Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Naturgeschichte

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor …

Weil: Vor ein paar Tagen habe ich Buffons Allgemeine Naturgeschichte zu Ende gelesen, und ich weiss immer noch nicht, was ich von ihr halten soll. Vielleicht habe ich das Falsche von diesem Buch erwartet. Buffon war für mich Aufklärer, Zoologe. Brehms Tierleben auf Französisch, sozusagen. Verführt dazu hat mich wohl u.a. die Tatsache, dass Richard Katz (z.B. in seinem Kleinode der Natur) ihn zum Thema „Kolibri“ schon mal zitiert, derselbe Katz, der auch von Alfred Brehm schwärmt. Dazu dann der Werbetext auf der hinteren Umschlagseite meiner Ausgabe (ich komme auf sie zurück), der Buffon einen „literarischen Klassiker und Vorläufer Darwins“ nennt, und selber aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zitiert (leider ohne nähere Angaben zu Verfasser oder Zusammenhang): „Buffon ist, deutlicher noch als Humboldt, eine Schwellenfigur“. Gemeint sind wohl Alexander von Humboldt und die Schwelle zur modernen Naturwissenschaft.

Einiges von meiner Enttäuschung und Irritation mag meiner Ausgabe geschuldet sein. Ich habe den bei Zweitausendeins kürzlich erschienen Ziegelstein gekauft, der die deutsche Übersetzung von ursprünglich 7 Bänden in einem zusammengefasst bringt. Es handelt sich dabei um die Übersetzung, die zwischen 1771 und 1774 in Berlin erschien. Diese Übersetzung bringt nur eine Auswahl aus der ab 1749 erscheinenden Histoire naturelle générale et particulière, die bei Buffons Tod 1788 36 Bände umfassen sollte, und nach seinem Tod noch weitergeführt wurde. Da ist sehr wenig „Tierleben“ drin, sehr viel aber über die „Historie und Theorie der Erde“, über Geologie, Meteorologie, Meereskunde, oder über Vulkanismus. Erst im 4. Band der deutschen Übersetzung kommen dann die Lebewesen an die Reihe, nämlich die Art und Weise ihrer Fortpflanzung. Buffon lehnt die Theorie spezieller „Samentierchen“ ab, er ist der Meinung, in seinem Mikroskop in jeder einem pflanzlichen, tierischen oder dem menschlichen Körper entnommenen Substanz kleine Lebewesen (er nennt sie „lebendige Automaten“) entdeckt zu haben, die er für die Grundlage jeden Lebens nimmt. Band 5 handelt von der Natur des Menschen, v.a. seinen Sinnesorganen. Band 6 ebenfalls von der Natur des Menschen, doch diesmal v.a. in völkerkundlicher Hinsicht. Der abschliessende Band 7 dann behandelt die Sinnesorgane der Tiere und zeigt nach Buffons Ansicht auf, dass die menschlichen Sinnesorgane denen der Tiere weit überlegen sind.

