L’après-midi d’un faune

I have had a dream, past the wit of man to say what dream it was: man is but an ass, if he go about to expound this dream. Methought I was—there is no man can tell what. Methought I was,—and methought I had,—but man is but a patched fool, if he will offer to say what methought I had. The eye of man hath not heard, the ear of man hath not seen, man’s hand is not able to taste, his tongue to conceive, nor his heart to report, what my dream was. I will get Peter Quince to write a ballad of this dream: it shall be called Bottom’s Dream, because it hath no bottom; and I will sing it in the latter end of a play, before the duke: peradventure, to make it the more gracious, I shall sing it at her death. [William Shakespeare: Midsummer Night’s Dream, IV. Akt]

Bottoms Traum ist ein Traum ohne Boden, aber auch einer ohne Bottom. Bottom heisst schon seit Wielands erster Shakespeare-Übersetzung auf Deutsch ‚Zettel‘. ZETTEL’S TRAUM also.

ZETTEL’S TRAUM gilt als Arno Schmidts Überbuch. In rein physischem Sinne ist dem sicher so: 1’500 Seiten von der Grösse von Telefonbuch-Seiten; vier Bücher, jedes vom Gewicht eines Telefonbuchs. Und wie der Traum des tumben Toren Zettel bei Shakespeare will es auch bei ZETTEL’S TRAUM von Arno Schmidt scheinen, dass es sich um ein Fass ohne Boden handelt. Dabei passiert fast gar nichts auf diesen 1’500 Seiten.

Daniel Pagenstecher, genannt Dän, hat ein befreundetes Ehepaar zu Besuch, Wilma und Paul, sowie deren 15-jährige Tochter Franziska, genannt Fränzel. Dän bewohnt alleine ein relativ einsam gelegenes Häuschen in der Heide. Er ist ein ziemlich erfolgreicher Schriftsteller und auch Erfinder der sog. Etym-Theorie. Nach dieser Theorie sind allen Wörtern ein halbes Dutzend oder so immer gleiche lautliche Wurzeln zu Grunde gelegt, Wurzeln, die alle sexuelle Konnotationen haben und/oder die menschlichen Pudenda und deren Funktionen betreffen. Paul ist Übersetzer literarischer Texte, der die Aufträge nehmen muss, wie sie kommen. Seine Frau kommt dabei die Rolle einer Sekretärin und Material-Zuträgerin zu. Im übrigen ist die Ehe offenbar nicht mehr so ganz glücklich; die beiden zanken während des ganzen Romans. Einmal mehr also hat Schmidt sein Personal nach seinen eigenen Lebensumständen erschaffen: Der Protagonist und Ich-Erzähler, hier Dän, hat sowohl Beruf wie Wohnort mit Schmidt gemeinsam, dazu noch die Ehre, Erfinder / Entdecker der Etym-Theorie zu sein. In ZETTEL’S TRAUM hat sich Schmidt allerdings verdoppelt, denn auch der Übersetzer Paul, mit der seinen Arbeiten zudienenden Ehefrau und einer nicht mehr so ganz glücklichen Ehe, ist ein Spiegelbild seiner selbst. Gleichzeitig ist Paul aber auch das Bild des dem Meister bedingungslos anhängenden Jüngers / Schülers, von dem Schmidt so gerne träumte – ein Verhältnis, das er seinerzeit in seiner Relation zu Hans Wollschläger fast erfüllt sah. (Wobei dieser Traum sehr einseitig auf Schmidts Seiten stattfand.)

Der Roman besteht aus Gesprächen, die sich praktisch nur um Edgar Allan Poe drehen. Er beginnt mit einem Spaziergang der vier durch die Heide und endet am folgenden Morgen in der Nähe von Däns Häuschen. Die Gespräche verfolgen eigentlich nur ein Ziel: Poe allerhand unschöne Dinge nachzuweisen. Mittels eines riesigen Aufwands an Etymogeleien glaubt Dän beweisen zu können, dass Poe ein Voyeur war, Alkoholiker, Syphilitiker und koprophil, aber auch impotent und trotzdem Liebhaber von Mädchen, die zwischen Kind und Frau stehen. Ausserdem hat er offenbar wichtige Teile seines Werks nicht selber erfunden, sondern abgeschrieben – von Edward Bulwer-Lytton.

Nun war mir Arno Schmidts merkwürdige Liebe zu Bulwer-Lytton, den er ebenso überschätzt, wie ihn das Lesepublikum – zumindest im deutschen Sprachraum – ansonsten unterschätzt (Bulwer-Lytton ist mehr und Besseres als Die letzten Tage von Pompeji – aber nicht der grosse Künstler, zu dem ihn Schmidt stilisiert!), ja bekannt. Und seine Etymogeleien kannte ich auch schon von seinem Buch über Karl May (Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk & Wirkung Karl Mays), wo er May unterschwellige Homosexualität nachzuweisen sucht.

