Hermann Burger: Essays und Preis-Reden / Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben / Tractatus logico-suicidalis

Essays

Dieser Teil des achten und letzten Bandes der Burger-Werkausgabe beinhaltet Texte von Burger über sein eigenes Schreiben. Es handelt sich zum Teil um sehr frühe Aufsätze (noch aus Burgers Zeit als Germanistik-Student). Es fällt auf, dass schon der Student dem Literaturbetrieb, dem Literaturwissenschafter sehr kritisch gegenüber steht. In vieler Hinsicht ist Burger noch (wieder?) der romantische Dichter, der an die Inspiration als wichtigste Instrument beim Schreiben (und Lesen!) glaubt.

Daneben finden wir in diesem Teil nochmals einen grösseren Aufsatz, der Burgers eigentlichen Heimatstadt gewidmet ist, Aarau. Aarau ist für Burger die Stadt, in der er zur Welt kam – rein physisch (er wurde in Aarau geboren), aber auch geistig, in seiner dort zugebrachten Zeit am Gymnasium nämlich – ergo nennt er Aarau im höheren Sinne eine «Weltstadt», mondialer als Paris, London, Rom. Nun, auch nach acht Bänden kann mich Burger nicht davon überzeugen…

Preis-Reden

Burgers Reden beim Empfang des Hölderlin-Preises (1983) und des Aargauer Literatur-Preises (1984). Betitelt Verfremdung zur Kenntlichkeit der erste, Schreiben als Existenzform der zweite. Schon die Titel sind Programm: Burger geriert sich als der Gaukler, der zwar dem Publikum nur Illusionen vorführt, diese Illusionen aber auf einer (für den Gaukler) vorhandenen Realität basieren lässt:

Alles, was wir berichten, auch das Autobiographische, erfinden wir noch einmal. Schon indem ich bestimmte Episoden der Kindheit auswähle, andere beiseite lasse, konstruiere ich in Verfälschung der Realität eine Chronologie. Unser Ziel ist Pararealität, nicht Imitation von Wirklichkeit.

Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben. Frankfurter Poetik-Vorlesung

Ulrich Horstmann hat es im Nachwort dieses Bandes richtig gesagt: Tatsächlich weigert sich der gelernte Literatur-Wissenschafter Burger, eine Poetik zu liefern im Sinne eines gelehrten Regelwerks zu Bau und Analyse von Sprach-Kunstwerken – und dann gar eine Poetik der eigenen Werke! So ist auch seine Frankfurter Poetik-Vorlesung eher ein feuilletonistischer Einblick in Burgers Roman-Werkstatt. Burger schildert die Art und Weise, wie aus einer Idee (z.B. dem merkwürdigen Namen eines Schulhauses, in dem ein Freund von ihm unterrichtet) ein Roman wird, wie er Fassung um Fassung schreibt, Informationen zu entlegensten Gebieten wie Flurnamen oder Harmonium-Bau zusammenträgt, Dutzende von Seiten darüber schreibt und sechs Siebtel des Geschriebenen wieder verwirft – der Poeta doctus in seinem Element. Mit Heinrich von Kleist hat diese Vorlesung allerdings nur im Titel zu tun.

Tractatus logico-suicidalis. Über die Selbsttötung

Ein wahrhaft bizarres Stück Literatur. Oft komisch und witzig – und doch eine kaum verklausulierte Ankündigung des eigenen Selbstmordes, Burger liefert hier eine vollständige Totologie (von ‘tot’ einerseits, dem lateinischen ‘totus’ = ‘ganz’ andererseits), wie er es nennt – eine Wissenschaft vom Selbstmord. Der Poeta doctus und der Gaukler, aus denen sich der Schriftsteller Burger primär zusammensetzt, kommen noch einmal so richtig zum Zug. Der Titel und die Anordnung in kurze Paragraphen selbstverständlich ein Hinweis auf Wittgensteins Tractatus Locico-philosophicus. Allerdings – wie schon in der Frankfurter Poetik-Vorlesung: Im eigentlichen Text ist von dem Autor, der im Titel quasi verfremdet zitiert wird, kaum die Rede.

Dafür kommen andere zum Zuge: Heinrich von Kleist spielt hier – im Gegensatz zur Frankfurter Poetik-Vorlesung – eine zentrale Rolle als der schon fast ideale Selbstmörder. Einsetzen wird Burger aber mit einem andern, mit jenem Schweizer, der ihn schon früh inspiriert hat: Conrad Ferdinand Meyer mit dessen Chor der Toten:

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!

Auch andere ‘Theoretiker des Selbstmords’ (wenn man so sagen will) kommen zu Wort: Jean Améry (Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod) und E. M. Cioran, einer der andern grossen literarischen Schalke. Überhaupt nimmt Burger in diesem Text zum ersten und einzigen Mal in grossem Massstabe nicht-deutsche Literatur wahr, vor allem die französische in Form der Existenzialisten Camus und Sartre. Von ersterem vor allem L’étranger (aber auch dessen Mythos des Sisyphos), von letzterem natürlich das Drama über die Toten in der Hölle der anderen: Huit Clos. Dostojewskis Dämonen fehlen ebensowenig; dass auch Hume als Kronzeuge für den Selbstmord angeführt wird, überrascht hingegen doch.

Ich habe Cioran oben nicht nur einen literarischen Schalk genannt, sondern einen der andern. Denn, das ist das Faszinierende und Gruslige an Burgers Text: Nicht nur fasst er noch einmal alle seine Themen zusammen (auch der Gaukler und Zauberkünstler, der sich selber zum Verschwinden bringt, und dem er schon in Diabelli ein Denkmal setzte, taucht des öfteren auf), es blitzen auch immer wieder witzige und ironische Spitzen auf. Der Tractatus ist tatsächlich eine vergnügliche Lektüre.

Und, à propos (literarisches) Denkmal setzen: Auch dieser Aspekt des Themas wird von Burger angesprochen: Wie weit oder wie gern wird ein Autor Selbstmord begehen, wenn er weiss, dass sein Werk überlebt? Dass vielleicht gerade sein Selbstmord seinem Werk jenen Anstoss gibt, der es ‘unsterblich’ macht? Heinrich von Kleist in seinem Kampf gegen Goethe, den er erst durch seinen Suizid gewann… Auf der andern Seite jene, die zwar nur indirekt Selbstmord begehen, indem sie sich früh eine Krankheit zuziehen, die zum Tode führt (ja, natürlich, auch Kierkegaard kommt vor), und die ihr Werk ebenfalls der Vernichtung anheim geben wollen, wie Kafka. Oder jener, der auf dem Totenbett noch erfährt, dass sein Roman gedruckt werden wird, ihn also überlebt (Fritz Angst mit seinem Roman Mars, der den Autor auch insofern selbständig überlebt, als dass wir den meist nur unter dem Pseudonym ‘Fritz Zorn’ kennen). Burgers Text lebt von Anekdoten.

Und schliesslich der Tractatus logico-suicidalis? In einer Zeit der ständig wechselnden Novitäten ist es marketing-technisch ein grosser Unsinn von einem Autor, zu sterben. Gar vorzeitig zu sterben. Denn einer, der nicht regelmässig neue Bücher auf den Markt wirft, wird sofort vergessen. Doch genau von diesem «Literaturbetrieb» hat sich Burger schon 1970 distanziert. Der Kreis schliesst sich.

1044 Ich sterbe, also bin ich.

1045 Was zu beweisen war.

1046 Finis.

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