Reisen von Friedrich Gerstäcker. Südamerika. Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta’scher Verlag, 1853

1837 reiste Gerstäcker zum ersten Mal, in die USA. 1843 kehrte er zurück. 1844 veröffentlichte er einen Bericht über seinen Aufenthalt dort: Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Staaten Nord-Amerikas. Das Buch war ein sofortiger und unerwarteter Erfolg, der Gerstäcker erlaubte, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Übersetzungen und erste Romane festigten Gerstäckers Ruhm als Autor. Doch, wo jeder andere nun friedlich zu Hause geblieben wäre, und weitere Romane und Übersetzungen gestrickt hätte, konnte Gerstäcker nicht still sitzen, und trotz Frau und kleinem Sohn begab er sich 1849 ein weiteres (und nicht ein letztes!) Mal auf Reisen.

Von Deutschland nach Südamerika, durch die Magellanstrasse von Westen nach Osten um den südamerikanischen Kontinent herum nach San Francisco, die damalige Hauptstadt des kalifornischen Goldrausches, sollte sie ihn führen. Dabei reiste Gerstäcker dieses Mal zumindest teilweise in offiziellem Auftrag: Er sollte für Deutschland herausfinden, welches die Chancen und Möglichkeiten für deutsche Auswanderer waren, in Südamerika (genauer in Brasilien, noch genauer in der Gegend von Rio de Janeiro) Land und Beschäftigungsmöglichkeit als Farmer zu finden.

Die Erlebnisse auf jener Reise hat Gerstäcker selbstverständlich in einem Tagebuch notiert und später, zurück in der Heimat, als Buch herausgegeben. Der hier vorliegende Titel umfasst nur den ersten Teil dieser Reise. (Sie sollte ja zum Schluss noch weit über San Francisco hinausgehen, und nach Tahiti und Australien führen.) Ich habe das Buch nicht im über 150 Jahre alten Original gelesen, sondern in einem der sorgfältig und bibliophil hergestellten Reprints des Verlags Fines Mundi.

Gerstäcker erzählt, wie schon in seinen Streif- und Jagdzügen, eigentlich recht trocken und über weite Strecken eher humorlos, dafür belehrend. Natürlich hatten damals die wenigsten Deutschen die Gelegenheit, über die Grenzen ihres Dorfs, ihrer Stadt, hinaus zu blicken. Natürlich waren die meisten Landratten, denen nautische Begriffe erklärt werden mussten. Natürlich hatte Gerstäcker einen offiziellen Auftrag, den er erfüllen musste, und den zu erfüllen er offenbar auch dieses Buch benutzte, womit es sowieso von guten Ratschlägen und Hinweisen für zukünftige Auswanderer wimmelt. Das gilt jedenfalls für den ersten Teil, die Überfahrt durch den Atlantik und den Aufenthalt in Rio de Janeiro. Es fällt auf, wie wenig Gerstäcker die Stadt selber zu schildern weiss; seine Beschreibung könnte mehr oder weniger auf jede südamerikanische Stadt zutreffen. Von der Schönheit, die man heutzutage Rio nachrühmt, scheint er jedenfalls nichts bemerkt zu haben. Dafür beschreibt er, wie rasch er sich wieder ans Leben im Sattel gewöhnen konnte…

Irgendwann aber glaubt Gerstäcker dann doch, seinen Auftrag erfüllt zu haben, und macht sich auf die Weiterfahrt. Bei widrigen Winden geht es nach Buenos Aires (Gerstäcker schreibt in der Orthographie der Zeit Ayres). Es war die Zeit des Diktators Juan Manuel de Rosas. Gerstäcker kümmert sich zwar nicht um die grosse Politik, aber er kann nicht umhin, den einen oder andern merkwürdigen Auswuchs der Diktatur zu bemerken; bis hin zur Farbe der Kleider ist fast alles offiziell oder inoffiziell geregelt in Argentinien.

In Buenos Aires packt den Deutschen die Abenteuerlust, und er disponiert um. Statt passiv als Passagier mit dem Schiff durch die Magellanstrasse auf die andere Seite des südamerikanischen Kontinents zu reisen, will er diesen aktiv auf dem Pferd durchqueren: von Buenos Aires in Argentinien nach Valparaíso in Chile. Zwar gibt es bereits eine offizielle Verbindung durch Posten-Reiter, aber die ist zur Zeit des öftern unterbrochen, weil im Interior die Indios immer wieder Reisende überfallen, und das Militär ihrer nicht Herr wird. Hinzu kommt, dass es Winter ist, und die Anden (Gerstäcker nennt sie, wie nach ihm – und wohl in seinem Gefolge – Karl May, Cordilleren) als unpassierbar gelten. Dennoch findet Gerstäcker einen Posten-Reiter, mit dem er reiten kann, und macht sich auf den Weg. Auf Indios trifft er nicht, dafür auf eine arme und eingeschüchterte Landbevölkerung in Argentinien. Erst auf der östlichen Seite der Anden, die Gerstäcker zwar nur unter grossen Strapazen erreicht, aber ohne eigentlich je wirklich in Lebensgefahr geraten zu sein, bessern die Verhältnisse.

Valparaíso und überhaupt Chile scheinen Gerstäcker sowieso besser zu behagen. Die Stadt wird recht ausführlich und lebhaft beschrieben. (Denn Gerstäcker muss auf ein Schiff nach San Francisco warten – sein eigenes, ursprüngliches, mit dessen Kapitän verabredet war, dass es auf ihn warte bzw., wenn es nicht mehr länger warten könne, sein Gepäck an Land abgebe, war schon längst auf und davon. Natürlich mit Gerstäckers Gepäck.) So ist der Teil in Valparaíso der beste des Buchs. Hier hört der Text dann auch auf; sobald Gerstäcker eine Passage nach San Francisco gefunden hat, beginnt ein anderer Teil der Reise.

Alles in allem für Heutige eine nette Lektüre für Zwischendurch; wer in seiner Jugend Karl Mays Südamerika-Romane gelesen hat, wird mit Vergnügen feststellen, dass der „sächsische Lügenbold“ einmal mehr schamlos von Gerstäcker abgekupfert hat: Die Beschreibung der Bola, eines Jagdinstruments der Indios und der Gauchos, ist praktisch 1:1 von Gerstäcker zu May gewandert. Dennoch werde ich wohl bei Gelegenheit Gerstäcker nach San Francisco folgen.

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Ein Kommentar zu Reisen von Friedrich Gerstäcker. Südamerika. Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta’scher Verlag, 1853

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