Jared Diamond: Arm und Reich

Jared Diamond geht in diesem Buch der Frage nach, warum die Macht- und Reichtumsverhältnisse dieser Welt genau so sind, wie sie sind. Wäre ein vor 12000 Jahren die Erde besuchender Außerirdischer zum Schluss gekommen, dass Westeuropa und damit die Weißen zum dominierenden Faktor dieser Welt werden und dass nicht etwa die Azteken oder die Bantu Europa erobern und die dort lebende Rasse weitgehend ausrotten bzw. unterdrücken würden? Gab es – neben den oft vertretenen rassischen Begründungen von der Überlegenheit des weißen Mannes – andere Gründe, die zum status quo führten und wenn ja, welche? Oder war es überhaupt der Zufall, der hier Regie geführt hat und die Lose unterschiedlich verteilt hat?

Diamond führt den Leser durch die Menschheitsgeschichte der letzten 15000 Jahre und liefert eine verständliche und einleuchtende Analyse der Entwicklung. Und er bestreitet die Wichtigkeit der rassischen Komponente entschieden und weist vielmehr auf die aus seiner Sicht entscheidenden geographischen, biologischen Eigenheiten hin. Grundlage für jede „Höherentwicklung“ ist die Entstehung von landwirtschaftlichen Strukturen und – als zweitem Faktor – die Möglichkeit der Domestikation von Wildtieren. Der euroasiatische Bereich konnte hier auf große Vorteile verweisen: Das Vorhandensein domestizierbarer Pflanzen und Tiere, die Ost-West-Ausrichtung des Kontinents (wodurch der Ausbreitung der Pflanzen keine klimatischen Barrieren gesetzt wurden wie in Amerika oder Afrika südlich der Sahara), die bloße Zahl an auf diesem Kontinent lebenden Menschen (mehr Menschen = mehr Ideenreichtum) und die – wieder durch die Ost-West-Ausrichtung ungeheuer erleichterte Ausbreitung der technischen Errungenschaften ohne Barrieren wie Wüsten oder Landengen (Panama). So konnten landwirtschaftliche Errungenschaften in relativ kurzer Zeit über einen großen Raum vom fruchtbaren Halbmond bis nach Westeuropa dringen, während etwa die viel kürzere Spanne zwischen Mexiko und den Anden vor Columbus nie überbrückt wurde.

Neben der Pflanzendomestikation war die von Wildtieren von allergrößter Bedeutung: Zum einen als Arbeitskraft und Fleisch- (=Eiweiß-)lieferant (Rinder, Schafe, Ziegen etc.), oder als Transportmittel bzw. Unterstützung bei Eroberungskriegen (Pferde). Auch in diesem Fall war der euroasiatische Raum begünstigt: Hier gab es die meisten domestizierbaren Großsäugetiere – im Gegensatz etwa zum südlichen Afrika, dass trotz des Vorhandenseins von Großsäugern keine domestizierbaren Rassen hatte: Elefanten wurden bestenfalls gezähmt, das Zebra oder Antilopenarten widerstanden auch im 20. Jahrhundert aufgrund ihrer Eigenheiten einer Domestikation – für Amerika gilt – mutatis mutandis – dasselbe: Die meisten Großsäugetiere wurden vor etwa 13000 Jahren (wahrscheinlich durch die Ankunft des Menschen) ausgerottet, von den verbliebenen wurde einzig das Lama domestiziert, ließ sich aber nie als Milchlieferant oder Zugtier verwenden. Neben diesen pragmatischen Vorteilen der Haustierhaltung war noch ein weiterer Faktor entscheidend: Haustiere sind die Überträger fast aller epidemischen Krankheiten (die Erreger mutierten und eroberten den Menschen als Wirt), wodurch es zwar anfangs im euroasiatischen Raum zu Massenepidemien kam, mit der Zeit aber eine größere Resistenz gegenüber diesen Erregern ausgebildet wurde. Vor allem die Eroberung Amerikas (neben militärischen, technischen und kulturellen (Schrift) Vorteilen) wurde zu einem Gutteil von diesen Erregern geleistet: Über 95 % der Todesfälle der Ureinwohner war auf solche Infektionen zurückzuführen.

Diamond führt noch zahlreiche andere Gründe für die unterschiedlichen Entwicklungen der einzelnen Regionen an (etwa der Nachteil Chinas durch extreme Zentralisation, eines großen homogenen Staatsgebietes, das kaum Konkurrenz zuließ: Weshalb viele Erfindungen ohne Nachteil wieder „vergessen“ werden konnten (z. B. das Schießpulver), ein Nachteil, der im zersplitterten Europa für das betreffende Volk wahrscheinlich „tödlich“ gewesen wäre), die teilweise die Landwirtschaft verhindernden Klimabedingungen am Äquator und in Australien oder der kaum vorhandene Vorteil agrarischer Nutzung in Gebieten, die für Jäger- und Sammlerkulturen ideal waren.

Unabhängig davon, ob man den Argumentationen immer folgen will (obwohl diese stringent und nachvollziebar dargestellt werden) ist das Buch eine Fundgrube für alle an anthropologischen Erkenntnissen interessierten Leser. Insbesondere Philosophen würde ich eine solche Lektüre nahelegen: Abgeschlossene philosophische Systeme nehmen sich in einem historischen Gesamtkontext, der sich über mehr als ein paar hundert Jahre erstreckt, häufig hochgradig lächerlich aus – und wer den Menschen als sich entwickelndes, durch die Evolution entstandenes Lebewesen begreift, wird weniger leicht endgültige Erkenntnisse postulieren, sondern den heutigen Menschen als eine Momentaufnahme betrachten auf dem Weg in eine weite Zukunft (sofern er, der Mensch, es nicht doch noch zuwege bringt, sich selber abzuschaffen). Der Blick in unsere Vergangenheit sollte Bescheidenheit lehren – ob unserer Herkunft und auch in Bezug auf unseren derzeitigen Wissensstand. Und die Integration dieser unserer Vergangenheit in unsere philosophischen Weltbilder würde diesen ein Mehr an Realitätsbezug und – vielleicht – weniger Überheblichkeit verleihen. Aber unabhängig von der Profession: Dieses Buch ist empfehlenswert für jedermann.

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