Stefan Bachmann: Die Wedernoch [The Whatnot]

Zwei Jahre liegen zwischen der Veröffentlichung von Bachmanns Erstling, Die Seltsamen [The Peculiar], und dessen Fortsetzung, Die Wedernoch [The Whatnot]. (Jedenfalls, was die Originalausgaben in den USA betrifft; die deutschen Übersetzungen bei Diogenes erschienen später, dafür in engerem Rhythmus.) Zwei Jahre sind viel im Leben eines Teenagers, und so kann man sagen, diese zwei Jahre haben dem Autor Bachmann sehr gut getan. Er hat sich prächtig entwickelt; sein Stil ist bedeutend besser geworden, seine Figuren praller und seine Story hat Zug. Gleichzeitig scheint seine Faszination durch den Steampunk stark geschrumpft zu sein; wir finden keine mechanischen Vögel oder mit Dampf betriebenen Kutschenpferde mehr in diesem zweiten Teil. Das Personal ist praktisch völlig ausgewechselt; nur Bartholomew ist immer noch auf der Suche nach seiner Schwester Hettie, die im ersten Band einem bösen Feenlord als Portal ins Feenland dienen sollte, dabei darin verschwand und ihren Bruder in seinem Steam-Punk-England zurückliess.

Die Geschichte wird auktiorial erzählt; abwechslungsweise verfolgen wir dabei die Geschichte der drei Hauptpersonen, Bartholomews, Hetties und des neu hinzugekommenen Pikey, den Frau Hübinger konsequent, aber falsch, „Picki“ aussprach, sehr zum Amüsement von Bachmann. Bartholomew taucht allerdings zuerst gar nicht auf und tut sich dann relativ früh in der Story mit Pikey zusammen, so dass wir de facto zwei Erzählstränge vor uns haben. Denn natürlich ist Hettie am Ende des ersten Bandes nicht gestorben, und Bartholomew immer noch auf der Suche nach ihr. „Immer noch“, sage ich, denn in der Story sind ein paar Jahre seit den Ereignissen von Band 1 vergangen. Das hat vor allem Bartholomew gut getan; er ist ein reifer, selbstbewusster und überlegter junger Mann geworden.

Düsterer als der erste Band ist der zweite zweifellos; wenn auch nicht so düster, wie es Bachmann und Frau Kegel in ihrem Interview wahr haben wollten. Im Gegensatz zum Steam Punk, der praktisch verschwunden ist, zeigt sich das Faszinosum ‚Dickens‘ schon noch, auch wenn für den zweiten Band natürlich immer noch gilt, dass der junge, im westlichen Wohlstand des 21. Jahrhunderts aufgewachsene Bachmann die Düsternis und den Pessimismus des späten Dickens aus dem sich rapide industrialisierenden 19. Jahrhundert keineswegs auch nur ansatzweise erreicht. C. S. Lewis‘ Chroniken von Narnia, von meinem Klappentext auch noch genannt, sind – jedenfalls, was die Phantastik der eingeführten Parallelwelten und Figuren betrifft – ein treffenderer Vergleich, auch wenn Bachmann nicht derart offen ein christliches Weltbild propagiert wie Lewis (eigentlich, so weit ich das erkennen kann, überhaupt kein bestimmtes Weltbild propagiert).

Bachmann verzichtet im zweiten Teil weitgehend darauf, uns die Gefühle und Gedanken seiner Figuren auktorial mitteilen zu wollen – was mir persönlich sehr zusagt. (Zumal diese in Die Seltsamen doch eher platter Natur waren.) Der Prolog ist sehr gut gelungen; auch wenn sich im Laufe des Romans herausstellt, dass das dort Erzählte praktisch irrelevant für die Fortsetzung ist. Die Motive und Gadgets, die Bachmann verwendet, sind im Grossen und Ganzen gut gewählt. Der Schluss, der irgendwann mit reissender Gewalt eingeläutet wird, leidet – wie so viele plötzliche Happy Endings – daran, dass die Hauptpersonen aus heiterem Himmel über Fähigkeiten verfügen, die sie fünf Minuten vorher noch keineswegs vorzuweisen hatten. Aber irgendwie muss das Ding ja fertig werden; und es gibt bekanntere Autoren, die da schwerer gesündigt haben.

In den USA wird The Whatnot als Kinderbuch verkauft; ich würde Die Wedernoch als gelungenes Fantasy-Jugendbuch einstufen.

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