Nino Haratischwili: Das achte Leben. Für Brilka

Üblicherweise gehören Jungautoren nicht in mein bevorzugtes Beuteschema – da werden Erinnerungen wach, etwa an die unsägliche Jenny Zoe und ihr Blütenstaubzimmer. Andererseits kann ich die gesamte Nachwuchsautorenschaft nicht mit Fug und Recht in Geiselhaft nehmen solch unseliger Elaborate wegen. Besser: Ich könnte, aber es mangelt mir am prinzipiellen Wollen, wie so oft.

Nino Haratischwili ist nun keine völlige Newcomerin, landete mit ihrem Debutroman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und kann mit nur 31 Jahren auf einige Anerkennung verweisen – aber: Preise bekam auch die vorhin erwähnte Schweizerin, weshalb man das Verhältnis von Auszeichnung und Qualität durchaus als kontingent bezeichnen kann. Haratischwili spielt allerdings in einer gänzlich anderen Liga, hier werden nicht pubertäre Befindlichkeiten einer gelangweilten Gymnasiastin ausgebreitet sondern es wird ein Roman wahrhaft epischen Ausmaßes (von fast 1300 Seiten) entworfen und es ist diesem riesenhaften Entwurf ein Gelingen beschieden, das – zumindest mich – einigermaßen erstaunt hat.

Die Ich-Erzählerin präsentiert uns eine über sechs Generationen sich erstreckende Familiensaga mit „wunderbaren“ Versatzstücken wie einer überirdisch schmeckenden, aber Unglück evozierenden Schokoladenmischung oder einer Versammlung kartenspielender Toter – erinnernd an den phantastischen Realismus der Südamerikaner – eingebettet in die politische Geschichte Georgiens und der Sowjetunion. Wobei das Schicksal der Familie mit den realen politschen Geschehnissen bzw. Personen (etwa dem Geheimdienstchef Berija) verknüpft und so gewissermaßen historisiert wird. Derartige Konstruktionen bieten eine Unzahl an Fallstricken wie das Versinken in esoterischem Schlick oder abenteuerliche historische Konstruktionen, welche weniger originell denn haarsträubend zu sein pflegen. Nichts davon in diesem Buch: Die Autorin hat ein wunderbares Gefühl dafür, was erlaubt, was gewagt und was absolut verboten ist. Diese Routine im Umgang mit Handlungssträngen, den phantastischen und realen Verknüpfungen ist angesichts des Alters der Autorin umso bewundernswerter.

Und so ensteht ein Bild der Revolutionen und Umbrüche von 1917 bis 1989 (und der Jahre danach, es wird auch die Zeit Gamsachurdias thematisiert), ein Bild des real existierenden Sozialismus aus Sicht georgischer Nationalisten, systemkonformer Kommunisten, künstlerischer Außenseiter – verbunden mit den persönlichen Schicksalen der verschiedenen Protagonisten, die – mehr-weniger erfolgreich – einen modus vivendi in diesem Chaos von Verfolgung, Unterdrückung und den wenigen, der Freiheit zugängigen Nischen suchen. Die Geschwister der dritten Generation, der systemtreue Kostya und die zur Flucht in den Westen gezwungene Kitty sind die eigentlichen Zentralfiguren, um die sich die Historie dieses 20. Jahrhunderts rankt, deren Scheitern die Ausweglosigkeit des Jahrhunderts demonstriert: Kostya vermag weder seiner Tochter noch der Enkelin den elitär-kommunistischen Traum zu vermitteln und muss schließlich seine Zwangspensionierung und damit völlige Machtlosigkeit in den Zeiten Gorbatschows zur Kenntnis nehmen, während aber auch Kittys Karriere als Sängerin im Westen einen bloßen Scheinerfolg darstellt: Die Gespenster ihrer Vergangenheit holen sie immer wieder ein und treiben sie schlussendlich in den Selbstmord. Es gibt keine Flucht aus der totalitären Struktur des sowjetischen Imperiums: Entweder verstrickt in die Verbrechen des Regimes oder zerrissen von Heimatlosigkeit und Sinnleere.

Das letzte (und meines Erachtens schwächste) Kapitel spielt in der Gegenwart, in der jenes Mädchen (Brilka) heranwächst, für die das Buch (wie aus dem Titel ersichtlich) geschrieben ist. Es soll Hoffnung vermitteln, ein Durchbrechen des Fluches, des Schicksals (für jeden Fluch gäbe es einen Gegenfluch lässt Brilka sich vernehmen), erzeugte aber bei mir den Eindruck einer Art von Rechtfertigung für die ersten tausend Seiten, einer Rechtfertigung, der kein Roman bedarf – und dieser schon gar nicht. Hier bin ich – wieder einmal – an Dürrenmatts Diktum vom „Ende für Leihbibilotheken“ erinnert, ein sich rundender Abschluss, eine kleine Moral – ein Schlusspunkt allemal, selbst wenn der Punkt sich nicht aus der Handlung ergeben will. Das ist aber Jammerei auf hohem Niveau, vielleicht auch eine bloß persönliche Aversion, keinesfalls aber – beim vorliegenden Buch – eine Kritik, die am positiven Gesamteindruck etwas ändern würde.

Und so bin ich froh über diesen Roman, über seinen Umfang (wozu auch ein wenig Mut gehört: 1300 Seiten muss man einem Verlag erstmal schmackhaft machen – und dem Leser). Von dieser Autorin darf man sich noch einiges erwarten, sie schreibt klug und intelligent, aber auch witzig und mitreißend und hat ein Gespür dafür, was ein Autor darf oder besser unterlassen sollte. Ein Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Dieser Beitrag wurde unter Lit(t)eratur, Roman abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.