Mark Twain: Ich bin der eselhafteste Mensch, den ich je gekannt habe. Neue Geheimnisse meiner Autobiografie [Autobiography of Mark Twain. The Complete and Authoritative Edition, Volume 2]

Also Band 2 der Geheimen Autobiografie, deren ersten Band ich vor ziemlich genau 2 Jahren hier vorgestellt habe. Der Aufbau-Verlag, der schon den ersten Band veröffentlicht hat, scheint wenig Wert darauf zu legen, dass die Fortsetzung bekannt wird; ich bin rein zufällig darüber gestolpert.

Das liegt vielleicht daran, dass viele Leser, nicht nur ich, vom ersten Band doch einigermassen enttäuscht waren. Es war nicht einzusehen, warum dessen Texte so lange zurück gehalten worden waren, nichts Brisantes zu finden darin, nur ein recht aufgeblasener und selbstgerechter Samuel Langhorne Clemens, der bei jedem Scheitern die Schuld prinzipiell bei andern suchte.

Unterdessen ist es so, dass Clemens die ihm gemässe Form autobiografischen Schreibens gefunden hat. Er diktiert jeden Morgen einer speziell dazu angestellten Sekretärin in die Maschine. Er zwingt sich nicht mehr, chronologisch vorzugehen, sondern erzählt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Wenn er gestern von einem Ereignis oder einer Person berichtet hat und heute fortfahren will, aber merkt, dass er nicht vorwärts kommt, keine Lust hat, dann diktiert er über etwas anderes und fährt morgen mit dem alten Thema fort. Das führt allerdings auch schon mal dazu, dass er mit einem Thema gar nicht mehr fortfährt. Wenn ein Tagesereignis in Form einer Zeitungsmeldung Clemens von seinem Thema wegführt, lässt er sich wegführen. So finden wir viele Zeitungssausschnitte in die Memoiren integriert. Auch die autobiografischen Notizen seiner 1896 verstorbenen Tochter Susy werden extrahiert und kommentiert. Im Grunde genommen haben wir eine Art erweitertes Tagebuch der Zeit von April 1906 bis Februar 1907 vor uns. Ein bisschen wirkt das auf mich, also wären wir täglich bei Clemens zu Besuch und hörten ihn am Kaminfeuer plaudern. Konsequenz und Kohärenz sucht der Leser vergeblich, aber wer würde so etwas von einem Kaminfeuer-Geplauder erwarten?

Twain erzählt von vielem. Kindheitserlebnisse sind dabei, aus seiner Zeit als Lotse auf dem Mississippi wird erzählt, von seiner ersten Liebe, von Clemens’ Goldgräberzeit und seiner Zeit als Assistent seines Bruders Orion (der eine Zeitlang Sekretär des Territoriums Nevada war), vom Aufbau und Scheitern seines Verlags (der als einzigen Bestseller Ulysses S. Grants Autobiografie vorweisen konnte; im Übrigen gibt Clemens noch immer seinem Neffen die Schuld am Scheitern des Verlags und behauptet, von ihm übers Ohr gehauen worden zu sein, aber diesmal ist Clemens’ Schilderung mit Humor unterfüttert), der Tod seiner Frau und seiner Kinder wird ebenfalls gestreift. An heute noch bekannten Persönlichkeiten tritt v.a. der schon genannte Grant auf, wobei Twain einmal mehr die Geschichte erzählt, wie er den ehemaligen und mittlerweile auf den Tod erkrankten Präsidenten dazu überredete, seine Memoiren in seinem (Twains) Verlag auf Subskription zu veröffentlichen, was Grants Erben eine hübsche Summe Geld eingebracht haben soll.

An heute noch bekannten Autoren-Kollegen nennt er Bret Harte (den er komplett verteufelt, obwohl die beiden sogar an einem Theaterstück zusammen gearbeitet hatten) und Ambrose Biere. Den erwähnt er allerdings nur einmal, als einen der vielen Kollegen, die er in seiner Zeit als Journalist in San Francisco kennengelernt hatte: Ambrose Bierce, der auch heute noch ganz passabel für Zeitschriften schreibt, war damals bei einer Zeitung in San Francisco beschäftigt (Eintrag vom 13. Juni 1906). Mehr erfahren wir nicht – es war Clemens nicht gegeben, die Qualität anderer Schriftsteller korrekt einzuschätzen. Andererseits setzte sich Clemens sehr für die Änderung des US-amerikanischen Urheberrechts ein. Bis anhin waren den Autoren die Einkünfte für maximal 42 Jahre seit dem ersten Erscheinen eine Buchs garantiert. Clemens argumentierte für eine Fristenänderung unter anderm damit, dass davon sowieso nur vielleicht zwei Dutzend Autoren profitieren würden, die übrigen Bücher schon lange vor den 42 Jahren vergessen wären; dieser Handvoll Autoren aber wäre sehr gedient damit, wenn sie im Alter (und wenn ihre Nachkommen) von der Arbeit ihrer Jugend leben könnten. Erst die Enkel will Clemens nicht mehr berücksichtigt wissen – und so kann er der heute geltenden Regelung zustimmen, die die Frist unabhängig vom Erscheinungsdatum des Buchs festlegt und einen Schutz noch 50 Jahre über den Tod des Autors hinaus gewährt.

Die Enkel sind Mark Twain übrigens noch in einem andern Zusammenhang egal. Twain spricht mehrere Male davon, dass er in seiner Autobiografie ungehindert sprechen kann, weil er ja als Toter spricht. (Er wünschte bekanntlich eine 100-jährige Sperrfrist, bis der Text veröffentlicht werden dürfte – was auch eingehalten wurde.) Vor seinen Beleidigungen geschützt werden, sollen nur die direkt Betroffenen und deren Kinder. Die Kindeskinder sollen es aushalten können, findet er. Dabei ist der Schutz, den Clemens sucht, wohl vor allem ein Schutz für sich selber und für seine eigene Familie. Clemens macht es nämlich sehr klar, dass er an keinerlei Weiterexistenz nach dem Tod glaubt. Sein Atheismus hätte ihm und seiner Familie damals wie heute unter Garantie Probleme eingebracht. So kann er damit prahlen, dass er – im Gegensatz zu den vielen, die nach dem Tod wieder auf ihre Geliebten und Gehassten zu treffen glauben – wirklich unbesorgt drauf los diktieren kann.

Aber nicht nur mehr oder weniger Tiefschürfendes findet der Leser. Es gibt auch winzige, aber witzige Details, bei denen sich Twain aufhält. So lobt er den Sommer, weil er da weit geschnittene, weisse Kleidung tragen kann (Fotografien von Twain in dieser Sommerkleidung sind der Autobiografie beigefügt); während die Mode ihn zwingt, im Winter, wenn er sich in der Stadt aufhalten muss, nicht in seinem Landhaus leben darf, dunkle und eng geschnittene Anzüge zu tragen.

Alles in allem ist der zweite Teil der Geheimen Autobiografie bedeutend besser gelungen als der erste und hat mich mit diesem ein wenig versöhnt. Grosse Literatur ist es nicht, nicht einmal grosse autobiografische Literatur. Aber man folgt Clemens-Twain im zweiten Band bedeutend lieber auf seinen mäandrischen Wanderungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

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