Barthold Heinrich Brockes: Irdisches Vergnügen in Gott. Dritter und vierter Teil. (= Werke, Band 3)

Als mir im Oktober letzten Jahres an der Frankfurter Buchmesse von jener freundlichen Dame des Wallstein-Verlags versichert wurde, ‘meine’ Werkausgaben würden weitergeführt, allerdings erst im Herbst 2015, war sie offenbar der Meinung, ich hätte Band 3 der Brockes-Werkausgabe bereits in Händen. Das war nicht der Fall. (Zur Erklärung: Ich habe diese Werkausgabe über meine Buchhandlung abonniert. Da vergesse ich sie zwar nicht; ich werde aber offenbar auch nicht gerade sofort beliefert. Nun, kein Problem: Es war eine schöne Überraschung, als im Dezember noch Band 3 ins Haus flatterte.)

Während, aufgrund der Menge an Text, Band 2 in zwei Teilbände aufgeteilt werden musste (hier und hier), haben wir jetzt umgekehrt zwei Bände der Original-Ausgabe in einem zusammengefasst. Einmal mehr betätigt sich Brockes im dritten Teil als Übersetzer. Diesmal ist es der Abbé Genest, den er übersetzt, Charles Claude Genest (1639-1719), ein Pariser Geistlicher und Hofmann. 1747, also nach Genests Tod, waren dessen Principes de Philosophie erschienen, ein Werk, in denen Genest Auszüge aus Descartes’ Meditationes de prima philosophia versifizierte und ins Französische übersetzte. Diese französischen Verse übertrug nun Brockes seinerseits ins Deutsche.

Wie auch der Herausgeber Rathje festhält: Mit diesem dritten Teil seines Irdischen Vergnügens in Gott reiht sich Brockes definitiv in die Reihe der Aufklärer. Seine auch hier stark zu Tage tretende Physikotheologie soll dieses Bild nicht beeinträchtigen: Die Aufklärung fand im deutschen Sprachraum bedeutend gemässigter statt, was die Religion betrifft, als z.B. im französischen. Die wenigsten deutschen Aufklärer des 18. Jahrhunderts waren erklärte Atheisten. Wenn es einer gewesen sein mag, so hielt er vorsichtig mit seiner Meinung zurück, wie wohl Immanuel Kant. Die meisten aber waren wie Brockes ehrlich davon überzeugt, dass Verstand und Vernunft den Menschen nur noch weiter auf die Spur GOttes bringen würden:

Uns leitet die Vernunfft, sie reizt durch ihre Krafft
Zur Ewigen Vernunfft uns zu verfügen.

Genest-Brockes folgen im Übrigen Descartes so ziemlich in seinen Ausführungen und Argumentationen. Nachdem sie sich rasch, rascher noch als Descartes, darüber beruhigt haben, dass der Mensch zumindest nicht daran zweifeln könne, dass er denke, gehen sie in den naturwissenschaftlichen Bereich von Descartes’ Werk über. Dessen Atom-Theorie, wo die Atome verschiedenste Formen und Grössen haben können, wird übernommen, ebenfalls dessen Theorie, dass das All sich aus Wirbeln zusammensetzt. (Die müssen, so genau werden Genest-Brockes aber nicht, wohl schon immer bestanden haben: Da gemäss Descartes-Genest-Brockes der Raum zwischen den Atomen – Brockes spricht übrigens von Sonnenstäubchen – immer gefüllt ist mit weiteren Atomen [es im Grunde genommen also keinen ‘Raum dazwischen’ gibt], der horror vacui der Natur regiert, muss die Bewegung der Wirbel schon immer bestanden haben, denn jeder Anfang einer Bewegung würde ja einen leeren Raum voraussetzen, in den hinein sich ein Atom hätte stürzen können.)

Es ist faszinierend, Descartes versifiziert zu hören, aber im Grossen und Ganzen gefallen mir Brockes’ eigene Gedichte, mit denen er Teil 3 seines Irdischen Vergnügens in Gott auffüllt, besser.

Teil 4 enthält dann ‘nur’ noch eigene Gedichte Brockes’, geordnet nach den vier Jahreszeiten Winter, Frühling, Sommer und Herbst. Nicht alle Gedichte haben einen direkten Bezug zur Natur der jeweiligen Jahreszeit: Brockes erlaubt sich auch die eine oder andere Anspielung auf Ereignisse ausserhalb der Natur, das eine oder andere Lobgedicht auf Mäzene oder Dichterkollegen. Meiner Meinung nach (er mag den Winter noch so loben, loben müssen, weil er ja auch im unerforschlichen, aber vernünftigen Ratschluss GOttes beschlossen und eingeführt worden ist) steht als Brockes Liebling, als die Jahreszeit, die er am besten und schönsten besingt, eindeutig der Frühling fest.

Nähere Betrachtung der Kirschblüte

Wie wunderbar ist doch der Bau
So wol von Zärtlichkeit, als Farben und Figur,
Den ich von Fingern der Natur
In einer Kirschen-Blüht, die sich erst öffnet, schau!
Erst seh’ ich Blätter-Knospen-Spitzen
Umringt von Trage-Knospen, sitzen.
Die letztern, welche rund, sind erstlich glatt und grün.
Die braune Haut, die, um sie vor Gefahr
Zu schützen, fest und holtzig war,
Eröffnet sich, und zeigt zwey auch noch harte Blätter,
Die rund und hohl, und gantz voll zarter Spitzen,
Und rauher Zäser sind;
Um ihr so zartes Kind,
Als wie mit einem Peltz , zu schützen. […]

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