Bernhard Fischer: Johann Friedrich Cotta. Verleger – Entrepreneur – Politiker

Gefragt nach den Protagonisten der deutschen Klassik, werden einem Goethe in den Sinn kommen, und Schiller natürlich. Dann wahrscheinlich noch Herder. Schon weniger wahrscheinlich Wieland. Wilhelm von Humboldt habe ich auch schon nennen gehört – als Gesprächspartner vor allem Schillers, in Zusammenhang mit Fragen der klassischen Ästhetik. Aber Cotta? Wer ist Cotta?

Diese Lücke in meinem Wissen (und weitere Lücken!) hat Bernhard Fischers umfang- und kenntnisreiche Biografie des schwäbischen Verlegers nun gefüllt. In chronologisch geordneten Gross-Kapiteln, denen thematische Unter-Kapitel zugeordnet sind, schildert er das Leben Cottas und den Aufstieg seines Verlags vom provinziell vor sich hindümpelnden Universitäts-Verlag in Tübingen zu dem Klassiker-Verlag des beginnenden 19. Jahrhunderts. Fischer hält auch mit den negativen Eigenschaften seines Protagonisten nicht hinter dem Berg: mit der oft mangelnden Entschlussfreudigkeit, mit seinem hin und wieder durchbrechenden Geiz, mit seiner Larmoyanz, die, wenn etwas schief geht, immer die Schuld bei anderen sucht und sich darüber beklagt, wie schlecht man doch behandelt worden sei. Doch Cotta konnte auch grosszügig sein, und er war ein ausgebuffter Profi, wenn es darum ging, seinen Verlag zu führen.

Fischer macht dem Leser rasch klar, dass die Klassiker, die der Cotta’sche Verlag führte, in gewissem Sinne vor allem als Image-Träger geführt wurden, auch wenn Cotta mindestens mit Schiller wohl eine echte Freundschaft verband. Als Cotta sich daran machte, den von seinem Vater gekauften, maroden und provinziellen Universitäts-Verlag mit vorgelagerter Buchhandlung in Tübingen zu modernisieren und zu einem florierenden Publikums-Verlag umzubauen, waren es Schillers Horen, die Cotta eine erste Aufmerksamkeit beim Publikum schenkten. Daneben öffneten ihm die Horen die Tür zur schriftstellerischen Clique um Schiller, und v.a. natürlich zu Goethe. Bei Goethe war es dann eine kunst-theoretische Zeitschrift, die dieser mit Meyer herausgeben wollte, welche als erstes Projekt verwirklicht wurde. Diese Zeitschrift war kein Erfolg, Cotta machte sogar Verlust. Diesen Verlust aber wusste er gewinnbringend einzusetzen, indem er Goethe zur Publikation seiner ersten Werkausgabe überreden konnte, der Ausgabe A. Schiller veröffentlichte nicht nur den Musenalmanach danach ebenfalls bei Cotta, sondern praktisch alle seine übrigen neuen bzw. überarbeiteten Werke. Nach seinem Tod hatte Cotta keine Mühe, die Söhne und die Witwe zur Veröffentlichung einer Werkausgabe zu überreden. Bei Herder hingegen biss er zu Lebzeiten auf Granit – der blieb bei seinem Verleger aus uralten Zeiten, Hartknoch in Riga. Hartknoch muss sich vorgestellt haben, dass das auch nach Herders Tod so bleiben würde, aber die Witwe Caroline konnte dem bedeutend besseren Angebot Cottas nicht widerstehen, und so erschien die erste postume Werkausgabe auch von Herder bei Cotta. Einzig Wieland blieb seinem Verleger, Göschen, treu. (Allerdings hinderte das weder Cotta noch Wieland daran, bei der Ausgabe von Werken anderer, die sie aus ideologischen Gründen unterstützten, z.B. welchen von Pestalozzi, behilflich zu sein.) Auch andere grosse zeitgenössische Namen veröffentlichten bei Cotta: Jean Paul, Hölderlin, teilweise auch August Wilhelm Schlegel. Lichtenberg wiederum blieb seinen Göttinger Zeitschriften und seinem Göttinger Freund und Verleger treu. Neben der deutschen war es vor allem die antike Literatur in Übersetzungen, die von Cottas Verlag veröffentlicht wurde – allen voran Voß mit seinem Homer, aber auch mit seinen eigenen Epen. Mit Fichte hatte Cotta weniger Glück: Der strich zwar bedenkenlos Cottas Vorschüsse ein, wenn er aber dann ein Buch fertig hatte, vergass er den Schwaben im fernen Stuttgart völlig und trug das Manuskript zu einem Verleger um die Ecke in Berlin. Mit Schelling dagegen entwickelte sich ein gutes Verhältnis; der wohnte denn auch eine Zeitlang in der Münchener Wohnung, die Cotta gehörte. Ausserhalb des engeren klassisch-literarischen Kreises war es vor allem das Projekt der Veröffentlichung der einen oder andern Schrift von Alexander von Humboldt, das Cottas Ruhm erhöhte. Nicht nur war Alexander von Humboldt ein Weltstar; seine Schriften waren für Verlage sehr anspruchsvoll, aufgrund ihrer vielen Illustrationen und der beigegebenen Karten. Bisher waren erst Verlage in Frankreich im Stande gewesen, so etwas zu produzieren.

