Peter Gross: Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?

Peter Gross hat Jahrgang 1941 und lehrte Soziologie, u.a. an der Hochschule St. Gallen. Beides prädestiniert ihn dazu, über das Thema ‘Alter’ zu schreiben. Gross fährt dabei zweigleisig: Alter als individuelle Erfahrung und Alter als soziologisch-politisches Phänomen. Der Text ist bei Herder erschienen, aber weder katholisch noch überhaupt religiös ausgerichtet; und er richtet sich an ein allgemeines Publikum.

Im individuellen Bereich hält Gross fest, dass das hohe Alter, das die Menschen in vielen Zivilisationen mittlerweile erreichen, eine Abrundung des Lebens darstellt. Endlich, so sein Argument, wird dem Menschen Zeit gegeben, auf sein Leben zurück zu blicken, vielleicht sogar noch gewisse Korrekturen anzubringen in seinem Verhältnis zu seinen Nächsten (Partner, Kinder, Freunde, Bekannte). Eine Zeit der Versöhnung und des Friedens könnte das Alter sein. Früher, so hält Gross fest, wurde der Mensch mit 40, spätestens mit 60, aus dem vollen Leben gerissen. Heute werden die meisten alt genug, um vieles von ihrer Erfahrung weitergeben zu können. Natürlich ist das Alter auch eine Zeit der zunehmenden und gleichzeitig auftretenden Krankheiten, natürlich stehen die Schreckgespenster Demenz und Alzheimer vor der Tür. Aber diese Schreckgespenster verbergen auch, dass die meisten hierzulande in einer guten oder wenigstens durchaus akzeptablen Gesundheit 80 Jahre und mehr erreichen. Und wenn’s am Morgen nicht mehr so schnell geht mit Aufstehen, soll man sich doch auch daran freuen, dass man sich ja gar nicht mehr beeilen muss, dass man länger liegen bleiben kann und sich gemächlich an sein Tagwerk machen. Sicher, die heutigen Kinder haben kaum mehr Geschwister, und das bedeutet wirklich eine Einbusse an Lebensqualität. Andererseits haben die meisten Kinder aber nicht nur Grosseltern, sondern auch noch Urgrosseltern; vielleicht leben sogar noch Ururgrosseltern. Was die Lebensqualität an horizontaler Qualität einbüsst, gewinnt sie an vertikaler. Erfahrungen können über weit mehr Generationen weiter gegeben werden. Auch das kann schön sein, so Gross.

Das Alter ist auch eine Zeit des Friedens – und hier schwenkt Gross ins Gesellschaftlich-Politische hinüber. Der alte Mensch, der schon physiologisch nicht mehr in der Lage ist, im Krakeel einem 30- oder 40-Jährigen die Stange zu halten, wird zurückhaltender, friedlicher. Er wird konservativer; er schätzt den Erhalt gewisser Werte und mag Errungenes nicht mehr so einfach aufs Spiel setzen. Dies kombiniert sich in einer Gesellschaft mit einem hohen Anteil alter Menschen, und macht diese Gesellschaft als ganzes ebenfalls friedfertiger. Ich hatte die Gelegenheit, Gross in einem Vortrag zu hören, und er will heute nicht nur die Tatsache, dass in Mitteleuropa schon so lange Frieden herrscht, wie noch nie in der Geschichte dieses Erdteils, auf das zunehmend höhere Durchschnittsalter seiner Bewohner zurückführen: Er führt auch die grosse Aktivität und Aggressivität gewisser Staaten und Kulturen auf deren völlig andere Altersstruktur zurück. Zu viele junge Menschen, die im Grunde genommen in ihrer Gesellschaft gar keinen Platz haben, und die deshalb in Aktivitäten drängen, die sie ansonsten wohl verachten würden. Gross glaubt auch, dass bis etwa 2050 alle Gesellschaften auf der Erde ‘Altersgesellschaften’ sein werden. Er wendet sich vehement dagegen, dass gewisse Soziologen und andere Wissenschafter (und in ihrem Schlepptau Journalisten und Politiker) immer wieder, was den Altersaufbau ihrer Gesellschaft betrifft, die gute, alte Pyramide zurückwünschen. Das würde nicht nur erneut hohe Säuglichkeitssterblichkeit implizieren, sondern eben auch, dass die meisten Menschen weit vor Erreichen des 60. Lebensjahrs sterben müssten. Wir brauchen nicht mehr Kinder, ist seine These, wir brauchen eine andere, positivere Einstellung gegenüber dem Alter – eine positivere Einstellung, die nicht  kontrafaktisch sein soll, sondern endlich die Fakten akzeptieren, die tatsächlich sind. Die These, dass zunehmend weniger Junge für zunehmend mehr Alte zu zahlen hätten, stimmt Gross’ Meinung nach zum Beispiel nicht: Es sind die Steuerzahler, die für die Nicht-Steuerzahlenden aufkommen. Und das ist keine Altersfrage, und wenn, dann stimmt das Gegenteil der allgemein kolportierten Behauptung: Auch der alte Rentenempfänger zahlt durchaus noch Steuern (und oft nicht wenig!), während die meisten Jungen nichts oder wenig zahlen, weil sie noch Kinder, Schüler oder Studenten sind.

Gross’ Text mündet in einer Utopie.

Die Frage nach dem Sinn dieses langen und immer länger und schwächer werdenden Lebens.

hat zur Antwort:

Die Hoffnung auf eine von den europäischen Ländern ausgehende und früher oder später global sich verbreitende Beruhigung und Befriedung einer unduldsamen und sich selbst andauernd überfordernden und letztlich sich selbst verzehrenden Gesellschaft.

Die Geschichte Mitteleuropas zeigt, dass das nicht unmöglich sein könnte.

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