Gustav Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit (1)

Noch vor 80, 90 Jahren zählten Gustav Freytags Werke zum Inventar des klassischen Bildungsbürgertums. Seither geriet er rapide in Vergessenheit; allenfalls an seinen Roman Soll und Haben erinnert man sich noch. Dieser Roman ist allerdings heute verrufen, gilt er doch als Musterbeispiel des Anti-Semitismus des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich sind es in diesem Roman vorwiegend die jüdischen Kaufleute, die – gegenüber den ‚germanischen‘ – als die schlechten Kerle dargestellt werden. (Dass Freytag mit seiner Form des Anti-Semitismus zu seiner Zeit durchaus Mainstream darstellte und sich auch kaum weiter Böses dabei dachte, sei nur am Rande erwähnt; ebenso, dass der deutsche Mainstream hierin vom französischen noch übertroffen wurde – man denke an die Dreyfus-Affäre und die anti-semitischen Gedanken, welche Edmond de Goncourt zur selben Zeit in seinem Tagebuch äusserte und auch veröffentlichte.)

Jedenfalls fällt auf, dass Freytag in den Bildern aus der deutschen Vergangenheit, die nur unwesentlich jünger sind als Soll und Haben (1859ff vs. 1855), sich angesichts der Judenverfolgungen im Verlauf der Kreuzzüge vehement gegen den Anti-Semitismus wendet:

Die Juden hatten den Herrn gekreuzigt, und sie waren es, welche jetzt den frommen Kreuzfahrer drückten, wenn er ihnen seine Habe verkaufen mußte, und welche reich werden durch den Schaden fahrender Gotteskinder. So richtete sich die Wut der Volkshaufen zuerst gegen die Juden. Mit Mord und Plünderung begann in den Städten des Rheins und der Donau das Gesindel die heilige Fahrt. [Freytag erzählt dann ein Vorkommnis in Mainz, um fortzufahren:] Ähnlich ging es in andern Städten, und die Judenverfolgungen, allerdings nicht die ersten, welche den Deutschen zur Last fallen, wiederholten sich von da ab mit einer fürchterlichen Regelmäßigkeit fast jedesmal, wenn die Volksmenge durch geistlichen Eifer oder plötzliches Landesunglück aufgewühlt wurde. Durch die Jahrhunderte waren diese Hetzen eine Schmach für unsere Nation, erst der Protestantismus bändigte sie; noch heute regt sich der Drang danach, wo Zustände des Mittelalters in die Gegenwart dauern.

Was hätte Freytag gesagt, hätte er gewusst, was 70 Jahre nach diesem Satz in Deutschland geschehen würde!?!

Ansonsten fällt auf, dass er in diesem historischen Sachbuch die Geschichte ganz klar aus der Sicht des Volkes erzählt. Die grossen Namen und Taten der Herrscher, die Schlachten und politischen Winkelzüge, sind ihm so ziemlich egal. Selbst andere Nationen als die deutsche werden nur erwähnt, wenn sie in Kontakt kommen mit dieser. (Die obige Passage über die Judenverfolgungen ist die einzige, in der die Juden erwähnt werden!) Das ist sicher Chauvinismus, aber dieser Chauvinismus kommt sehr unaufgeregt daher, wesentlich gemildert dadurch, dass Freytag im Grunde seines Wesens Erzähler ist und Genre-Bildchen liebt – ein Holländer unter den Romanciers. Der Text wird dort gut, wo der Autor solche Schilderungen anbringen kann. Die Szene aus einer mittelalterlichen Kneipe mitten in der Stadt, ist – wie man so schön sagt – ‚ganz grosses Kino‘.

Ich lese eine Ausgabe in drei Bänden der Bilder. Wikipedia will deren 4 haben. Wo der vierte in meiner Ausgabe ist, weiss ich aktuell nicht. Bei mir handelt es sich um einen Reprint einer Ausgabe aus den 1920er Jahren, wenn ich die sehr sparsamen Bemerkungen aus dem Impressum richtig verstanden habe. Ich werde weiter berichten.

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