Die Horen. Jahrgang 1797. Erstes Stück

Drüben, in unserem Forum, in der Leserunde zu den Horen, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben:

Und was mache ich aus der ersten Nummer des letzten Jahrgangs?

Karl Wilhelm Ferdinand von Funcks Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien ist brav und bieder. Als einmaliges Zwischenspiel: Meinethalben. Immerhin ist er stilistisch lesbarer als Goethe, weil unkompliziert. Leider droht man uns mit einer Fortsetzung.

Fortgesetzt wird zu meinem Leidwesen auch der Benvenuto Cellini. Cellini ist immer noch der alte rechthaberische Aufschneider, dem von allen, vor allem von den Königen dieser Welt, natürlich Unrecht getan wird.

Der Gefangene von Pfeffel. Gem. Wikipedia hat Pfeffel sein gesamtes Vermögen in der Französischen Revolution verloren. Insofern will ich ihm seine merkwürdige, gegen die Aufklärung gerichtete Metapher in diesem Gedicht nachsehen. Allerdings bin ich sehr enttäuscht von Schiller, dass er einen derartigen (inhaltlichen wie sprachlichen) Quark in seine Zeitschrift aufnimmt.

Die Freundschaft, offenbar von Herder (übersetzt?), ist eine nette, pädagogisch-volksbildnerisch gedachte Nullität.

Fazit: Man könnte sich diese Nummer wohl auch sparen. Oder?

Viel mehr habe ich dem immer noch nicht hinzuzufügen. Dass Pfeffel (und mit ihm der Horen-Herausgeber Schiller) offenbar Aufklärung und Französische Revolution in einen Topf werfen, sei ihnen verziehen – 1797 waren die puritanischen Tendenzen der Revolution noch nicht im vollen Umfang erkennbar.

Im Forum wurde folgende Punkte aufgeworfen, die doch für eine Lektüre des Cellini sprächen:

1. ganz allgemein die Frage, was Goethe an Cellini interessiert und speziell warum er sich mit einem Manieristen beschäftigt, wo  er doch in der Italienischen Reise den Manierismus noch vehement ablehnt.

2. die abenteuerliche exzentrische Figur des „Renaissancemenschen“ Cellini , dessen Durchsetzungs- und Behauptungswillen bis an die Grenzen des Kriminellen und darüber hinaus gehen., eines „Künstler-Verbrechers“ ähnlich wie Caravaggio.

3. Cellinis Homo- oder Bisexualität und  Goethes Haltung dazu vor dem Hintergrund eigener souveräner Darstellungen gleichgeschlechtlicher Liebe in seinem Werk und der toleranten solidarischen Haltung, die er im Falle Winckelmanns einnimmt und die er und Schiller ganz im Gegensatz zu den (hämischen) Romantikerkollegen in der Hartenberg-Affäre Johannes von Müller gegenüber an den Tag legen.

4.Cellinis Perseus…

Die Autobiographie liest sich wie ein Schelmenroman: Händel um Nichtigkeiten, Konkurrenzkämpfe, Tricksereien, viel Technik und Handwerkliches,  schlau-dreister Umgang mit den Herrschenden (Papst, Könige, Fürsten) Das ganze in einem ziemlich kruden Stil. Die Horen- Leser waren z.T. empört . Dabei soll vieles abgeschwächt und „Schlimmstes“ ausgelassen  worden sein …

Ich glaube , es entsteht ein schiefes Bild wenn man den Cellini außen vor lässt. Wie oft fanden wir den Inhalt einzelner Folgen brav, bieder, moralinsauer, ja spießig. Da schafft doch ein Renaissance-Tausendsassa wie Cellini ein willkommenes Gegengewicht …

Auch Kollege Köllerer (Entschuldigung, ich mag diese Alliteration), in einer Facebook-Status-Meldung, findet

[Goethes Cellini] kulturgeschichtlich durchaus interessant und auch unterhaltsam.

Die Frage nach Goethes Interesse ausgerechnet an Cellini ist tatsächlich interessant. Ich weiss die Antwort nicht, weiss aber, dass ich dafür den Cellini nicht zu lesen brauche. Denn unterhaltsam ist Goethes Stil keineswegs. Und Cellini selber ist ungeheuer selbstgerecht und selbstgefällig – etwas, das jede Autobiografie m.M.n. unbedingt zu vermeiden hat; etwas, das mir schon den ersten Band von Mark Twains sog. Geheimer Autobiografie so ziemlich verleidet hat. (Zum Glück hat sich Mark Twain im zweiten Band dann auf seine Autoren-Tugenden zurück besonnen, und mit viel mehr Ironie auch über sich selber berichtet.)

Dass Goethes Cellini das Bild des Renaissance-Menschen für den deutschen Sprachraum entscheidend mitgeprägt hat, will ich ebenfalls nicht bestreiten. Zusammen mit Heinses Ardinghello (der allerdings ein fiktives Beispiel bringt) war er wohl der Ausgangspunkt der hiesigen Überlegungen zu einer Epoche, die noch zur Goethe-Zeit gar keinen eigenen Namen hatte, also gar nicht existierte. Aber, um all dies zu wissen, brauche ich mich nicht durch ein Aber-Dutzend Seiten schlechtesten Goethe’schen Kurialstils zu quälen. Eine oder zwei Seiten pro Horen-Nummer genügen da völlig.

Nun, auch beim Cellini droht man dem Leser mit Fortsetzung…

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