Lukas Bärfuss: Koala

Longlist des deutschen Buchpreises 2014

Im Untertitel Roman genannt, umfasst Bärfuss‘ Text knappe 180, in grosszügigem Satzspiegel gedruckte Seiten. Worum geht es?

Zu Beginn erleben wir, wie der Ich-Erzähler in seine Heimatstadt zurückkehrt, um dort einen Vortrag zu halten über den Selbstmörder Heinrich von Kleist. Danach geht er noch etwas essen, zusammen mit Freunden und Verehrern – auch seinen Bruder hat er eingeladen: Er möchte ihn endlich einmal wieder sehen. Der Bruder fühlt sich in dieser Gesellschaft aber nicht wohl, er schmollt und verabschiedet sich endlich.

Damit gibt uns Bärfuss schon die drei Themen seines Romans: Heimat, Selbstmord und – sein Bruder. (Ich lese überall, dass es sich um Bärfuss‘ Bruder handle, kenne aber Bärfuss‘ Leben überhaupt nicht und kann nicht entscheiden, ob es sich nun hier um ein Stück Autobiografie handle oder ob der Ich-Erzähler als von Bärfuss unabhängig zu betrachten ist. In dubio pro reo: Ich gehe von einem Ich-Erzähler aus, den ich manchmal ‚Bärfuss‘ nennen werde.) Schon bald nach dieser Exposition erfahren wir vom Selbstmord des Bruders, womit Bärfuss zwei der drei Themen bereits zusammen geführt hat.

Im weiteren Verlauf des Romans finden wir den Ich-Erzähler, der sich vom Selbstmord seines Bruders empfindlich gestört fühlt. Wie praktisch alle Verwandten von Selbstmördern scheint ihn – unausgesprochen, bzw. ins Theoretisierende verschoben – die Frage zu quälen, ob denn dieser Selbstmord hätte verhindert werden können. Ausgehend vom Pfadfinder-Spitznamen seines Bruders (Koala), versucht er, diesem Menschen, den er bei aller Verwandtschaft kaum gekannt hat, postum näher zu kommen. Er schildert den brutalen Inititiatonsritus, bei dem der Bruder zu seinem Namen kam. Und: In einem langen Exkurs (ungefähr ein Drittel des Textes) erzählt er die Geschichte des Heimatlandes des Koala, Australien. Zuerst erdgeschichtlich, dann naturgeschichtlich, dann mythisch (die Einwanderung der Aborigines), anschliessend mit präzisen Namensnennungen historisch (die Errichtung der britischen Sträflings-Kolonie, die naturwissenschaftliche Exkursion des Franzosen Barrallier, der als erster Weisser Koalas zu Gesicht bekam, die folgende Beinahe-Ausrottung durch die australischen Behörden, der heutige Status als Teddybär und australisches Maskottchen). Wir kehren am Ende des Romans zurück zur ‚Beerdigung‘ von Bärfuss‘ Bruder: Bärfuss, der dessen Asche in den Fluss der gemeinsamen Heimatstadt schüttet.

Es geschieht fast nichts in diesem Roman (wenn wir mal vom Selbstmord absehen), eigentlich ist es eine reine Schilderung einer verkorksten Familien-Beziehung. So etwas scheint die Juroren von Buchpreisen magisch anzuziehen. Insofern kein Text, den man gelesen haben muss.

Für mich persönlich allerdings – aber diese Deutung ist so esoterisch, dass sie wohl jeder (inkl. Bärfuss) weit von sich weisen würde – gibt es aber noch eine interessante Neben-Deutung. Weder Heinrich von Kleist, noch Bärfuss‘ Heimatstadt (Thun im Berner Oberland), noch der eigentliche Name vom Ich-Erzähler oder von dessen Bruder werden genannt – jenes pelzige Tier, das des Bruders Totem und Omen wurde, finden wir ein einziges Mal bei seinen diversen Namen genannt. (Während er bei der Geschichte der ersten Sträflings-Kolonie nur so mit Namen um sich wirft!) Es ist, als ob Bärfuss seine Geschichte eben nicht ins Persönliche, sondern ins Allgemeine, ins Historische gekehrt sehen möchte.

Und da gibt es, wie ich finde, interessante Parallellen zu einem Landsmann: Der Koala, dessen Leben gefährdet ist, weil er immer nur faul im selben Baum hocken bleibt, und der Bruder, dessen Leben gefährdet ist, weil (?) er immer im selben Kaff, in seiner Heimat hocken bleibt; der brutale Initiationsritus, der den Bruder zusätzlich verschreckt und für sein Leben markiert – man kann Parallellen finden zum ebenfalls stark auf die Heimat bezogenen Dasein eines Hermann Burger, der es seinen Eltern, allen voran seiner Mutter, sein Leben lang nie verzieh, dass sie ihn für ein paar Wochen in einem Heim unterbrachten, wo er als Jüngster von den andern Kindern ebenso brutal behandelt wurde wie Koala. Es ist, als ob so eine frühe Verwundung zu einer übermässig starken Verwurzelung in der Heimat führte, zur Bildung einer Art Schutzschicht, eines Pelzes, den das Individuum um sich zu hüllen versucht – ein Schutz, der illusorisch ist, denn der Pelz schützt den Koala keineswegs vor der Kugel des Jägers; ja, es genügt, den Baum, auf dem das Koala sitzt, ein wenig zu schütteln und das Tier fällt herunter und bricht sich das Genick beim Aufschlag auf den Boden.

Man nannte diese Krankheit zum Tod früher Melancholie, heute spricht man von Depression. Ich weiss nicht, ob Bärfuss seinen Landsmann Burger und dessen Biografie kennt. Aber sein Bruder Koala ist ein Leidensgenosse des Aargauers, und Bärfuss steht ähnlich fassungslos vor dessen Abgang durch Selbstmord wie Burgers Cousin Kaspar Villiger noch Jahre später in seinem Nachwort in einem Band der Werkausgabe.

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Ein Kommentar zu Lukas Bärfuss: Koala

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