Hans Henny Jahnn: Fluß ohne Ufer (Zweiter Teil: Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war)

Überproportional, überraschend  und – unanständig: So würde ich den zweiten Teil von Hans Henny Jahnns Monumentalwerk Fluß ohne Ufer charakterisieren.

Überproportional

Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war nimmt runde 1’450 Seiten der Gesamtzahl von 2’000 Seiten ein. Da bleiben für die beiden Seitenteile des Triptychon nicht mehr viel.

Überraschend

Überraschend ist der zweite Teil, weil ein völliger Stilbruch. Jahnn kehrt sich ab vom Stil eines Gymnasiallehrers aus dem 19. Jahrhundert. Wie schon der Titel des zweiten Teils andeutet, kehrt er sich ebenfalls ab vom auktorialen Erzählstil. Nun berichtet Gustav Horn in der Ich-Form über die Ereignisse. Gustav Anias Horn war der Verlobte jener Ellena, die in Teil I so plötzlich verschwand. Nun erzählt er noch einmal, aus seiner Sicht. Nicht die ganzen Ereignisse, aber Jahnn lässt ihn doch einiges nochmals rekapitulieren.

Sehr bald stellt sich heraus, dass Ellena einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Ihr Mörder ist Alfred Tutein, der als Leichtmatrose auf dem Segelschiff war. Ich habe Jahnns Fluß ohne Ufer auch schon als Kriminalroman bezeichnet gefunden – das ist er nicht. Denn Tutein gesteht sein Verbrechen schon auf den ersten hundert Seiten. Er gesteht es dem ehemaligen Verlobten, Gustav. Der (und hier beginnt eine weitere Überraschung) akzeptiert Tuteins Geständnis (der Leser versteht bis zum Schluss nicht so recht, ob er Tutein auch verzeiht). Die beiden gehen gemeinsam vom Schiff, das die Schiffbrüchigen aufgelesen hatte, und sie bleiben für den Rest ihres Lebens zusammen. Homo- bzw. bisexuelle Motive ziehen sich so durch den Rest von Teil II. (Was, in Anbetracht von Jahnns eigenem Lebensstil, nicht überraschend ist.)

Was nun folgt, ist die epische Erzählung nicht nur ihres weiteren Lebens bis zum Ende, nicht nur (als Erzählung in der Erzählung, die ihrerseits als Rahmen die aktuelle Gegenwart Gustavs hat) die folgende Aufarbeitung der Kindheit der beiden Protagonisten – es folgt ein Epos archaischen Ausmasses. Der Leser hat den Eindruck, die beiden suchten noch irgend etwas – ohne, dass ihm klar würde, was es sein könnte. Denn gefunden wird nichts – nur der Tod. Archaisch also, und nicht umsonst spielt das Gilgamesch-Epos eine tragende Rolle als Motiv. Archaisch ist nicht nur die Überlänge der Erzählung. Archaisch ist auch die Psychologie der Figuren. Ähnlich, wie wir Handlungen der alten Helden und Götter nicht mehr nachvollziehen können, können wir viele Handlungen von Gustav und Alfred nicht nachvollziehen. Ihre Psyche ist von den Erkenntnissen der Psychoanalyse völlig unbeleckt. Nur so kann man sich erklären, dass Gustav sich mit dem Mörder seiner Geliebten zusammen tut; nur so kann man sich erklären, dass Gustav den Leichnam seines Freundes Alfred, nachdem dieser an einer Lungenentzündung gestorben ist, mittels Formaldehyd und anderer Chemikalien, einbalsamiert und in einen Sarg aus Bronce verlötet, den er wiederum in einen Sarg aus Edelholz steckt und dann als eine Art Möbelstück in seiner Wohnung aufstellt. Das Procedere wird in allen Details beschrieben, wie überhaupt Jahnn für damalige Verhältnisse (Teil II erschien 1949/1950) recht explizite Beschreibungen liefert – nicht von sexuellen Handlungen (da ist er sogar für damalige Verhältnisse eher zurückhaltend), aber von Gewalt und Tod.

