Elias Canettis Buch gegen den Tod

Sein ganzes schriftstellerisches Leben lang wollte Canetti ein Buch schreiben gegen den Tod. Das Buch ist nie erschienen. Erst jetzt, 2014, erschien bei Hanser unter dem Titel Das Buch gegen den Tod eine Sammlung von Aphorismen und Fragmenten Canettis, die um das Thema „Tod“ kreisen. Einiges davon ist schon in früheren Sammlungen veröffentlicht worden, einiges davon ist bisher Unveröffentlichtes aus dem Nachlass. Voran steht eine Mappe aus Canettis Konvolut Totenbuch, dann folgen die Fragmente und Aphorismen, chronologisch geordnet, so dass wir zu gleich eine Art Tagebuch von Canettis Beschäftigung mit dem Tod vor uns haben.

Dass Canettis Buch gegen den Tod nie erschienen ist, hat gemäss Co-Herausgeber Peter von Matt einen einfachen Grund: Canetti hat zwar viele Notizen zum Thema hinterlassen – aber nie den ersten Satz zu seinem Buch geschrieben. M.a.W.: Er hat sein Buch nie begonnen, immer nur Materialien gesammelt. Über die Gründe kann man spekulieren.

Canetti wollte, dass sein Buch gegen den Tod eine Art Gegen- und Beibuch werde zu Masse und Macht. Denn das Thema „Tod“ war für ihn eng verknüpft mit dem Thema „Macht“. Wer Macht hat, kann den Tod geben – dem Juden Canetti war das während der Zeit des Dritten Reichs äusserst schmerzlich zu Bewusstsein gekommen. (Auch darunter litt er übrigens, und wir finden auch dazu Fragmente im Buch gegen den Tod: Dass er frühzeitig genug nach England, nach London, flüchten konnte, und bei den Judenpogromen im Grunde genommen die bequeme Rolle eines Zuschauers inne hatte, obwohl er eigentlich hätte unmittelbar involviert sein sollen. Ähnlich wird er später immer wieder schuldbewusst darüber nachdenken, dass die Zahl seiner Lebensjahre nun grösser geworden ist, als z.B. diejenige seines Idols Franz Kafka.)

Wer aber – und diese Frage trieb Canetti sein Leben lang um – wer war verantwortlich für das Sterben jenseits von Pogromen und Kriegen? In seinem Drama Die Befristeten (aus dem übrigens im Buch gegen den Tod keine Auszüge gebracht wurden – leider!) tastete sich Canetti für die Öffentlichkeit ein erstes Mal an diese Thematik heran. Das Drama spielt offenbar in einer unbestimmten Zukunft. In den Befristeten kennt jeder Mensch die Zahl der ihm zugeteilten Lebensjahre: Sie wird ihm von einem sog. Kapsellan als Kind schon mitgeteilt und in einem Zettel in einer Kapsel verwahrt, die jeder Mensch um den Hals trägt. Das Wissen um die Anzahl zugeteilter Lebensjahre macht die Menschen allerdings keineswegs glücklicher, als sie es heute sind. Es findet dann im Stück eine Art Revolution statt, die die Menschen auf die heute gültigen Verhältnisse zurückführt – die Ungewissheit des Sterbetags. Canetti wird sein Drama vom Standpunkt einer Beschäftigung mit Tod später verwerfen. Die Frage, wer nun am Tod Schuld trägt, wird darin ja keineswegs beantwortet.

Eine erste, vorläufige Antwort schien zu sein, dass der Mensch dem Tod verfällt, wenn er aufhört, sich gegen ihn zu wehren. Doch da war eine Vielzahl von Toden in seinem privaten Umkreis, die Canetti diese Lösung wieder bezweifeln liess: Da war der frühe Tod seines Vaters, der wohl Canetti überhaupt für das Thema „Sterben“ sensibilisiert hatte. Da war der Tod seiner Mutter, die ungeheure Macht über den jungen Canetti ausgeübt hatte und ihm quasi unsterblich vorkam. Dass er sich mit seiner Geliebten Veza von seiner Mutter emanzipiert hatte, scheint ihm als eine Art Muttermord vorgekommen zu sein, was einerseits eine intensive Beschäftigung mit dem Tod in den Dramen von Sophokles und Äschylos dokumentiert, andererseits die merkwürdige Faszination, die nun wiederum Veza auf ihn ausübt, der vieles von der Macht der Mutter durch den (emotionalen!) Muttermord übertragen worden zu sein scheint. Der Tod dann wiederum genau dieser Veza, die Canetti noch lange mit seiner Wohnung in London verbunden bleiben liess, in der sich nämlich die Urne mit Vezas Asche befand. Das eigene Altern schliesslich, wahrgenommen vor allem im Sterben befreundeter Schriftsteller: Dürrenmatts Tod, der ihn aufwühlte; Frischs Tod später, der ihn kälter liess, nicht nur wohl, weil er zu Frisch ein distanziertes Verhältnis hatte, sondern auch, weil er selber inzwischen älter geworden war. Im Alter dann zwar immer noch der Hass gegen den Tod, verbunden mit der Resignation aber nun, dass auch er sterben werde – im Bewusstsein, mit Johanna (ebenfalls Co-Herausgeberin nun des Buchs gegen den Tod) das Leben in gewissem Sinne weiter gegeben zu haben, auch, seinem einzigen Kind genügend hinterlassen zu können.

Eine letztlich triviale Lösung, die Canetti gefunden hat. Aber die Frage bleibt, ob es ausserhalb der Kunst, ausserhalb der Literatur, im ‚richtigen Leben‘ eine Lösung gibt für die Frage des Todes, die nicht trivial ist. Der Mensch, auch das faszinierte Canetti, ist das einzige Lebewesen, das sich seines kommenden Todes bewusst ist. Und irgendwie konnte Canetti auch der Evolution die Macht nicht zugestehen (oder er empfand auch diese Lösung als trivial), dass sie für die ständige Entwicklung der Arten die Individuen vernichten muss. So starb Canetti zwar immer noch als Todfeind (nämlich, in seiner eigenen Definition als Feind des Todes) – aber auch er starb.

Als ich 1996 von seinem Tod erfuhr, kam es mir vor, wie wenn er seine Feindschaft verraten hätte. Und ich denke noch heute, dass er selber so gedacht haben würde.

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