Dave Eggers: Der Circle

Mae, eine junge College-Absolventin, erhält durch ihre Freundin Annie die Chance, beim „Circle“ zu arbeiten. Der „Circle“: Eine Kombination aus Facebook, Twitter, Google & Co., eine gigantische Datenzentrale, die durch absolute Transparenz glaubt, die Welt sicherer und besser machen zu können. Das Personal der Firma ist zwischen 20 und 30, gebildet, ehrgeizig, technikaffin – und Mae glaubt sich schon nach kurzer Zeit im Paradies. Großzügige Entlohnung, Freizeitmöglichkeiten, Krankenversicherung sogar für ihren an multipler Sklerose leidenden Vater. Der mit all diesen Leistungen verbundene Zwang zur Transparenz (so müssen auch ihre Eltern der Installation von Kameras in ihrem Privathaus zustimmen, „damit man dem Vater die bestmögliche Therapie angedeihen lassen kann“) wird von ihr nicht nur akzeptiert, sondern auch für gut befunden. Einzig die Geheimhaltung, das Verbergen privater Aktivitäten scheint Ursache für alle Übel in der Welt, permanente Beobachtung verhindert Straftaten und macht den Beobachteten dadurch zu einem besseren Menschen, da er sich scheut, vor aller Welt einem destruktiven Trieb nachzugeben.

Mae wird zu einer der ersten völlig transparenten Personen: Sie trägt eine Kamera mit sich, ihre Gesundheitswerte werden ständig aufgezeichnet, ihre Gespräche gehört, ihre Follower sehen, was sie sieht. Einzig auf der Toilette darf sie für einige Minuten die Übertragung stoppen (und diese Örtlichkeit dient denn auch für intime Gespräche mit ihrer Freundin Annie, die sich einem ähnlich Programm unterwirft: PastPerfect analysiert die die Familiengeschichte über Generationen und macht sie ebenfalls der gesamten Welt verfügbar, eine Tatsache, an der Annie schließlich zerbricht. Denn sie wird nicht nur mit einer Sklavenhaltervergangenheit ihrer Familie konfrontiert, sondern auch mit kompromittierenden Fotos ihrer Eltern, die auch Straftaten miteinschließen.)

Schon zuvor ist Mae einem geheimnisvollen Fremden namens Kalden auf dem „Campus“ begegnet, der sie vor den Auswirkungen dieser ganzen Tools warnt und darin die Möglichkeit zur totalen Überwachung, zum Totalitarismus erkennt. Dieser Fremde bleibt ungreifbar, taucht auf, verschwindet, erzeugt Verunsicherung. Schließlich entpuppt sich der Geheimnisvolle als einer der Gründer des Circles, er versucht Mae noch einmal von der Gefährlichkeit dieser umfassenden Datensammelwut zu überzeugen und fordert sie als eine unglaublich prominente, weil eben „transparente“ Person auf, diese Gefahren öffentlich zu machen und gegen eine „Vervollkommnung“ des Circles (dem Schließen des Kreises) aufzutreten. Aber sie ist längst in ihrer Begeisterung für das Unternehmen gefangen (auch der Tod ihres Ex-Freundes, der auf der Flucht vor den allgegenwärtigen Kameras sich das Leben nimmt, führt zu keinem Gesinnungswandel: Er wird als Opfer seines eigenen Egoismus‘ dargestellt, als jemand, der sich unverständlicherweise weigerte, sein Leben zu teilen, alle daran partizipieren zu lassen) und verrät Kalden an seine Geschäftspartner. Somit sind der absoluten Transparenz keine Grenzen mehr gesetzt.

Der Roman war in diesem Jahr in aller Munde, problematisiert eine Entwicklung, die seit der Kenntnisnahme der Aktivitäten der NSA (und aller anderen Geheimdienste) eine große Aktualität erhalten hat. Eine Dystopie wie „Brave new world“ oder „1984“, die sich des Überwachungswahns annimmt, der Sorglosigkeit, mit der viele ihr Privatleben zur Schau stellen. Und jenen zu empfehlen, die mit dem Hinweis, dass sie doch nichts zu verbergen hätten (weil gesetzestreue Bürger), hinter dieser Datensammelwut und permanenten Überwachung keinerlei Problem sehen und sich freiwillig diesen Konzepten ausliefern.

Neben der aktuellen Thematik des Romans (und manchen geistreichen, futuristischen Szenarien) bleibt aber festzuhalten, das er literarisch ein bescheidenes Produkt ist. Die Charaktere simpel und durchschaubar, die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen unfreiwillig komisch, der Plot unausgegoren. Man hat den Eindruck, dass der Autor einem Brainstorming seine Ideen abgewonnen und dann versucht hat, diese miteinander zu einer Handlung zu verbinden, was mitunter nur mit Brachialgewalt möglich war. Gerade die Darstellung Kaldens wirkt unrealistisch und unpassend, sein Verhalten ist unlogisch und es wird offenbar, dass Eggers einfach nur eine Figur benötigte, die innerhalb des Circles Kritik übt. Daneben wird mehr auf Spannung und Lesefluss geachtet als auf eine fundierte Ausformulierung der hinter dieser Datensammelwut stehenden Ideologie, Argumentationen wiederholen sich, sind platitüdenhaft. Weshalb der Vergleich mit Orwell oder Huxley denn auch nur mit Abstrichen gezogen werden kann: Er bezieht sich nur auf die Thematik der Dystopie. Ein bezüglich dieses Romans öfter gehörtes Argument, dass den Charakteren neben dem wichtigeren Part des Utopisch-Futuristischen keine Bedeutung zukäme, kann ich nicht unterschreiben: Die Botschaft eines Romans kann niemals die Unzulänglichkeiten der Darstellungen ausgleichen. Fazit: Das Buch beschreibt interessante Aspekte einer Entwicklung, die von vielen weitgehend unterschätzt wird, ist aber literarisch belanglos.

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