Die Horen. Jahrgang 1796. Eilftes Stück

Immer, wenn man glaubt, die Horen liegen endgültig darnieder, berappeln sie sich nochmals… So bringt die November-Nummer wieder das eine und das andere, das dem seinerzeitigen Ziel-Publikum gefallen haben sollte, ja sogar bis heute (zumindest) interessant ist. Zwar

Benvenuto Cellini

gehört meiner Meinung nach noch immer nicht dazu. Schauen wir kurz hinein:

Zufälligerweise hatte mir eben in diesem Augenblick ein französischer Knabe, der bey der Arbeit um mich war, irgendetwas nicht recht gemacht, deswegen ich ihm einen Tritt gab, der glücklicherweise nur zwischen die Beine traf, […] (S. 3 dieser Nummer)

Abgesehen von der stilistischen Schwerfälligkeit, der beiden -weise kurz hintereinander und im selben Satz; abgesehen von der Frage, was genau der Leser unter bei der Arbeit um Cellini sein zu verstehen hat (Cellini wurde ein paar mal der Pädasterie angeklagt, wenn ich mich recht erinnere): Lieber Autor, lieber Übersetzer – wo genau traf denn nun dieser Tritt hin, was muss ich mir vorstellen unter einem Tritt, der zwischen die Beine traf? Traf er nun die Luft? Oder – etwas ganz anderes? Nein, solche Sätze als Meisterwerke der deutschen Sprache oder der Übersetzungskunst zu betrachten, weigere ich mich ganz entschieden.

Reise von Grottaferrata nach dem Fucinischen See und Monte Cassino, im October 1794. An Ihre Durchlaucht, die Herzogin Amalia von Sachsen⸗Weimar.

Der Autor, Alois (auch: Aloys) Hirt, war gerade nach rund 10 Jahren Aufenthalt in Rom nach Deutschland zurückgekehrt. In Rom hatte er u.a. Goethe und danach auch Herder und eben die Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach zu den interessantesten antiken Sehenswürdigkeiten geführt. Hirt bezieht sich zuerst auf die gemeinsame Zeit mit der Herzogin, die ihn 1794 deswegen zum fürstlich-weimarischen Rat erhoben hatte, dann aber – nach einer kurzen Erzählung, wie er und seine Begleiter vor Ort angekommen sind (elende Wirtshäuser ist sein Lieblingsausdruck in diesem Zusammenhang), widmet er sich ausschliesslich in einer Art philologisch-archäologischen Studie dem Bau eines Abflusskanals durch Kaiser Claudius am Fucinischen See und den Ereignissen, die bei den Einweihungsfeierlichkeiten statt fanden (der Schaukampf zweier ‘Marine-Einheiten’ – wie wir heute sagen würden – endete in einer Katastrophe, die Opfer sowohl unter den Schaukämpfern wie unter dem Publikum forderte).

Ich weiss nicht, ob Anna Amalia an dieser wissenschaftlichen Arbeit tatsächlich Freude hatte, aber ich vermute, dass dieser Text den einen oder andern Leser der Horen über die insgesamt nachlassende Qualität der Zeitschrift hinwegsehen liess. Mir jedenfalls hat er bei allen Schwächen aus heutiger Sicht doch die Lektüre dieser Nummer einigermassen versüsst.

Danach geht es vorerst mal im alten Trott weiter:

Herakles bei Augeias

eine Übersetzungsarbeit Voßens in dessen üblichen pompösen Ton, der dem im Verhältnis zu Homer so viel leichteren Theokrit Unrecht tut, und

Cynthiens Schatten. [Eine] Elegie

von Properz, angenehm zu lesen, im Ganzen also annehmbar, wenn auch meiner Meinung nach nicht umhauend (was das Deutsch betrifft, die Nähe zum Original kann ich nicht beurteilen), übersetzt von Karl Ludwig von Knebel, bringen alte Bekannte mit den alten bekannten Stärken und Schwächen wieder.

Interessanter ist da für den Literaturgeschichtler / die Literaturgeschichtlerin

Ich denke Dein

der Dänin mit deutschen Wurzeln, Friederike Brun. Interessant vor allem deswegen, weil dieses Gedicht in Goethes Umformung als Nähe des Geliebten (ebenfalls 1796!) in Schillers Musenalmanach erschien. Wie kann es anders sein, als dass der begnadete Lyriker Goethe die dänische Hausfrau und Mutter sogleich um Längen übertraf. Wie es User Gontscharow in unserm Forum formuliert:

Das Gedicht in der goethischen Prägung ist von allem antiken und antikisierenden Plunder und aller Jenseitsduselei befreit, ist einfacher, sinnlicher, intimer, lyrischer eben.

Besser kann man den Unterschied nicht ausdrücken.

Den Schluss macht Herder mit

Die Trösterinnen

Ich habe keine Ahnung, was der gute Mann mit diesem Gedicht wollte. Eine zuerst fast komisch anmutende Hymne an die Trösterin Tabak, bzw. Tabakspfeife

Du, philosophisch Rohr, du sollt [sic!] mir Labung geben; […]
Wie aber, wäre mir mit allen Lebensstunden
das Leben selbst, Gefühl und Mitgefühl verschwunden;
So tröstete mich Rauch und Rauchphilosophie.

wird in der letzten Strophe, wo Herder die andere Trösterin, die Musik in Form der Laute, anspricht, plötzlich larmoyant. Oder war auch die letzte Strophe komisch-ironisch gemeint?

Nun, der Leser geht kopfschüttelnd von dannen, in Erwartung der nächsten Horen-Nummer.

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