Fichte: Werke IV

Darstellung der Wissenschaftslehre. Aus dem Jahre 1801 / Die Wissenschaftslehre. Vorgetragen im Jahre 1804

Ich bin mir ja zu fast 100% sicher, dass Fichte auch in diesen beiden Darlegungen seiner Wissenschaftslehre nach wie vor davon überzeugt war, einen philosophischen Beitrag zur Ontologie bzw. zur Epistemologie zu leisten. Doch – halb zog sie ihn, halb sank er hin (will sagen: teils äusseren Umständen geschuldet, teils in Fichtes Charakter angelegt) – was Fichte mittlerweile liefert, ist pure Esoterik. (Es sind wohl auch deshalb beide Versionen zu Fichtes Lebzeiten nie der breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, erst sein Sohn Immanuel Hermann publizierte die Vortrags-Manuskripte in seiner ersten Werkausgabe.)

Pure Esoterik also. Esoterik als Kernlehre, die nur dem inneren Kreis der Jünger vorgetragen wurde. Esoterik als Lehre, die man entweder sofort versteht, oder gar nie verstehen wird. Esoterik als pure Rechthaberei („Ich kenne die Wahrheit und ausser mir keiner!“, und: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!“). Fichte leugnet jedem andern Philosophen, selbst den Idealisten im Gefolge Kants, ab, philosophieren zu können. Er muss zwar zugeben, dass ihn mittlerweile sogar Kant höchstpersönlich nicht mehr anerkennt, aber das ist natürlich der Fehler Kants, der nun zu alt geworden ist, um die echte Philosophie noch erkennen und anerkennen zu können. Ansonsten aber ist Fichte mit der Kritik an Kant immer noch ziemlich zurückhaltend. Das Übelste, was er ihm antut, ist, dass er ihn immer wieder auf Locke zurückführt, und auf Spinoza, David Humes ganz vergessend – genau so, wie es Madame de Staël in De l’Allemagne tat. (Ich vermute deshalb auch, dass ihr – wie A. W. Schlegel fürs Literarische – J. G. Fichte fürs Philosophische als Lehrer und Führer im deutschen intellektuellen Dschungel diente.) Von seinen Zeitgenossen ist es am ehesten noch Schelling, den er anerkennt.

Diese Entwicklung ist bedauerlich, denn im Ursprung stellte die Wissenschaftslehre einen durchaus ernst zu nehmenden epistemologischen Ansatz dar – wenigstens soweit, wie der Idealismus ernst zu nehmen sein kann.

Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters

Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters habe ich auch schon als Fichtes geschichtsphilosophisches Werk angepriesen gesehen. Nun ja – wenn man Geschichtsphilosophie nennen darf, dass der Autor a priori und ex nihilo 5 Epochen der Menschheitsgeschichte annimmt, die jede Kultur durchwandern wird oder muss oder müsste (so genau äussert sich Fichte nicht):

1. Instinktive Vernunft: Stand der Unschuld des Menschengeschlechts; 2. Äußerlich erzwungene, jedoch nicht durch Gründe überzeugende Autorität: Stand der anhebenden Sünde; 3. Emanzipation von jeder äußeren Autorität, Herrschaft des nackten Erfahrungsbegriffs: Stand der vollendeten Sündhaftigkeit; 4. Rückkehr der freien, innerlichen Vernunft, wo die Wahrheit als das höchste erkannt und geliebt wird: Stand der anhebenden Rechtfertigung; 5. Verwirklichung der freien, innerlichen Vernunft in allen äußeren Lebensbereichen, wo die Menschheit sich selber als Abdruck der Vernunft aufbaut: Stand der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung.

Die Geschichte vom Sündenfall Adams und der Erlösung der Menschheit durch Jesu in eine pseudo-philosophische Sprache gehüllt. Dass das gegenwärtige Zeitalter als im tiefsten Punkt, im Stadium 3, stehend, beschrieben wird (und zwar ohne weitere Deduktion oder Rechtfertigung, also ebenfalls a priori und ex nihilo), verwundert nun nicht mehr. Dass es Fichtes Schriften sein sollen, die die Menschheit zurück zur freien, innerlichen Vernunft führen sollen – Fichte sich also als der neue und wahre Jesus der Menschheit sieht – wohl auch nicht.

So etwas ist vieles, aber nicht Philosophie der Geschichte, überhaupt nicht Philosophie. Spengler mag so einiges von dieser Schrift gelernt haben, aber auch Spengler ist nicht Philosophie. Da Fichte üblicherweise dennoch in philosophiehistorischen Werken aufgeführt wird, habe ich mich auch in unserer Klassifikation hier daran gehalten. Ohne Präjudiz.

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Ein Kommentar zu Fichte: Werke IV

  1. Das System solcher geschichtsphilosophischer Konzeptionen ähnelt sich über die Jahrhunderte frappant: Ein erleuchteter Geist „erspürt“, „erfühlt“ die Zeichen der Zeit – und wer dieses „Gefühl“ nicht besitzt, wer die höheren Weihen der philosophiehistorischen Erkenntnis nicht erlangt hat, dem bleibt nur, sich belehren zu lassen und zum – hoffentlich würdigen – Adepten zu werden.

    Keinesfalls aber kann rationale oder gar wissenschaftliche Kritik geübt werden: Dies ist das Verhalten von Kleingeistern und Pedanten, denen eben diese innere Zusammenschau verwehrt wurde und die sich deshalb zu den geistigen Höhenflügen der Erwählten nicht erheben können. Der erwähnte Spengler strapaziert die erwähnten Eigenschaften über Gebühr und selbstredend ist er – als einer der wenigen oder gar einziger – im Besitz derselben. Kritik wird dadurch verunmöglicht, sie trifft nie den Kern der Sache, da man des entscheidenden Gefühls (oder auch Erweckungserlebnisses) ermangelt: Supernaturalistische Erfahrungen kann nur der machen, der schon zuvor von ihrer Faktizität überzeugt ist, Religionskritik nur üben, wem die Erfahrung Gottes zuteil wurde. Deshalb halten sich diese Entwürfe – so abenteuerlich und sinnfrei sie auch immer sein mögen – über lange Zeit: Denn nur der Unverständige zweifelt. Dem anderen aber wird Erleuchtung zuteil – und darüber gibt es keine Diskussion.

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