Joseph Heller: Catch 22

Das wohl berühmteste Antikriegsbuch des Zweiten Weltkrieges – auch Vonneguts “Schlachthof 5” oder Grass’ “Blechtrommel” dürften da nicht mithalten können. Und der Protagonist des Buches, Yossarián, erinnert an einen anderen “Helden” großer Kriege, an einen braven Soldaten namens Schwejk, der sich das Überleben schon im Ersten Weltkrieg auf seine Fahnen heftete und wie der Held dieses Buches sein Vorhaben in die Realität umzusetzen vermochte.

Trotzdem sind Yossarián und Schwejk nur bedingt vergleichbar: Der naiv-schlitzohrige k. u. k. Soldat war eine durch und durch positiv konnotierte Figur, der als Schelm die Menschlichkeit vor dem Hintergrund des Krieges hochhielt und der trotz allem ein bisschen “heile Welt” suggerierte, während Yossarián weder nur positiv ist noch irgendwas mit heiler Welt zu tun hat. Denn er wünscht im Grunde nur eines – zu überleben, weil er in einem Tod für Begriffe wie Vaterland, Frieden oder Freiheit trotz redlichen Bemühens keinen Sinn zu erkennen vermag. Yossarián ist anarchistisch, subversiv, er ist aber auch feige und inkonsequent – und er wird durch diese Eigenschaftsvielfalt erst zum Menschen.

Der Alltag, der Irrsinn des Krieges mutet kafkaesk an, man “verschwindet” Leute (Yossarián findet nicht nur die Tatsache, sondern auch den grammatikalischen Kahlschlag, der dieser Sprachverwendung zugrunde liegt, widerlich), der Regimentsarzt wird für tot erklärt, weil er in einem abgestürzten Flieger gesessen sei (allerdings nur auf dem Papier, der Fliegerzulage wegen), erhält keinen Lohn mehr und ist auf den guten Willen seiner ehemaligen Gehilfen angewiesen, um nicht zu verhungern, man führt irrwitzige Dialoge (deren Quintessenz der allüberall auftauchende IKS-Haken ist, eine paradoxe Argumentation, die anhand des Versuches, sich von den Feindflügen wegen Verrücktheit befreien zu lassen, eingeführt wird: Derjenige, der verrückt ist, braucht diese Flüge selbstverständlich nicht durchzuführen, allerdings würde so jemand einen solchen Antrag nicht stellen. Stellt er ihn doch, beweist er dadurch nur, dass er nicht verrückt ist und muss daher weiterfliegen), verliert sich in Paradoxien, Skurrilitäten und bürokratischem Wahnsinn – aber das sich vordrängende Lachen bleibt immer wieder im Halse stecken: Der ganze Irrsinn hat Methode, eine sehr realistische, ernsthafte und zum Tod führende Methode*.

Das alles ist nicht bloß lesbar, sondern sollte zur Pflichtlektüre erhoben werden, es ist ein Feuerwerk zynischen Witzes, sarkastischer Skurrilitäten – und doch (ober gerade deshalb) von einer ungeheuer verstörenden Ernsthaftigkeit. Mein parallel zu diesem Buch gelesener Thukydides passt dazu ganz wunderbar: Er demonstriert die Ewigkeit menschlicher Dummheit, das nie versiegende Streben nach Macht und Reichtum, all die dämlichen Versprechen an die Kämpfenden von ewigem Ruhm in einer Geschichte, die dann der Betreffende nicht mehr erlebt. Perikles und Archidamos werden nicht müde von diesem Ruhm zu sprechen, von der posthumen Ehre, die nichts anderes ist als die Unmöglichkeit des einzelnen, sein kleines Stückchen Leben einigermaßen freibestimmt und zufrieden zu verbringen. All die Toten der peloponnesischen Schlächterei (wie etwa die rund 300 Gefallenen der letzten Woche in der Ostukraine) wurden durch Worte betrogen – und zwar um alles: Um ihr einmaliges, unwiederholbares Leben. Und auch der ewige Ruhm ist bloß ephemer: Keiner kennt auch nur einen einzigen gewöhnlichen Hopliten, der da vor 2400 Jahren für die oben erwähnten, großen Worte sterben musste – und selbst wenn: Er hätte trotzdem alles verloren.

Das Buch ist großartig, weil es nicht den Krieg als solchen, sondern das dahinter stehende System ad absurdum führt. Die kleinen und großen Eitelkeiten des Lebens existieren weiter in einem solchen Krieg, nur mit dem Unterschied, dass sie anstatt lächerlich plötzlich tödlich sind. Der Krieg – nach Clausewitz – als die Politik mit anderen Mitteln – nur dass diese Mittel nun das Sterben (der anderen) beinhalten.


*)Ich war nicht selten an meine eigene Bundesheerzeit erinnert, als man mir etwa erklärte, dass ein (russischer) Atombombenangriff selbstverständlich zu überleben sei, wäre man nur etwa einen Kilometer vom Explosionsort entfernt, trüge seinen militärgrünen Regenschutz und zählte langsam – der moralischen Erbauung anderer prospektiver Überlebender wegen – bis 100, eine Instruktion, die mir – zum xten Male – eine mehrtägige Zellenhaft eintrug, da ich die Überlebensfähigkeit der uns Ausbildenden nachdrücklich bezweifelte: Ich verlieh der Meinung Ausdruck, dass keiner der Betreffenden fehlerlos so weit zu zählen in der Lage sei. Und auch wenn ich diese meine Zeit als grauenhaft in Erinnerung habe, so war im Normalfall das Leben doch nicht bedroht: Yossarián (und Heller) aber waren Idioten dieses Schlags auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sie liefen Gefahr, fremde Dummheit mit dem Tod zu bezahlen.

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