Philip Pullman: The Amber Spyglass [Das Bernsteinteleskop]

Lyras Queste geht mit diesem dritten Band von His Dark Materials zu Ende. Noch einmal zieht Pullman sämtliche Register seines philosophischen und literaturgeschichtlichen Wissens.

In gewisser Weise könnte man nämlich den Band 3 als Allegorie auf die Geschichte der Philosophie interpretieren. Ohne die Analogie zu weit treiben zu wollen. Mittel- und Angelpunkt der Story ist die Reise der beiden Protagonisten, Lyra und Will, durch die Welt der Toten. Lyra nämlich schuldet Roger, dem Spielgefährten ihrer Kindertage, noch eine Entschuldigung. Sie hatte sich seinerzeit (in Band 1) aufgemacht, ihn aus den Klauen jener kirchlichen Institution zu retten, die Kinder von der Sünde (d.i. dem „Staub“) befreien wollte, indem sie sie von ihrem Dæmon trennte. Sie konnte Roger retten – nur um ihn unmittelbar darauf ihrem eigenen Vater, Lord Asriel, auszuliefern, der dieselbe Operation an ihm vornahm. Roger starb und gleichzeitig entstanden in den verschiedenen Universen kleine und grössere Risse, durch welche nun der „Staub“ alle Welten für immer verliess. Sich bei Roger zu entschuldigen, war primäres Ziel von Lyras Queste, den Ursprung und das ‚Wesen‘ des Staubs zu eruieren, kam dazu, zum Schluss dann auch die Aufgabe, das endgültige Verschwinden des Staubs aus den Universen zu stoppen.

Auf ihrem Weg machen Lyra und Will auch eine gewissen philosophische Entwicklung mit. Die Tatsache, dass ausser dem Körper (der nach dem Tod langsam zerfällt) und der Seele (dem Dæmon, der sich sofort auflöst) noch etwas da ist, das sich in der Welt der Toten aufhalten kann, bringt Lyra auf den Gedanken eines ‚Ich‘, das erst die Einheit von Körper und Seele denken kann. Das höchste Ziel der seelenlosen Toten, ist es nun nur noch, einen Weg an die Oberfläche zu finden, wo sich ihre Atome endgültig auflösen und mit den Atomen der Gräser, der Wolken etc. wieder vermischen können. Stand beim ‚Ich‘ eindeutig Descartes Pate zur Idee, ist es hier ebenso eindeutig Lukrez gewesen und der spätere Materialismus.

Lyra und Will begehen unterwegs viele Fehler, aber gerade ihre Fehler ermöglichen es ihnen immer wieder, auf ihrer Queste einen weiteren Schritt voran zu kommen. Natürlich erfüllen sie alle ihre Ziele; und sogar der letzten Versuchung, sich irgendwo ein geheimes Fenster offen zu halten, um sich gegenseitig in ihren Universen besuchen zu können, widerstehen Lyra-Eva und Will-Adam. Die Fenster werden alle geschlossen, der Intelligenz bringende „Staub“ bleibt erhalten.

Das Ende ist mir persönlich etwas allzu glatt geraten. Die platte Moral von der Geschicht‘, auch wenn es eine anti-kirchliche ist, wirkt essentiell bieder. Und, ja: Pullmans Werk ist essentielle Professoren-Literatur. Neben dem von Kritikern im angelsächsischen Raum immer wieder angezogenen Milton (Paradise Lost!) ist es vor allem der den dortigen Kritikern wohl eher unbekannte, und deshalb kaum erwähnte Heinrich von Kleist mit Über das Marionettentheater, wo Kleist die natürliche Grazie und Vollkommenheit der Unschuld deklariert, die das Bewusstsein nie erreichen kann. (So, wie das Kind Lyra ihren Aloëthemeter intuitiv lesen kann, diese Fähigkeit im Laufe des Roman zusehends verliert, und als sie sich dann, trotz ihrer nur 12 oder 13 Jahre erwachsene Frau, in Will verliebt, endgültig nicht mehr lesen kann.) Ebenfalls meist unterschlagen wird der komplexe Einfluss eines komplexen Autors: William Blake. Blake war zugleich eine Art Mystiker und ein Aufklärer, der all sein Vertrauen in  die Kraft der Vernunft setzte. Sein Satz:

Men are admitted into Heaven not because they have curbed & govern’d their Passions or have No Passions, but because they have Cultivated their Understandings.

könnte Pullmans Trilogie als Motto dienen.

Gesamtfazit: Ich weiss nicht, ob die Trilogie wirklich ‚gut‘ ist. Der erste Band liefert eine atmosphärisch dichte Schilderung eines etwas retardierten Oxford, die wirklich gelungen ist. (Pullman konnte hier schildern, was er selber kannte!) Band 2 ist eine eher zähe Angelegenheit, eine Aufstellung der Figuren für den Show-Down von Band 3. Der nimmt dann wieder Fahrt auf, aber das Ende mit dem Gedanken, dass die Welten nur gerettet werden, weil zwei arme Wesen ihre Liebe opfern, befriedigt mich nicht. Allerdings hat mich dafür die eine Szene völlig entschädigt, wo der HErr persönlich auftritt: ein völlig dementer, uralter Engel, der in einer Bahre vor den anstürmenden Truppen Lord Asriels gerettet wird, den aber der Schreck über die unterwarteten und ihm unerklärlichen Ereignisse dennoch tötet (ja, auch Nietzsches Gott ist tot! wird in dieser Trilogie zu Ehren kommen). Metatron hingegen, der Engel an SEiner Seite, und eigentlicher Regent, wird als machtgeiles Wesen beschrieben – was vor allem die hiesigen Esoteriker nicht mögen werden. Er wird denn auch in der einzigen gemeinsamen Aktion von Lyras Vater und Mutter von den beiden in den Abgrund gezogen, den Lord Asriels Experiment kreiert hat. Auch die beiden Menschen sterben dabei.

Nicht zu 100% befriedigend also, aber unterm Strich dennoch nicht schlecht, da intelligent und mit grossem Wissen geschrieben.

PS. Ach ja – Lord Asriels Faktion hat den Krieg um den Himmel gewonnen.

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