern steckte und deren Weltanschauung beeinflusste, war Søren Kierkegaard.

Ansonsten gilt auch für die Tagebücher der Goncourts, was für alle Tagebücher gilt: Es befindet sich viel Feines darunter, aber auch Geröll, das abgetragen gehört. Die Goncourts sind begnadete Beobachter, was den Anteil des Gerölls klein macht. Als Live-Dokumentation der Pariser Literaturszene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die Tagebücher wohl einmalig. Aber selbst nach einem halben Jahr ziemlich intimem Kontakt mit den Goncourts kann ich mich nicht dazu aufraffen, einen ihrer Romane zu lesen.

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