Gerhard Schurz: Evolution in Natur und Kultur

Ein umfangreiches und recht anspruchsvolles Werk, in dem die Möglichkeiten einer Übertragung evolutionärer Strukturen auf andere Bereiche, insbesondere die der Kultur, analysiert werden. Diese Verallgemeinerung der Evolutionstheorie wird auch auf die Entwicklung des Kosmos oder die Ontogenese des Menschen ausgedehnt, wobei der Autor die berechtigte Frage stellt, ob es sich hiebei nicht nur um eine bloße Metapher handelt, etwas, das er aber unter Berücksichtigung einiger Einschränkungen verneint.

Der Dreh- und Angelpunkt dieser Überlegungen sind die drei „Darwinschen Module“ von Reproduktion, Variation und Selektion und deren Anwendung auf die erwähnten Bereiche, wobei das Buch ausführlich die ursprüngliche Theorie der Bio-Evolution und deren historische Durchsetzung berücksichtigt. Dieser erste Teil ist wunderbar klar geschrieben und auch als allgemeine Einführung in die Evolutionstheorie lesbar. Teil 2 beschäftigt sich dann mit ersten Verallgemeinerungen (abzüglich der „kulturellen Evolution“) bzw. mit verschiedenen wissenschaftsmethodischen Grundlagen, erörtert die Verbindungen zur Systemtheorie und dem Konzept der „Supervenienz“ und geht auf die ethischen Implikationen von Theorien im allgemeinen (etwa des naturalistischen Fehlschlusses) ein.

Im dritten Teil werden schließlich anhand des Mem-Begriffes die Parallelen von kultureller und biologischer Evolution erörtert. Hier wird aber bereits teilweise über das Ziel (und damit das Vermögen der Evolutionstheorie) hinausgeschossen, wenn die Trias Reproduktion, Variation und Selektion für alles und jedes in Anspruch genommen wird und Zusammenhänge auch dort konstruiert werden, wo sie sich nur mit einiger intellektueller Gewalt durchführen lassen. Hier – wie zu Beginn des vierten Teiles, indem die Mathematisierung der Modelle ausführlich erörtert wird, war ich bereits einigermaßen skeptisch, wusste aber noch nicht, wie ernst dem Autor die Umsetzung dieser Modellrechnungen war. Tatsächlich sind solche Wahrscheinlichkeits-Konstruktionen mit sehr großen Unsicherheitsfaktoren belastet: Immer müssen Vorab-Entscheidungen getroffen werden, was etwa die Gewichtung von Merkmalen betrifft bzw. es muss auch die multikausale Struktur der Realität bereinigt und den Berechnungen ein stark vereinfachtes Modell zugrunde gelegt werden. Diese Vereinfachungen machen schon bei rein populationsdynamischen Untersuchungen in der Biologie große Schwierigkeiten, manches von Schurz Angeführte (etwa die Lotka-Volterra-Gleichung der Räuber-Beute-Beziehung) ist – wie ich mir sagen habe lassen – längst obsolet. Trotzdem sind diese Vereinfachungen nicht gänzlich sinnlos, sondern können sehr wohl interessante allgemeine Zusammenhänge aufdecken, deren Übertragung auf die kulturelle Entwicklung aber mit größter Vorsicht erfolgen muss. (Schurz ist es aber recht gut gelungen, die sperrige, mathematische Materie darzustellen und er bemüht sich sehr um eine klare Definition und Einführung der Begrifflichkeiten, etwas, das man in diesem Zusammenhang nur selten findet.)

Allerdings musste ich zu meinem Erstauen feststellen, dass der Autor dann doch ganz konkrete Schlussfolgerungen zu ziehen geneigt ist: Aus der Spieltheorie ist etwa bekannt, dass das Kooperationsniveau durch Sanktionen gesteigert werden kann, woraus dann geschlossen wird, dass für „das gegenwärtige Problem gewalttätiger Jugendlicher vernünftiges Zureden allein – ohne die Möglichkeit strenger Sanktionen keine Lösung gefunden werden könne“. Nun sind mir überhaupt keine „sanktionslosen“ Lösungsansätze bekannt, hingegen weisen aber alle Untersuchungen darauf hin, dass strenge Strafen das Problem keineswegs lösen, eher noch verstärken. Solche spieltheoretischen Überlegungen operieren zwangsläufig mit Schwarz-Weiß-Dichotomien und sie sind, wie etwa das bekannte Gefangenendilemma, sehr stark von den (willkürlich gewählten) Ausgangsbedingungen abhängig. Gerade diese Vereinfachungen machen auch fast alle Überlegungen zu altruistischem bzw. egoistischem Verhalten belanglos: Denn alle Modelle setzen einen rein egoistischen oder altruistischen Typus voraus (wie er nirgends in realiter vorkommt). In keiner Person sind nun solche „idealen“ Typen repräsentiert – und noch schlimmer: Man kann auch ihre Entwicklung unmöglich vorhersagen, da es unendlich viele beeinflussende Faktoren gibt. Eigentlich ein Liebhaber der Spieletheorie ist sie hier – vor allem was ihre konkreten Einsatzmöglichkeiten nebst Schlussfolgerungen betrifft – völlig fehl am Platz.

