Lucile Dreidemy: Der Dollfuß-Mythos

Österreich hat sich mit seiner Geschichte vor und im Dritten Reich kaum auseinandergesetzt – und sich immer als das erste Opfer von Hitlers Aggressionspolitik betrachtet. Dieser Opferstatus wurde von allen politischen Lagern gehegt und gepflegt: Hat man sich dadurch doch Reparationszahlungen erspart wie auch die unangenehme Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. Erst in den späten 80iger Jahren (im Anschluss an die „Waldheim-Affäre“) begann sich ein differenzierteres Geschichtsbild – langsam – durchzusetzen, wobei aber die Zeit des Austrofaschismus von 1933 – 1938 nach wie vor fast völlig ausgespart wurde.

Und diese Dollfuß-Schuschnigg-Ära lieferte einen wichtigen Baustein zur Opfer-These durch den Tod des Diktators Dollfuß, der von österreichischen Nationalsozialisten im Jahr 1934 ermordet wurde. Danach war immer wieder vom „ersten nationalsozialistischen Opfer“ die Rede, vom Blutzoll, den Österreich schon sehr früh für seine Unabhängigkeit entrichten musste, ohne aber die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass Dollfuß (im übrigen ein guter Freund Mussolinis) selbst ein Diktator war, der das Parlament ausgeschaltet hatte, der im österreichischen Bürgerkrieg mit Kanonen auf Gemeindebauten schießen ließ und für unzählige, standrechtlich erschossene Widerstandskämpfer die Verantwortung trug. Nicht nur das: Trotz seiner Ablehnung des Nationalsozialismus trat er mit diesen in Verhandlungen oder verbündete sich mit dem weit rechts stehenden Heimatblock (der dezidiert antidemokratisch war). Im Anschluss an die Ausschaltung des Parlaments und einer Regierung mittels Notverordnungen wurden fast alle führenden Sozialdemokraten (so man ihrer habhaft werden konnte) verhaftet und zumeist in das Anhaltelager Wöllersdorf gebracht. Dass also 1938 eine (die klerikal-austrofaschistische) Diktatur von einer anderen (der nationalsozialistischen) abgelöst wurde, ist im Nachkriegsösterreich weitgehend verdrängt worden – und der ermordete Kanzler Dollfuß wurde (schon zuvor) als Märtyrer im Widerstand gegen das NS-Regime gefeiert.

Der Terminus Märtyrer in diesem Zusammenhang ist keinesfalls eine Übertreibung: Schon bald nach dem Tode wurde die Kanonisierung des Ermordeten betrieben, die Gläubigen Österreichs gebeten, Gebetserhörungen zu melden, um diesen Prozess fortsetzen zu können. Während der 30iger Jahre wurden unzählige Denkmäler errichtet, Kapellen dem Verstorbenen geweiht, Straßen und Plätze nach ihm benannt, um so eine nationale Identitätsfigur zu schaffen. Nach Hitlers Einmarsch wurde dieser Gedenkkult weitgehend aus dem öffentliche Raum verbannt, feierte aber nach dem Zweiten Weltkrieg eine Wiederbelebung, die angesichts der Tatsache, dass es sich bei Dollfuß um einen Diktator handelte, der auch vor Blutvergießen nicht zurückschreckte und als Totengräber der Demokratie gilt, umso überraschender kommt. Vor allem die christlich-konservative ÖVP, deren führende Funktionäre sich großteils aus dem christlich-sozialen Lager Dollfuß‘ rekrutierten, hat sich immer wieder um eine Rehabilitierung des Diktators bemüht.

Diese ganze ungustiöse Angelegenheit hat bis heute noch kein Ende gefunden: So hängt immer noch ein Bildnis Dollfuß‘ im Parlamentsklub der ÖVP, die sich durch eigenartige Sophismen ihren Säulenheiligen nicht nehmen lassen wollen: So spricht man davon, dass durch das Abhängen des Bildes die Vergangenheit nicht geändert würde oder dass dieses Bild auch als stete Mahnung für die Erhaltung der Demokratie dienen könne. Eine seltsame Argumentation: Man stelle sich nur vor, dass durch ähnliche Begründungen das Vorhandensein von Hitlers Konterfei in irgendwelchen parlamentarischen Räumlichkeiten begründet würde. Und bis 2011 wurde im Parlament jährlich eine Messe für den verstorbenen Diktator gelesen; erst in diesem Jahr wurde sie dann auf öffentlich Druck abgesagt (und bisher auch nicht wiederaufgenommen – was sich bei einer rechten Regierung höchstwahrscheinlich wieder ändern würde).

Das Buch von Dreidemy ist die erste wissenschaftliche und objektive Aufarbeitung dieses Themas. Bislang wurden fast ausschließlich hagiographische Darstellungen veröffentlicht, die durchaus nicht nur aus den 30iger Jahren stammten, sondern bis vor kurzem den Hauptteil der Publikationen bildeten. Die Autorin erwähnt etwa die Bücher von Kindermann und Walterskirchen, außerdem gibt es zahlreiche Machwerke, die aus rechts-religiösen Kreisen stammen (vor allem aus dem Bereich der Pius-Brüderschaft). Nur ansatzweise wurde im akademischen Bereich eine differenziertere Darstellung versucht, das großkaolitionäre Klima als auch die Angst vor der eigenen, totalitären Vergangenheit haben öffentlichkeitswirksame Aufklärungsarbeit verhindert. Im Gegenteil: So wurde im Jahr 1998 im Geburtshaus von Dollfuß ein Museum (u. a. mit den Mitteln des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst) eingerichtet, das offenbar eine bloße Huldigungs- und Wallfahrtsstätte für die Anhänger des Diktators ist und kaum kritische Stimmen zu Worte kommen lässt. Umso wichtiger ein solches Werk wie das vorliegende, das die Mythologiesierung eines bekennenden Antidemokraten minutiös rekonstruiert und vor allem auch die noch immer rezente Verehrung dieses Mannes offenlegt. So gibt es an diesem Buch eigentlich nichts zu kritisieren: Einzig die Interpretation von Bildern oder Plakaten, die nur beschreibt, was ohnehin für jedermann erkennbar ist, wirkt ein wenig betulich. Aber in jedem Fall ist es ein Meilenstein der kritischen Geschichtsschreibung die Person Engelbert Dollfuß‘ betreffend, bedeutend – auch und vor allem dadurch – weil es selbst 80 Jahre nach seinem Tod noch unzählige Verehrer dieses Diktators gibt.

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Ein Kommentar zu Lucile Dreidemy: Der Dollfuß-Mythos

  1. P.H. sagt:

    Dass die Österreicher sich als Opfer und nicht als Täter fühlten, habe ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert festgestellt, als ich mich längere Zeit in Wien und Graz aufhielt. Dass man den Austrofaschismus oder Dollfußismus verharmloste, ebenfalls. Die Tendenz, die Schattenseiten seiner Vergangenheit zu ignorieren, gibt es auch hierzulande. Allerdings ist die Logik hier eine andere: Da die Schweizer nie Opfer waren, konnten sie auch nie Täter sein.

    Die Geschichte lehrt uns eines: ‚Das Volk‘ lernt nichts aus der Geschichte…

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