Lutz Seiler: Kruso

Lutz Seiler ist mit seinem Roman Kruso der Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Nachdem ich bereits einen der Finalteilnehmer (H. Steinfest: Der Allesforscher) mit nur wenig Begeisterung gelesen hatte, war ich auf den Sieger gespannt bzw. darauf, ob dieser des Preises würdiger sei als das vorgenannte Buch Steinfests einer “Finalteilnahme”.

1989. Edgar (Ed), Germanistikstudent befindet sich in eine veritablen Lebenskrise. Der Tod seiner Freundin G. hat ihn endgültig aus der Bahn geworfen, die Fragwürdigkeit seines Lebens offen zutage treten lassen, sodass er sich spontan entschließt, auf die “Insel” (Hiddensee) zu fahren, eine Insel, auf der man sich ein größeres Maß an Freiheit und Unabhängigkeit bewahrt zu haben scheint. Und die sich in Sehweite zu Dänemark befindet, sodass sie auch für potentielle Republikflüchtlinge von Interesse ist.

Ed findet eine Stelle beim “Klausner” als Abwäscher und lernt dort Kruso kennen, den Sohn eines russischen Generals, der nach dem Tod seiner Mutter auf Hiddensee von seinem Onkel erzogen wurde. Kruso ist der informelle Herrscher alles “EsKas”, aller Saisonkräfte – und hat eine System entwickelt, das möglichst vielen Aussteigern das Überleben auf der Insel ermöglichen soll, indem er für deren Verpflegung oder ihre Schlafstellen sorgt. Überhaupt scheint es eine große, verschwiegene Gemeinschaft zu sein, die sich hier zusammengefunden hat, desillusioniert von einem maroden Staat und einem verqueren Begriff von Freiheit, der sich im Falle Krusos über das System bzw. den Widerstand gegen dieses System definiert.

Als im Sommer immer öfter im Radio von Republikflucht gesprochen wird, von besetzten Botschaften in Prag oder der halb offenen, ungarischen Grenze, wird dies von der Belegschaft beim Klausner zuerst kaum zur Kenntnis genommen, man spricht nicht darüber und es ist vor allem Kruso, der weiterhin seine eigene Pläne zu verwirklichen versucht. Am “Tag der Insel”, einem Tag, an dem alle Gaststätten gleichzeitig Ruhetag haben und der ein Feiertag für alle Saisonkräfte ist, kommt es zum Eklat: Ed wird bei der Feier von einem Arbeitskollegen zusammengeschlagen und überlebt nur knapp. Und es ist dieses Ereignis, dieser Tag, der das Ende der Inselgemeinschaft einleitet, immer mehr EsKas verschwinden von einem Tag auf den anderen, versuchen ihr Glück an den durchlässigen Grenzen der Nachbarstaaten, Krusos Organisation beginnt sich zu überleben. Nur Kruso selbst will dies nicht zur Kenntnis nehmen, schwärmt von diffusen Freiheitsgedanken, einer sich erneuernden Gemeinschaft und wird dabei – ohne es zu merken – ebenso ein Relikt seiner selbst wie der Staat. Der Untergang ist nicht mehr aufzuhalten, im Herbst befinden sich nur noch einige wenige Unermüdliche auf der Insel, Kruso erkrankt, wird von Ed gepflegt, dann von seinem Vater, dem General, in die russische Heimat verbracht. Und dann hört Ed, dass die Grenzen schon seit einigen Tagen offen sind.

In einem Epilog wird vom Tod Krusos berichtet und von der Suche Eds nach den gescheiterten Republikflüchtlingen (u. a. Krusos Schwester, die wie ein Schatten das Leben ihres Bruders prägt). Diese Suche endet erst im Jahre 2013, sie ist – die Schwester betreffend – vergeblich, zeigt aber gleichzeitig, dass Ed der erste ist, der sich überhaupt für all diese ertrunkenen Flüchtlinge interessiert, die irgendwo in einem Kühlkeller in Dänemark aufbewahrt werden. Es sind vergessene Tote eines repressiven Regimes, denen weder in ihrem Leben – und noch nicht einmal in ihrem Tod – irgendwelche Aufmerksamkeit zuteil wurde.

Der Roman besticht durch seine genaue Sprache, beeindruckende Schilderungen, gut gezeichnete Charaktere. Und durch die Tragik Krusos, dessen Engagement, dessen ganzes Leben dem Widerstand gegenüber einer ignoranten Staatsmacht gewidmet ist und der durch den Zerfall dieses Staates um seinen Lebensinhalt gebracht wird. Die Atmosphäre der Trostlosigkeit wird spürbar zwischen den Zeilen, die Ignoranz des Machtapparat gegenüber dem Individuum, der Kampf des einzelnen um ein kleines Stückchen Freiheit, das diesen Namen kaum verdient. Ohne die DDR gekannt zu haben vermute ich, dass Seiler die graue Tristesse des Lebens, die zahlreichen, am allmächtigen Staat gescheiterten Existenzen treffend beschreibt. Aber trotz seiner Qualitäten hat man schlussendlich den Eindruck, dass der Autor doch kein Romancier ist, dass ihm das Gen für die rechte epische Breite fehlt. Kein Vergleich allerdings zum oben erwähnten Steinfest: Das ist schon gute Literatur, besitzt Eleganz und Kraft über weite Strecken. Den Epilog hätte Seiler sich im übrigen – vielleicht – ersparen sollen: Diese 40 Seiten lesen sich wie eine nachträgliche Rechtfertigung und Sinngebung des Geschriebenen, etwas, das weder dieser noch sonst irgendein Roman notwendig hat. Alles in allem aber ein durchaus preiswürdiger Roman.

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