Im fünften Teil werden – laut Titel – die Probleme von „Gut und Böse“ erörtert, wobei sich der Autor auf die erwähnten Beispiele der Spieletheorie beschränkt und daraus seine – recht trivialen – Schlüsse zieht. Erst der allerletzte Teil über die Entstehungsgründe für Religionen ist wieder überaus lesenswert. Schurz beschreibt hier die Evolutionäre Erkenntnistheorie und die von ihr beschriebenen Zusammenhängen zwischen Wahrheit und evolutionärem Erfolg: Bewährte Erkenntnismethoden haben einen hohen Wahrheitsgrad, weil sie sonst bereits negativ selektiert worden wären. Dies erklärt nicht das Paradox von Religionen, die auf zahlreiche, der Realität und Erfahrung widersprechende Aussagen zurückgreifen, aber keineswegs ausgestorben sind (eigentlich hätten sie – das Wahrheitsprogramm betreffend – gar nicht entstehen können). Schurz erklärt dieses Phänomen plausibel mit den sogenannten Placeboeffekten der Religion (wobei der Placeboeffekt selbst real ist und keineswegs illusionär): Neben individuellen Placeoboeffekten (Bias der Selbstüberschätzung, hindsight bias, Selbstgerechtigkeitsbias, Bewältigung der (eigenen und fremden) Todeserfahrung) sind es vor allem die von Topitsch beschriebenen kognitiven, sozial-normativen und emotiven Dimensionen, die sich hier auswirken: Im kognitiven Bereich stellt der Glaube eine allgemein akzeptierte Orientierung in der Wirklichkeit zur Verfügung, er beantwortet letzte „Warum-Fragen“. Außerdem stabilisiert ein Gott auch das soziale Ordnungsgefüge (das auf konkrete Regelungen zurückgreifen kann) und er verhilft zu einer Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit in einem jenseitigen Leben. Fester Glaube an diese Postulate vorausgesetzt können sie dem Menschen zu einem positiven Lebensgefühl verhelfen (wobei, das Jenseits betreffend, selbstverständlich auch das Gegenteil der Fall sein kann: Die kleine Anzahl Erwählter und die für andere vorgesehenen grausamen Höllenstrafen können den nicht selbstgerechten Gläubigen auch zur Verzweiflung treiben).

Trotz dieser positiven Faktoren votiert Schurz gegen Religiosität und für Aufklärung bzw. Metaaufklärung: Denn Religionen haben immer fundamentalistische Tendenzen, beschränken ihre „Positivität“ auf einen (auserwählten, in jedem Fall aber der Religion zugehörigen) Personenkreis, sind kritikimmun (verhindern somit Fortschritt), neigen zur Indoktrination von Kindern und Jugendlichen und bergen ein großes nationalistisch-chauvinistisches Gewaltpotential. Schurz wünscht sich die „harmlosen“ Placeboeffekte zu erhalten (Sport, Spiel, „gemäßigte“ Esoterik, bestimmte Kunstformen), plädiert aber ansonsten für Aufklärung und Säkularisierung. Wobei ich den Eindruck habe, dass er den Einfluss von Religionen in unserem westlichen Kulturkreis unterschätzt.

Ein insgesamt sehr lesenswertes, anregendes Buch, wenn es auch in seinem mathematisch-modelltheoretischen Teil eine ähnliche „naturwissenschaftliche“ Exaktheit zu suggerieren versucht wie etwa Bunge in seinem „Leib-Seele-Problem“-Buch. Eine Genauigkeit, die aber eine Illusion ist und die die Gefahr einer allzu großen Vereinfachung sozialer Fragestellung in sich birgt.

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