Hier wie dort bin ich nicht sicher, ob Schmidt diese seine Etymogeleien ernst meint. Schon ganz zu Beginn des Romans fällt auf, dass der Ich-Erzähler Dän mit grösstem Behagen referiert, wie der eine oder die andere seiner Begleiter seine Notdurft verrichtet oder seinen Winden freien Lauf lässt. Im Laufe der Zeit wird immer klarer, dass zumindest Paul dem Alkohol ebenfalls nicht abgeneigt ist, beide, Dän und Paul, eine voyeuristische Ader haben, und zumindest Dän Sexualität nur noch in der Theorie lebt. Das zeigt sich am besten im 4. Buch, der den Besuch der beiden Herren im nahe gelegenen Städtchen schildert, und zum Schluss in einer Art Orgie endet, der Dän und Paul allerdings nur zusehen. Einzig von Geschlechtskrankheiten scheint keiner der Protagonisten betroffen zu sein. (Es ist, als ob Arno Schmidt den ihm wegen Seelandschaft mit Pocahontas 15 Jahre früher gemachten Vorwurf der Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften doch noch rechtfertigen wolle: Wir haben es im 4. Buch oft mit reiner Pornografie zu tun. NB: Kunst darf das, und ich verurteile Schmidt keineswegs deswegen.) Zu allem Übel ist Dän ein bisschen in die 15-jährige Fränzel verschossen, die wiederum voll und ganz in ihn verliebt ist. Dän spielt mit dem Feuer, bis es ihm zu heiss wird, und er einen Brand im nahe gelegenen Städtchen zum Vorwand nimmt, dass er als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr nun dorthin einzurücken habe. Er schleicht aber so lange um sein eigenes Haus herum, bis am nächsten Morgen die Gäste abreisen, ohne sich von ihm zu verabschieden.

So viel zum Inhalt. Formal haben wir ein grosses Experiment vor uns. Der Text ist in 3 bis 4 Spalten gesetzt. Üblicherweise die mittlere enthält die eigentlich Erzählung. Die kann aber schon mal nach links oder rechts ausweichen bzw. überschwappen, oder gar die ganze Seitenbreite einnehmen. In der rechten Spalte finden wir oft parallele Nebenhandlungen, kleine Seitenbemerkungen des Ich-Erzählers, aber auch weitere Etymogeleien, die Dän durch den Kopf schiessen.  Links dann meist Textbelege, Nachweise dessen, was in der mittleren Spalte nur gesprächsweise angetönt wird. Mit anderen Worten: ZETTEL’S TRAUM ist nicht nur Bottom’s Dream, es ist auch der Traum von Schmidts Zettelkästen. Im Grunde genommen führt uns Schmidt seine eigene Arbeitsweise in nuce vor. Daneben müssen wir, wie immer bei Schmidt, damit rechnen, dass viele Wörter phonetisch geschrieben sind und die Protagonisten Umgangssprache, ja manchmal gar Dialekt, verwenden. Auch andere graphische Experimente kommen vor, nach englischer Orthographie geschriebene deutsche Wörter z.B., oder ein hochgestelltes th, das das leichte Lispeln Franziskas andeutet, wenn die junge Frau mal wieder von der Liebe übermannt wird. Im Grunde genommen ist Arno Schmidt ein zu spät gekommener Expressionist oder Dadaist. Und seine Etym-Theorie ist im Grunde genommen ein stark expressionistisch und mit Sigmund Freuds Fehlleistung tingierter Symbolismus.

Ein Überbuch also, aber, um ehrlich zu sein, um etwa ⅔ zu lang geraten. Buchhalter, der er war, will Schmidt alles bis ins kleinste Detail demonstrieren und fixieren. Die Dialoge beginnen deswegen zu langweilen, drehen sich in immer demselben Kreis und Apfelmus. Auch die Liebesgeschichte, die an und für sich sehr berührend ist, hätte von einer rigorosen Kürzung profitiert.

L’après-midi d’un faune – oder, wie Schmidt in ZETTEL’S TRAUM schreibt: Nachmittag 1 Phon. Denn in vielem ist Dän der geile Faun, der gewesen zu sein er Poe vorwirft.

Le Faune

Ces nymphes, je les veux perpétuer.

Si clair,
Leur incarnat léger, qu’il voltige dans l’air
Assoupi de sommeils touffus.
Aimai-je un rêve ?
Mon doute, amas de nuit ancienne, s’achève
En maint rameau subtil, qui, demeuré les vrais
Bois même, prouve, hélas! que bien seul je m’offrais
Pour triomphe la faute idéale de roses —

Réfléchissons…
ou si les femmes dont tu gloses
Figurent un souhait de tes sens fabuleux !
Faune, l’illusion s’échappe des yeux bleus
Et froids, comme une source en pleurs, de la plus chaste :
Mais, l’autre tout soupirs, dis-tu qu’elle contraste
Comme brise du jour chaude dans ta toison ?
Que non! par l’immobile et lasse pâmoison
Suffoquant de chaleurs le matin frais s’il lutte,
Ne murmure point d’eau que ne verse ma flûte
Au bosquet arrosé d’accords; et le seul vent
Hors des deux tuyaux prompt à s’exhaler avant
Qu’il disperse le son dans une pluie aride,
C’est, à l’horizon pas remué d’une ride
Le visible et serein souffle artificiel
De l’inspiration, qui regagne le ciel.

