Louis-Antoine de Bougainville: Reise um die Welt. Über Südamerika und durch den Pazifik zurück nach Frankreich 1766-1769

Sehr geehrter Herr Dr. Lars Martin Hoffman!

Sie zeichnen als Herausgeber für den oben genannten Band aus der „edition erdmann im marix-verlag“ verantwortlich und haben auch ein Vorwort dazu geschrieben. Das ist Ihr gutes Recht. Leider muss ich Ihnen gestehen, dass mir dieses Ihr Vorwort nicht so recht zu gefallen mag. Schon bei flüchtiger Lektüre sind mir zwei gröbere Fehler aufgefallen.

Da ist zum einen die Tatsache, dass sie jenen amerikanischen General und späteren ersten Präsidenten der USA – dessen Anziehen sowieso mehr ’names dropping‘ war als biografische Notwendigkeit, Bougainville und Washington haben zwar im Siebenjährigen Krieg bei den jeweiligen Kriegsparteien mitgemacht, sind sich aber kaum persönlich begegnet, doch nicht dieses ’names dropping‘ missfällt mir – die Tatsache also, dass Sie jenen Mann durchgehendes „Georges“ nennen, aus dem englischen ‚Tschohrtsch‘ also einen französischen ‚Schorsch‘ machend. Es mag sogar sein, das will ich Ihnen zugeben, dass es Varianten gab, dass sich eventuell sogar Washington selber auch zwischendurch ‚Georges‘ schrieb, so, wie sich auch Goethe zwischendurch mal ‚Göthe‘ schrieb. Dann aber wäre ein kleiner Hinweis und die Beantwortung der Frage, warum Sie Ihre spezielle Schreibweise gewählt haben, am Platz gewesen.

Schlimmer und im Grunde genommen unverzeihlich ist die Tatsache, dass Sie beim Aufzählen anderer Weltumsegelungen selbstverständlich auch auf James Cook gekommen sind. Das heisst, diese Tatsache wäre ja nicht schlimm. Aber Sie können bei der Nennung von Cook ja nicht umhin, zu erwähnen, dass mit Cook auch zwei Deutsche an der seiner zweiten Weltumsegelung teilgenommen haben – „die deutschen Brüder Georg und Johann Reinhold Forster“. Nun wird wohl jeder, der die ‚Edition Erdmann‘ kennt und liest, sich in alten Reisen so weit auskennen, dass er weiss, dass es sich bei Johann Reinhold und Johann Georg Adam um – Vater und Sohn gehandelt hat. So ein Patzer darf ganz einfach nicht passieren.

Wenn dann im Text selber bei der Erwähnung der „Île de France“ Fussnote 102 rückverweist auf Fussnote 96 (wohl in der richtigen Erinnerung, in einer früheren Fussnote schon einmal erklärt zu haben, dass die damals ‚Île de France‘ genannte Insel dem heutigen Mauritius entspricht – was auch die beigefügte Karte eine Seite weiter nochmals erwähnt), diese Fussnote 96 aber die zu den Molukken zählende Insel Burru verortet, beginnt der Leser grosse Schludrigkeit zu ahnen und allen Fussnoten und weiteren editorischen Eingriffen zu misstrauen.

Dabei haben Sie im Vorwort zu Recht darauf hingewiesen, dass der frühere Land-, nunmehrige Seeoffizier im Dienste des französischen Königs Bougainville seinen Bericht keineswegs als Exemplifikation der Rousseau’schen These vom ‚edlen Wilden‘ verfasst hat, zu dem ihn spätere redaktionelle Eingriffe Dritter transformierten. Diese Eingriffe reduzierten den ganzen Text auf die Schilderung der paar Tage auf Tahiti, wo Bougainville tatsächlich bei den Eingeborenen fast paradiesische Verhältnisse vorfand. (Wobei auch in diesem Paradies der Teufel schon war: Die Einwohner waren bereits von weissen Seefahrern mit Geschlechtskrankheiten angesteckt worden.) Die tatsächlichen soziologischen Verhältnisse auf Tahiti interessierten Bougainville sowieso nicht. Er sah nur die fröhliche Oberfläche, die ihm die Eingeborenen hinstellten.

