Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der Menschheit

Ein Buch, das ein wenig angestaubt wirkt (es ist zu Beginn der 70iger Jahre erschienen), über weite Strecken aber dennoch höchst aktuell bleibt. Lorenz listet acht Todsünden der Menschheit auf, die allesamt das Potential haben, dem homo sapiens eine Ende zu machen.

Trotz des Erscheinungstermins ist der Ost-West-Konflikt und die damit verbundene atomare Bedrohung für Lorenz weniger bedeutend als für viele andere Autoren in dieser Zeit. Der Grund hiefür ist einfach: Dies ist die einzige „Sünde“, die einzig und allein durch menschliches Wollen aus der Welt geschafft werden könne, deren Lösung sich – im Vergleich zu den anderen Problemen – als relativ einfach präsentiert. Für alle anderen Probleme gilt dies nur bedingt: Natürlich könnte man auch theoretisch dem Konsumwahnsinn (oder der Überbevölkerung) und damit der Umweltzerstörung durch rigide Maßnahmen Herr werden. Allerdings sind in diesen Bereichen die Probleme verworren, untereinander vielfach verflochten und ihre Rückkoppelungsprozesse schwer durchschaubar. Ähnlich ist es auch mit dem „genetischen Verfall“, wobei hier von Lorenz eine Art Verschlechterung des Erbgutes gemeint ist, die durch die Selektion in einer kapitalistischen Welt, die dem rücksichtslosen Egoisten den größten Vorteil verspricht, bewirkt wird. Das mag zwar auch noch für unsere Zeit stimmen, ist aber in Hinsicht auf den „evolutionären“ Vorteil ein wenig fraglich: Die Fortpflanzungsrate von Investmentbankern und Aufsichtsräten ist meines Wissens nicht signifikant höher als die des Durchschnitts und berücksichtigt außerdem nicht den enormen kulturellen Einfluss auf die Entwicklung von Menschen. Damit es zu einer genetisch relevanten Änderung käme, bedürfte es noch einiger Generationen mehr an kapitalistisch-egoistischen Vertretern der neoliberalen Gesellschaft (unabhängig davon, dass die nachfolgenden Generationen häufig die Werte ihrer Eltern in Frage zu stellen pflegen und durchaus nicht immer eins zu eins übernehmen).

Der mit unserer Verstädterung nach Ansicht Lorenz‘ verbundene „Gefühlstod“ (wegen der Menschenmassen sind empathische, altruistische Haltungen nur noch sehr eingeschränkt möglich) ist eine ähnlich fragwürdige Prognose: Natürlich war der Gruppenzusammenhalt in geschichtlichen und vorgeschichtlichen Zeiten wichtiger und daher die Beziehung der Menschen innerhalb dieser Gruppe eine andere: Allerdings war über diese Gruppenbindung hinaus es auch früher mit der gegenseitigen Unterstützung nicht weit her – im Gegenteil: Der Fremde wurde häufig gar nicht als Mensch an sich gesehen (noch zu Zeiten der Griechen als „Barbar“), was seine Tötung oder gar Ausrottung erleichterte. Insofern sind unsere heutigen, gefühlskalten Verhaltensweisen angesichts der Menschenmassen, mit denen jeder vor allem in den Städten täglich konfrontiert wird, eine wohl „natürliche“ Reaktion auf dieses Übermaß.

Die wahrscheinlich am wenigsten weitsichtigen Gedanken (die in den verschiedenen Kapiteln immer wieder eine Rolle spielen) sind jene über die Jugend und deren Verhalten gegenüber Traditionen bzw. ihren Eltern. Hier meint Lorenz gar eine Art von Krieg der Generationen erkennen zu können (und ist natürlich geprägt von den studentischen Unruhen Ende der 60iger), die es in dieser Form und Radikalität noch nie gegeben habe. Das mag in jener Hinsicht der Wahrheit entsprechen, als dass die Gesellschaft und Kultur sich in einem nie zuvor erlebten Ausmaß innerhalb einer Generation ändert, war aber prinzipiell in den 60iger und 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts nicht anders als in den Zeiten davor (schon Sokrates oder Aristoteles wollten in den Heranwachsenden den fleischgewordenen Verfall der Menschheit erkennen). Und obwohl Lorenz den Hang dieser revolutionären Jugend zu Uniformität durchaus erkennt, hält er an der Aussage fest, dass es sich hier um ein fundamentales Problem der Menschheit handle. Ich – als jugendliches Mitglied jener Zeit – hätte ihn da beruhigen und ihm sagen können, dass die großen Revolutionäre von damals ihren verachteten Vätern sehr ähnlich werden würden: Otto Schily als schließlich „rechter“ Innenminister, der grüne Joschka Fischer auf seine alten Tage von der Autolobby bezahlt. Revolutionäre Gesinnungen sind nur im allerseltensten Fall „echt“ und von Überzeugung getragen: Entweder dienen sie einer Form der Wichtigmacherei (unabhängig von ihren Inhalten) oder aber werden unreflektiert zu absoluter Radikalität und Menschenverachtung. Diese ist nicht mehrheitsfähig und verliert sich mehr oder weniger rasch, jene der „normale“ Verlauf von Karrieren.

Im übrigen scheint Lorenz Traditionen generell zu positiv einzuschätzen: Sie haben sicherlich einen wichtigen, stabilisierenden Effekt, allerdings ist ihre kritische Hinterfragung in einer derart schnellebigen Zeit wichtiger denn je. Derzeit scheint das Diktum von jenen Menschen, die im Kopf noch uralte Mythen, in der Hand aber die Atombombe haben, eine unangenehme Aktualität zu besitzen. In dieser Hinsicht würde eine Ent-Traditionalisierung, eine Ent-Mythologisierung der Welt bzw. der Weltanschauungen begrüßenswert sein, obschon man sich davon auch nicht zu viel erhoffen sollte: Archaische Verhaltensweisen, über tausende von Jahren bewährt, lassen sich so schnell aus den Köpfen nicht verbannen. Weshalb es auch schwer sein wird, dem alltäglichen Konsumwahn und der Umweltzerstörung Einhalt zu gebieten: Denn auch unsere Gier und Habsucht sind genetisch bedingt und hatten eine überlebenswichtige Funktion. Die Verbindung dieses archaischen Erbes mit unserer modernen Welt wird zur großen Herausforderung für unser Überleben werden.

Ein insgesamt anregendes, manchmal etwas betulich wirkendes Buch, das vor allem im Hinblick auf Konsumwahn und Umweltzerstörung aktueller denn je ist.

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