Snob, der:

Jemand, der auf seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe stolz ist, und diesem seinem Stolz auch gegenüber Nicht-Mitgliedern gehörig (und meist von oben herab) Ausdruck gibt. Der Stolz und die Herablassung sind umso nötiger, als irgendwo im Hinterkopf des Snobs es eine leise Stimme gibt, die ihm zuflüstert: “Eigentlich … also eigentlich gehörst Du gar nicht an diesen Platz!” Der Snob hat so oft etwas vom Parvenü, vom Emporkömmling, der seine nicht-standesgemässe Herkunft zu verschleiern sucht.

Der Snob ist demnach das Produkt einer Zeit, in der die Grenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen zwar fliessend und durchlässig wurden, gleichzeitig aber noch genügend im Bewusstsein der Menschen verankert waren, um eine wichtige Rolle zu spielen. Der Snob entstand so logischerweise im Grossbritannien des 19. Jahrhunderts, zur Zeit Viktorias.

Der erste, der den Snob beschrieb, zugleich den Begriff prägte und definierte, war William Makepeace Thackeray. Ein Jahr lang, vom 28. Februar 1846 bis zum 27. Februar 1847, veröffentlichte er jede Woche im Satiremagazin Punch einen Artikel zum Thema “Snob”. Thackerays Auslassungen sind bis heute lesenswert. Er schildert City-Snobs, achtbare Snobs, Universitätssnobs, Countrysnobs, Clubsnobs usw. usw. Sicher, einige der Snob-Typen interessieren heute bwz. auf dem Kontinent nicht (mehr): Die Politischen Snobs sind reine Partei-Satire, und wer weiss heute schon auf dem Kontinent, wes Geistes Kind damals die Whigs in Grossbritannien waren, wer sie vertrat und welche Ziele sie verfolgten? Andere politische Ausfälle – z.B. gegen die damals herrschende Sitte, im Militär das Kommando über Schwadronen oder Kompanien irgendwelchen Jungspunden zu übergeben, nur weil sie auf eine Reihe adliger Vorfahren zurückblicken konnten, haben sich auch überlebt, weil diese Sitte schon lange nicht mehr existiert. Oft enden Thackerays Satiren tragisch, weil sich der Snob bei seinem Versuch, zu einer Gruppe (z.B. einem Club) zu gehören, die weit über seinem Vermögen steht, eben dieses völlig dafür aufbraucht, aber noch bei unmittelbar bevorstehendem Bankrott riesige Bankette für die andern Club-Mitglieder schmeissen will. In der Zwischenzeit geht seine Ehe ebenfalls den Bach hinunter.

Dennoch eine vergnügliche Lektüre – und der Leser wird mit Erstaunen feststellen, dass der Snob bis heute nicht ausgestorben ist – und dass in jedem von uns ein Stück Snob enthalten ist.

(Thackerays 52 Aufsätze sind mittlerweile gesammelt und auf Deutsch übersetzt worden: William Makepeace Thackeray: Das Buch der Snobs. [Engl. Originaltitel: The Snobs of England. By One of Themselves.] Zürich: Manesse, 2011.)

PS. Nahe verwandt mit dem Snob ist der Dandy. Die beiden Typen können aber unterschieden werden, auch wenn die Schnittmenge gross ist. Der Dandy lebt sein Leben einem ästhetischen Ideal, meist einem äusserlichen Ideal, weshalb er dem Snob so ähnlich sieht. Um ein Beispiel aus meiner aktuellen Lektüre zu nehmen: Insofern  Brenner, der Protagonist von Burgers gleichnamigen Roman, beim Rauchen seiner Zigarren einem ausgesuchten Ritual folgt und seine Zigarre passend zur Situation wählt, ist er ein Dandy. Insofern er aber über Ritual und Auswahl dem Leser gegenüber detailliert und herablassend doziert, ist er ein Snob.

(Wie gross die Verwechslungsgefahr ist, zeigt auch der Schutzumschlag der oben erwähnten Thackeray-Ausgabe. Wie immer in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur steht im Zentrum der Vorderseite ein zeitgenössisches Gemälde. Dieses zeigt hier aber nicht einen Snob, sondern den Dandy Robert de Montesquiou – heute vor allem bekannt als Vorbild von Charlus in Marcel Prousts À la recherche du temps perdu.)

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