Gewalt und Tod sind denn auch die dominierenden Themen von Teil II. Überall, im Verhältnis von Mensch gegen Mensch, aber auch von Mensch gegen die Natur, die Tiere, finden wir in Jahnns Universum Gewalt vor. Selbst die Natur ohne Menschen ist von Gewalt nicht frei: starker Regen und Stürme begleiten Gustav und Alfred, wohin auch immer sie sich begeben. Diese Welt ist prä-Freud’sch, sie ist auch prä-klassisch – sowohl vor der deutschen Klassik, die ein Masshalten predigt, wie auch vor der griechischen Klassik, die zwar bedeutend archaischer ist, als die deutsche Klassik wahr haben wollte, aber dennoch bereits Menschen schildert, deren Verhalten wir nachempfinden und nachvollziehn können. Gustav und Alfred sind Findlinge – sowohl in der Welt, in der sie leben (denn sie leben in der Gegenwart Jahnns), wie in der Welt der Literatur. Sie kommen mindestens 5’000 Jahre zu spät.

Beide, Alfred wie Gustav, haben übrigens eine ausgeprägte künstlerische Ader. Alfred ist ein begabter Zeichner und Gustav macht gar Karriere als Komponist. Insofern könnte man – wenn schon – Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war als Künstlerroman bezeichnen. Allerdings ist es nicht der Künstlerroman des zu Jahnn gleichzeitigen Ästheten und post-Freud’schen Thomas Mann. Alfred wie Gustav schöpfen aus ihnen und dem Autor völlig unverständlichen archaischen Tiefen.

Unanständig

Unanständig ist das Ende des Romans. Nicht im Sinne expliziter Schilderung von irgendwelchen obszönen Handlungen. Sondern im Sinne davon, dass er völlig unerwartet und unpassend ist.

Über weite Strecken des Romans hat der Leser die Empfindung, er befinde sich mit einem Floss auf einem weiten Fluss, praktisch ohne Ufer. Es ist kaum eine Strömung festzustellen, die das Floss weitertreibt. Ja, oft hat man den Eindruck, in einem riesigen Wirbel zu stecken, der einen sinnloserweise ganz langsam im Kreis drehen lässt. Gustav erzählt, von seiner Gegenwart ausgehend, seine Vergangenheit, sein Leben mit Tutein. Irgendwann ist seine Erzählung in seiner Gegenwart angekommen. Es ist, wie wenn der riesige Wirbel den Leser loslässt. Und plötzlich nimmt der Fluss, nimmt die Erzählung Fahrt auf. Wie auf einen riesigen Wasserfall steuert das Ganze nun auf die Katastrophe des Schlusses zu. Mit Ajax von Urch erscheint eine neue Person auf dem Schauplatz. Was nun folgt ist eine völlig unpassende, weil literaturgeschichtlich viel zu spät kommende Schilderung, wie da zwei Menschen um eine Beziehung zu einander ringen, um gegenseitige Dominanz ringen. Von Urch wird bei Gustav Horn als Diener angestellt, bietet sich ihm aber auch als Sexualpartner an. Das erinnert sehr an die Schilderungen sexueller Nöte von pubertierenden Jünglingen, wie sie der Expressionismus ein paar Jahre vor Jahnn geliefert hat. Nun stammt der Schriftsteller Jahnn zwar auch aus dem Expressionismus, aber hier haben wir nicht Gymnasiasten vor uns, wie in den entsprechenden Texten von (z.B.) Heinrich Mann (und ich meine, mich auch an Ähnliches von Döblin zu erinnern). Von Urch ist zwar erst etwa 23, aber Horn ist zum Zeitpunkt seiner Niederschrift (und er schreibt zum Schluss praktisch parallel zu seinen Erlebnissen), wie schon der Titel von Teil II sagt, 49 – also eigentlich kein Jüngling mehr.

Es kommt allerdings noch unanständiger, indem von Urch sich mit seinem Patron entzweit, ihn zum Schluss gar (ebenso wie Horns Lieblingspferd) umbringt / umbringen lässt. Das verwirrt, weil es so gar nicht zum Rest passt. Oder höchstens im dem Sinne, dass auch Horns Tod als etwas Archaisch-Gewalttätig-Sinnloses beschrieben ist.

Mir gefiel der langsame Wirbel besser.

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2 Kommentare zu Hans Henny Jahnn: Fluß ohne Ufer (Zweiter Teil: Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war)

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