Buffon ein Aufklärer? Seine enzyklopädische Herangehensweise stimmt mit der Aufklärung überein. (Die französischen Enzyklopädisten, allen voran Denis Diderot, wussten zwar nicht so recht, was mit Buffon anzufangen sei. Einerseits systematisierte und popularisierte er Wissen, was dem aufklärerischen Standpunkt entgegenkam. Andererseits war das Volk, das Buffon aufklärte, halt dann doch wieder vor allem der König und sein Hof – was sich auch in der Nobilitierung Buffons ausdrückte.) Doch neben politischen Gründen sprechen auch wissenschaftliche dagegen. Ähnlich wie Goethe wehrt er sich gegen bereits allgemein akzeptierte wissenschaftliche Erkenntnisse, bzw. Standards. Während Goethe sich in den aussichtslosen Kampf gegen Newtons Optik verrannte, polemisierte Buffon ebenso aussichtslos gegen das klassifikatorische System des Ritters Carl von Linné. Warum sollte der Naturforscher das Pferd und den Hirsch als Paarhufer zusammen klassifizieren, wenn doch im Alltag das Pferd und der Hund – unabhängig von der Verschiedenheit ihrer Gehwerkzeuge – immer wieder zusammen auftreten würden? Es sei also viel besser, dem Pferd (als dem für den Menschen wichtigsten Tier) sogleich den Hund folgen zu lassen – das zweitwichtigste Tier also. Demzufolge würde ich Buffon eher nicht als Aufklärer bezeichnen, und wenn als „Schwellenfigur“, dann doch als eine, die noch ziemlich weit auf der „alten“ Seite hängt. Dazu passt auch, dass er sich zwar im Vorwort dagegen wendet, dass bis zu seiner Zeit in den Naturwissenschaften immer wieder Aristoteles zitiert würde, es aber keineswegs besser macht, sondern den alten Griechen ebenso wie den alten Römer Plinius immer wieder im Munde führt. Last but not least steht Buffon genau das im Weg, was seinen Ruhm schon zu seinen Lebzeiten und bis heute ausmacht: Er wirkte stilbildend. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Stil, seine Sprache galten als vorbildlich; und auch er selber bildete sich offenbar nichts Geringes auf die Wichtigkeit der sprachlichen Form ein:  „Le style est l’homme même.“ lautet sein berühmtes diesbezügliches Zitat. Der Stil ist der Mensch selber. Es dauerte rund 100 Jahre, bis die französischen Naturwissenschafter wieder aus dem riesigen Schlagschatten Buffons heraustreten konnten, und es auch in Frankreich wieder möglich war, zu wissenschaftlich relevanten Themen zu publizieren und damit Erfolg zu haben – der Erfolg also nicht an der Eleganz des Stils hing, unabhängig vom Thema und der Relevanz der Publikation. In dieser Zeit waren ihnen die Engländer und die Deutschen schon fast davon gerannt.

Buffons Stil allerdings, und damit komme ich noch zu meiner Berliner Übersetzung, ist in der deutschen Ausgabe von 1771ff. nicht erkennbar. Der Übersetzer Heinrich Wilhelm Martini übersetzt nicht nur dem damaligen Usus gemäss sehr frei, er kann sich auch von seinem typischen umständlichen Gelehrtenstil nicht befreien. Eine solche Lektüre ermüdet den heutigen Leser. Interessant ist diese Übersetzung eigentlich nur dadurch, dass Martini (ebenfalls nach damaligem Usus) in Fussnoten gleich seine (meist kritischen und vernichtenden) Kommentare zu Buffons Erkenntnissen veröffentlicht. Und auch schon mal Fussnoten zu den Fussnoten, in denen weitere deutsche Wissenschafter Buffon oder Martini kommentieren. Das wirft ein interessantes Licht auf die damaligen Gepflogenheiten im wissenschaftlichen Diskurs.

Und Darwin? Ja, Darwin ist hier ganz verloren gegangen. Wenn es schon ein Merkmal dafür ist, Vorläufer Darwins zu sein, wenn man den menschlichen Körper nach denselben Kriterien behandelt wie den tierischen, müssten praktisch alle Anatomen seit der Renaissance (und ein paar arabische Ärzte seit dem 13. Jahrhundert) Vorläufer Darwins sein. Sicher: Buffon hatte zu Lebzeiten kleinere Scharmützel mit der theologischen Zensur der Sorbonne. Die betrafen aber nur kleine Bemerkungen zur Allwissenheit eines Verstandes, die ich, ehrlich gesagt überlesen hätte, wenn nicht Buffons Antworten auf die theologischen Vorwürfe in meiner Ausgabe mit abgedruckt worden wären. Naturwissenschaftlich Relevantes hat Buffon, so weit ich sehe, nicht publiziert. Er war Sammler und Verbreiter des Wissens, nicht Vermehrer.

Alles in allem also eher ein Lektüre für Hardcore-Wissenschaftsgeschichtler. Jedenfalls in der vorliegenden Ausgabe. (Vielleicht sollte ich mir ja trotzdem einmal das 40-bändige Original antun?)

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