Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?

Silvester ist traditionsgemäss der Tag des Rück- und Ausblicks. Anstatt nun mein Teebeutelchen ein zweites Mal zu wässern, habe ich beschlossen, Jaron Laniers Buch Wem Gehört die Zukunft? Du bist nicht der Kunde der Internet-Konzerne, du bist ihr Produkt! kurz Revue passieren zu lassen. Es passt wunderschön zum Thema Rück- und Ausblick: Ausblick – schon wegen des Titels, aber auch Rückblick, hat doch Lanier 2014 für dieses Buch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten.

Das wirft gleich mehrere Fragen auf: Warum Friedenspreis? Warum Friedenspreis des Buchhandels? Warum des deutschen Buchhandels?

Am einfachsten ist wohl die mittlere Frage zu beantworten. Egal, was der Börsenverein und was Lanier selber dazu sagt: Es geht bei diesem Preis nicht um Fragen der Ethik und der Moral. Lanier ist in gewissem Sinn ein enttäuschter Pionier des Internet; aber diese seine Enttäuschung ist letztlich persönlich und nicht ethisch. (Ich werde darauf zurück kommen.) Letztlich hat Janier, davon bin ich überzeugt, seinen Preis erhalten für ein einziges Kapitel in diesem Buch (den Rest hat die Jury entweder nicht gelesen oder nicht verstanden – was bei der äusserst nachlässigen und unsorgfältigen Argumentationsweise von Lanier auch nicht wundern soll). Dieses Kapitel (genauer gesagt, das Achte Zwischenspiel in Teil 9) behandelt die Zukunft des Buchs, wie sie sich Lanier vorstellt (und die sehr ähnlich ist der, wie sie sich der Börsenverein, also der deutsche Buchhandel, vorstellt): als Werk eines grossen Einzelnen; und die Zukunft, wie sie sich gemäss Lanier ‚Silicon Valley‘ vorstellt, wobei ‚Silicon Valley‘ für ihn eine Formel ist, unter der er sämliche kleinen und grossen im Internet tätigen Firmen zusammenfasst: als ein von Algorithmen bestimmtes, in Entstehung und Verkauf vorhersagabares und im Voraus definierbares Produkt. Natürlich gefällt dem in Bezug auf die technische Entwicklung des Buchhandels und des Verlagswesens äusserst konservativen (um nicht zu sagen: versteinerten) deutschen Buchhandel Laniers Sicht, natürlich wird sie einen (scheinbaren) Renegaten des Internet prämieren wollen. Insbesondere der deutsche Buchhandel tut sich ja immer noch schwer mit dem Phänomen ‚Internet‘ und dem Phänomen ‚Amazon‘.

Die erste Frage ist die am schwierigsten beantwortbare, und sie verlangt einen kurzen Exkurs in den Text selber. Lanier ist US-Amerikaner, mit allen Stärken und Schwächen, die eine US-amerikanische Bildung mit sich bringt. Im soziologisch-ökonomischen Bereich stammt seine ganze Erfahrung, stammen alle seine Beispiele, aus den USA. US-amerikanische Sonderentwicklungen (z.B. das extreme Schrumpfen des Mittelstands oder die mangelnden Kranken- und Sozialversicherungen) werden gnadenlos verallgemeinert. Überhaupt ist Lanier einer, der die ‚terrible simplifications‘ liebt. Er geriert sich sehr wissenschaftlich, zitiert zum Beispiel Kant oder Malthus. Beide hat er entweder nicht verstanden oder nicht gelesen. (Womit sich herausstellt, dass das Nicht-Verstanden- oder Nicht-Gelesen-Haben des deutschen Buchhandels offenbar bereits auf einer zweiten Ebene abspielt: Sie haben einen nicht verstanden oder nicht gelesen, der seine eigenen Quellen nicht verstanden oder nicht gelesen hat. Das nennt man, glaube ich, Qualitätsarbeit.) Kant z.B. hat keineswegs einen Gottesbeweis gesucht; er hat nachgewiesen, dass ein Gottesbeweis nicht Stich halten kann. Und Malthus hat nicht einfach eine Bevölkerungsexplosion vorher gesagt, er hat darauf hingewiesen, dass ein Ansteigen der Ressourcen zu einem Ansteigen der Bevölkerung führt; aber er hat auch gesehen, dass dieses Ansteigen der Bevölkerung irgendwann die Ressourcen erschöpfen wird, und die Bevölkerung wieder schmilzt. Die unkontrollierte Bevölkerungsexplosion, bzw. –bombe, ist das Thema von Paul Ehrlich. (Vermute ich; um offen zu sein, habe ich meinerseits Ehrlich nicht gelesen, aber was ich über ihn weiss, und was ich bei Lanier gelesen habe, klingt so, als habe Lanier Malthus nur über Ehrlich kennen gelernt.) Lanier schludert und vereinfacht auch sonst. Hochwissenschaftlich anmutende Diagramme entpuppen sich als simple Handzeichnungen, indem weder Ordinate noch Abszisse genaue Einheiten zugeordnet sind. Wo Lanier seine Utopien entwirft, also als Futurologe tätig wird, fällt er in die alte Falle aller Futurologen: Er vergrössert, was bereits bekannt ist. Er kann sich seitenlang über die Werbung auf Google und Facebook aufhalten, und übersieht dabei, dass die Grossen wie Google oder Apple bereits andere Geschäftsmodelle aufziehen; sie verdienen ihr Geld nicht damit, dass sie unsere Daten verwerten: Sie lassen uns Anwendungen für ihre Masteranwendung (iOS oder Android) schreiben, für die wir die alleinige Verantwortung übernehmen, sie aber einen Teil des Gewinns einstreichen dafür, dass wir unsere ‚App‘ auf ihrer Plattform anbieten dürfen.

‚Terrible simplification‘ ist alles, was Lanier zu bieten hat. So zum Beispiel plädiert er für eine neue Form des Humanismus. Eine, in der der Benutzer nicht mehr Schachfigur auf dem Brett der grossen Internet-Giganten ist, die er Sirenenserver nennt, weil sie die Nutzer anlocken, unter dem Vorwand, ihre Dienste seien gratis, während der Benutzer unterm Strich damit zahlt, dass er seine Daten hinterlässt. Laniers Form des Humanismus besteht darin, dass der Nutzer dafür bezahlt wird, dass er seine Daten hinterlässt. Einmal mehr: Das wirft Fragen auf. Wie zum Beispiel soll diese Bezahlung ganz praktisch statt finden? Lanier bleibt vage. Er will eine Art staatliche Kontrollinstanz, die ganz genau registriert, wann wer welche Daten preis gegeben hat, damit ihm in Form einer Nano-Zahlung dieser Preis rückerstattet wird.

Und hier haben bei mir sämtliche Alarmglocken geläutet. Was Lanier will, ist nicht eine neue Form von Humanismus, so schön es klingen mag, das wir dafür bezahlt werden sollen, dass wir bei den Sirenenservern unsere Daten hinterlassen. Es ist eine gesteigerte Form des gläsernen Konsumenten, des komplett durchsichtigen Internet-Benutzers. Was Lanier vorschlägt, ist kein Humanismus, es ist die totale Überwachung!

Dass diese Idee den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat, ist im Grunde genommen zum Fürchten.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! – Oder doch?

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3 Kommentare zu Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?

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