Dass Cotta mit seinem Verlag rasch reich wurde, verdankte er allerdings weniger diesen seinen Flaggschiffen – wie schon gesagt, macht Fischer deutlich, dass diese Projekte bei aller dahinterstehender Freundschaft auch fürs Prestige waren. Cotta zahlte hervorragende Autoren-Honorare. (Er sparte dafür beim Druck, den er kaum beaufsichtigte / beaufsichtigen liess: Die Druckfehler in der Ausgabe A waren Quelle ständigen Ärgernisses für Goethe und mit ein Grund, warum er später beinahe mit Cotta brach.) Die wenigsten seiner Projekte fuhren auch wirklich einen Verlust ein, zumindest die Gestehungskosten konnte Cotta jeweils wieder einstreichen. Aber den wirklich grossen Gewinn brachten Zeitschriften, die heute allenfalls noch der Spezialist kennt: kameralistische Zeitschriften und welche für das sog. Polizeiwesen. Heute würden wir sagen: Zeitschriften für höhere Verwaltungsangestellte.

Zusehends trieb es Cotta auch in weitere Gebiete. Er engagierte sich politisch: Am Wiener Kongress versuchte er, für den Buchhandel einerseits besseren Schutz vor Raubdruckern durchzusetzen und andererseits die Bestimmungen zur Zensur zu lockern – zu sehr hatte sein Verlag unter den harten Zensurmassnahmen Napoléons gelitten. (Dieser Kampf war vergebens. Eine Zeitlang konnte Cotta die in der Restauration nach den Karlsbader Beschlüssen einsetzende und zunehmende Repression und Zensur noch austricksen, indem er seine politischen Zeitschriften im ‘Ausland’, z.B. in Bayern, erscheinen liess; doch auch die zunächst liberaleren Staaten des ehemaligen Deutschen Reichs mussten sich dem Druck der vier Mitglieder der Heiligen Allianz, Österreich, Frankreich, England und Preussen, zuletzt beugen.) In Wien kam Cotta auch in engeren Kontakt mit Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schlegel, die je Berlin und Wien in gewisssen Fragen vertraten. Mit beiden war der Verleger Cotta nie wirklich ins Geschäft gekommen. Vor allem hatte sich Cotta rasch mit Schlegels Freund Tieck zerstritten.