O bords siciliens d’un calme marécage
Qu’à l’envi de soleils ma vanité saccage
Tacite sous les fleurs d’étincelles, CONTEZ
« Que je coupais ici les creux roseaux domptés
 » Par le talent; quand, sur l’or glauque de lointaines
 » Verdures dédiant leur vigne à des fontaines,
 » Ondoie une blancheur animale au repos :
 » Et qu’au prélude lent où naissent les pipeaux
 » Ce vol de cygnes, non! de naïades se sauve
 » Ou plonge…
Inerte, tout brûle dans l’heure fauve
Sans marquer par quel art ensemble détala
Trop d’hymen souhaité de qui cherche le la :
Alors m’éveillerai-je à la ferveur première,
Droit et seul, sous un flot antique de lumière,
Lys! et l’un de vous tous pour l’ingénuité.

Autre que ce doux rien par leur lèvre ébruité,
Le baiser, qui tout bas des perfides assure,
Mon sein, vierge de preuve, atteste une morsure
Mystérieuse, due à quelque auguste dent ;
Mais, bast! arcane tel élut pour confident
Le jonc vaste et jumeau dont sous l’azur on joue :
Qui, détournant à soi le trouble de la joue,
Rêve, dans un solo long, que nous amusions
La beauté d’alentour par des confusions
Fausses entre elle-même et notre chant crédule ;
Et de faire aussi haut que l’amour se module
Évanouir du songe ordinaire de dos
Ou de flanc pur suivis avec mes regards clos,
Une sonore, vaine et monotone ligne.

Tâche donc, instrument des fuites, ô maligne
Syrinx, de refleurir aux lacs où tu m’attends !
Moi, de ma rumeur fier, je vais parler longtemps
Des déesses; et par d’idolâtres peintures
À leur ombre enlever encore des ceintures :
Ainsi, quand des raisins j’ai sucé la clarté,
Pour bannir un regret par ma feinte écarté,
Rieur, j’élève au ciel d’été la grappe vide
Et, soufflant dans ses peaux lumineuses, avide
D’ivresse, jusqu’au soir je regarde au travers.

O nymphes, regonflons des SOUVENIRS divers.
« Mon oeil, trouant les joncs, dardait chaque encolure
 » Immortelle, qui noie en l’onde sa brûlure
 » Avec un cri de rage au ciel de la forêt ;
 » Et le splendide bain de cheveux disparaît
 » Dans les clartés et les frissons, ô pierreries !
 » J’accours; quand, à mes pieds, s’entrejoignent (meurtries
 » De la langueur goûtée à ce mal d’être deux)
 » Des dormeuses parmi leurs seuls bras hasardeux ;
 » Je les ravis, sans les désenlacer, et vole
 » À ce massif, haï par l’ombrage frivole,
 » De roses tarissant tout parfum au soleil,
 » Où notre ébat au jour consumé soit pareil.
Je t’adore, courroux des vierges, ô délice
Farouche du sacré fardeau nu qui se glisse
Pour fuir ma lèvre en feu buvant, comme un éclair
Tressaille ! la frayeur secrète de la chair :
Des pieds de l’inhumaine au coeur de la timide
Qui délaisse à la fois une innocence, humide
De larmes folles ou de moins tristes vapeurs.
« Mon crime, c’est d’avoir, gai de vaincre ces peurs
» Traîtresses, divisé la touffe échevelée
» De baisers que les dieux gardaient si bien mêlée :
» Car, à peine j’allais cacher un rire ardent
» Sous les replis heureux d’une seule (gardant
» Par un doigt simple, afin que sa candeur de plume
» Se teignît à l’émoi de sa soeur qui s’allume,
» La petite, naïve et ne rougissant pas : )
» Que de mes bras, défaits par de vagues trépas,
» Cette proie, à jamais ingrate se délivre
» Sans pitié du sanglot dont j’étais encore ivre.

Tant pis ! vers le bonheur d’autres m’entraîneront
Par leur tresse nouée aux cornes de mon front :
Tu sais, ma passion, que, pourpre et déjà mûre,
Chaque grenade éclate et d’abeilles murmure ;
Et notre sang, épris de qui le va saisir,
Coule pour tout l’essaim éternel du désir.
À l’heure où ce bois d’or et de cendres se teinte
Une fête s’exalte en la feuillée éteinte :
Etna ! c’est parmi toi visité de Vénus
Sur ta lave posant tes talons ingénus,
Quand tonne une somme triste ou s’épuise la flamme.
Je tiens la reine !
O sûr châtiment…
Non, mais l’âme
De paroles vacante et ce corps alourdi
Tard succombent au fier silence de midi :
Sans plus il faut dormir en l’oubli du blasphème,
Sur le sable altéré gisant et comme j’aime
Ouvrir ma bouche à l’astre efficace des vins !

Couple, adieu ; je vais voir l’ombre que tu devins.

 

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