Überhaupt scheint Bougainville zuweilen etwas (gewollt?) naiv zu sein. Eigentlich fand die  Reise statt, weil der französische König seinem spanischen Kollegen die von Bougainville auf eigene Faust gegründete französische Kolonie auf den ‚Îles Malouines‘ (den Falkland-Inseln) zurückgeben wollte. Die paar Menschen auf den paar Steinen lohnten keinen Krieg. Widrige Verhältnisse zwangen Bougainville auf dem Weg dorthin, in Rio de Janeiro einen Zwischenhalt zu machen. Wie konnte er sich naiv über die schlechten Sitten des dortigen General-Gouverneurs aufhalten! Dabei hätte auch ihm klar sein müssen, dass – je länger sich die beiden französischen Kriegsschiffe im Hafen aufhielten – desto grösser das Misstrauen des Portugiesen sein musste. Noch war Brasilien die schier unerschöpfliche Schatzkammer des Mutterlandes Portugal. (Ob Bougainville realisiert hat, dass sich das unter Napoléon änderte? Der hat bekanntlich den portugiesischen Hof nach Brasilien vertrieben, und die den Schutz des Hofs garantierenden Engländer erzwangen eine Öffnung des Landes.) Jetzt aber, 1766, waren die Franzosen de facto, wenn auch nicht de jure, unerwünscht.

Bouganivilles Naivität hier scheint umso seltsamer, als der grosse Teil seines Reiseberichts nautische Informationen enthält. Denn, trotz des Rückschlags mit den ‚Îles Malouines‘ war der französiche Admiral zeit seines Lebens überzeugt davon, dass Frankreich weltumspannend Kolonien benötigte, um seine Stellung als Grossmacht halten zu können. Er war sich auch dessen bewusst, dass Holland absichtlich Informationen über die Seewege in jenem Inselreich zurückhielt, das wir heute ‚Indonesien‘ nennen, ja die Schwierigkeiten der dortigen Seewege wohl absichtlich übertrieb, weil die Holländer kein Interesse daran haben konnten, fremden Nationen die Navigation in diesem Inselreich zu erleichtern, das wiederum für Holland – wegen des Exports von Gewürzen – eine reiche Schatzkiste darstellte.

Eine andere Naivität Bougainvilles war seine feste Überzeugung, dass Australien – nicht existiere. Tatsächlich hatte er nämlich sogar Australiens Nordost-Küste berührt – aufgrund seines Vorurteils aber nicht realisiert, was er da vor sich hatte. Er glaubte nur an eine weitere, grössere Insel.

Bougainvillea

Bougainvillea

Tatsächlich hat also Bougainville seinen Bericht vor allem aus nautischer und politischer Sicht geschrieben. Andere Informationen finden sich eher spärlich. Zwar war auch bei ihm ein Botaniker mit an Bord, aber den Offizier interessierten allenfalls Bäume – um Ersatz-Masten daraus zu machen. Denn Mast- und Schotbrüche gab’s zu Hauf, man wundert sich als Mensch des 21. Jahrhunderts, wie unter solchen Umständen auch nur schon von Portugal aus die Azoren erreicht werden konnten. (Die Tierwelt, nebenbei, interessierte auch höchstens, insofern sie essbar war.)

Dass man Bougainville heute also vor allem als Schilderer des Paradieses auf Erden ‚Tahiti‘ kennt und als Namensgeber einer exotischen Blumengattung – dafür kann der Franzose selber wenig, und das haben Sie, sehr geehrter Herr Dr. Lars Martin Hoffmann, wiederum richtig herausgestrichen. Um so bedauerlicher die mich nach wie vor misstrauisch stimmenden Faux-pas.

Es grüsst Sie freundlichst

s.h.

PS. Um eventuellen zukünftigen Missverständnissen vorzubeugen: Wilhelm und Alexander von Humboldt sind nicht Vater und Sohn…

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