Cotta kaufte und renovierte auch ein Hotel in Baden (dem heutigen Baden-Baden), das er aber noch zu Lebzeiten wieder – unterm Strich mit Verlust – abstiess. Ähnlich erfolglos, ja verlustreich waren seine Investitionen in Dampfmaschinen bzw. in die Dampfschifffahrt auf dem Bodensee und auf dem unteren Rhein.

Cotta hatte schon längst seinen Verlag von seiner Buchhandlung getrennt, und letztere einem Compagnon verkauft. Damit war er frei geworden, den Verlag von Tübingen nach Stuttgart zu verlegen, wo er auch für sich und seine Familie eine repräsentativere Residenz errichtete. Seine letzten Lebensjahre teilte er in rastlosen diplomatischen Reisen zwischen Stuttgart, Wien, Berlin und München auf, wo er versuchte, einen süddeutschen Zollverein auf die Beine zu stellen. Die Vernachlässigung des Verlags sollte sich allerdings rächen: Schlimmer noch als die Krise im Gefolge der napoleonischen Invasion Deutschlands traf ihn die im Gefolge der französischen Julirevolution von 1830. Seine politischen Zeitschriften gingen unter dem sofort einsetzenden Druck der konservativen Landesregierungen in Deutschland fast zu Grunde, und die waren mittlerweile eines der Standbeine des Verlags geworden – bei allem Ärger, den Cotta immer wieder mit seinen Chefredakteuren hatte. (Er tendierte aber auch dazu, ihnen ständig in die Arbeit hinein zu reden!) Dazu kam, dass das breite Publikum nun wohl von Klassiker-Ausgaben saturiert war. Cotta war es nie gelungen, die nächstfolgende Generation, die Romantiker, ins Boot zu holen, und so konnten nun andere Verlage die Publikumslieblinge anbieten. Nur mit den schwäbischen Romantikern war er in Kontakt: Ludwig Uhland veröffentlichte einiges bei ihm, und Wilhelm Hauff leitete ein Jahr lang eine seiner Zeitschriften, bis er dann sehr jung verstarb. Dass er dann mit der noch nächstfolgenden Generation, mit dem Jungen Deutschland, wieder in Kontakt stand (vor allem mit Börne und Heine, damals noch nicht zerstritten, die eine Berichterstattung aus dem revolutionären Paris organisierten), machte seine Zeitschriften zwar dem Publikum sehr interessant, aber genau deswegen auch den übergeordneten Ministerien äusserst verdächtig.

Cotta sah sich kurz vor dem Ruin und versuchte, seinen Verlag zu verkaufen, weil sein Sohn nicht daran interessiert war. Bevor die Verhandlungen allerdings so richtig einsetzen konnten, starb der schwäbische Verleger – Ende Dezember 1832, und somit als letzter der Freunde Goethes, die diesem in jenem Jahr noch in den Tod folgten. Der Sohn übernahm den Verlag zunächst widerwillig, bekam aber dann immer mehr Spass an der Arbeit und liess die Verkaufsverhandlungen mit Riemer endgültig im Sand verlaufen.  Wie der Biograf Schmid seine Protagonisten zu beschreiben weiss, mag der letzte Satz des rund 1’000 Seiten umfassenden Buchs illustrieren (es geht um Cotta jr.):

Georg von Cotta indessen trat nicht nur mit seiner penetranten, bei ihm allerdings in Bigotte spielenden Rechtlichkeit und seinem Hang zur Larmoyanz, sondern auch mit seinem verlegerischen Talent in die Fußstapfen seines Vaters.

Wer mehr über die Goethe-Zeit wissen will, dem sei dieses Buch empfohlen. Ich habe mich hier vor allem auf den Aspekt des Verlegers und Buchhändlers Cotta beschränkt (auch zu dem gäbe es mehr zu sagen, finden sich bedeutend mehr Informationen in diesem Buch!) – die einsetzende Industrialisierung ist aber ebenso interessant und kenntnisreich geschildert wie die politischen Auseinandersetzungen in der Neuordnung Europas nach Napoléon.

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