Hans Henny Jahnn: Fluß ohne Ufer (Dritter Teil: Epilog)

Epilog – der dritte Teil hätte auch “The Next Generation” heissen können. Wir finden uns vorwiegend in der Familie des Pferdehändlers Bohn wieder. Bohn war seinerzeit, als sich Tutein und Horn in Skandinavien niederzulassen begannen, der Knecht des Pferdehändlers Tutein gewesen, hatte dann Gemma geheiratet – Gemma, die ihrerseits, obwohl ein Stück jünger, die Geliebte Horns gewesen und von Horn schwanger geworden war, dann aber Bohn geheiratet hatte. Tutein und Horn sind gleich darauf in eine andere Ecke Skandinaviens gezogen, nicht ohne Bohn noch stattlich als Pferdehändler und Geschäftsnachfolger Tuteins zu installieren. Seit diesen Ereignissen sind ein paar Jahre vergangen; der Epilog setzt ein, als die Familie Bohn von der Ermordung Horns erfährt.

Diese Nachricht bringt die Familie ganz schön durcheinander. Oder vielleicht auch nicht, vielleicht ereignen sich die Dinge auch nur zufällig parallel. Die Trauer um den ehemaligen Freund und Geliebten, die pubertäre Aufsässigkeit des zweitältesten Sohns, der aufdeckt, was bisher ein Geheimnis der Eltern war, nämlich, dass Nikolai, der Älteste, das Kind eines andern war, leiten den Epilog ein.

Soweit macht die Bezeichnung des dritten Teils als Epilog auch noch Sinn. Jahnn hat offenbar selber immer von einem “Epilog” gesprochen. Allerdings gerät ihm Teil 3 für einen Epilog ziemlich aus den Fugen. Über 400 Seiten sind selbst bei einem über 2’000 Seiten umfassenden Gesamtkunstwerk für einen reinen Epilog zu lang. Auch verliert sich der Autor und mit ihm sein Leser einmal mehr in der breiten Strömung seines Erzählflusses: Wir erfahren von den pubertären Nöten und Sehnsüchten nicht nur der drei Söhne Bohn. Wir erfahren auch von den Nöten der alternden Gemma mit ihren drei Söhnen und mit ihrem sich langsam abzeichnenden Greisentum – das ein soeben geborener Nachzügler eher noch akzentuiert als versteckt. Wir sehen, wie der Pferdehändler Bohn dem Ganzen hilf- und sprachlos gegenüber steht. Wir erfahren aber auch, wie der Sohn eines Freundes der Familie als Kapitän eines kleinen Küstenfrachters sein Leben führt.

Diese letztgenannte Verästelung des Erzählflusses hat zwar scheinbar keinen Zusammenhang mit dem Rest, entschädigt aber dafür mit einer dichten Sprache, wie sie uns Jahnn im ersten Teil von Fluß ohne Ufer, dem Holzschiff, vorgeführt hat. Ansonsten gleichen Sprache und Inhalt viel mehr dem zweiten Teil, den Aufzeichnungen des Gustav Anias Horn: Nur die Ich-Form des zweiten Teils ist wieder mit der auktorialen Erzählform des ersten Teils ausgetauscht worden.

Jahnn hat offenbar den grossen Teil des Epilogs kurz nach Erscheinen des zweiten Teils verfasst und über Jahre kaum mehr angerührt, obwohl er dann zu seinen Lebzeiten nicht mehr veröffentlicht wurde, und tatsächlich nicht fertig ist. Einerseits ist es natürlich fasznierend, wie sich der Autor ein weiteres Mal auf den weiten Fluss begibt und sich von der Strömung und den Wirbeln quasi treiben lässt. Andererseits ist die Thematik schlussendlich eingeschränkter als noch im zweiten Teil. Die sexuellen, ihnen selber oft unbewussten Nöte der drei oder vier pubertierenden Jungs stehen allzu sehr im Vordergrund; deren Auflösung in schwül-verklemmt beschriebenen homosexuellen Erfahrungen unter Gleichaltrigen, aber auch mit älteren Herren, beginnt an den Nerven des Lesers zu kratzen. Diese Thematik und diese Sprache waren welche des Expressionismus gewesen – wie ich schon zu Teil 2 gesagt habe: An Heinrich Mann erinnere ich mich, an Döblin und auch an den andern Mann, Thomas. Zugegeben, dass die sexuelle Verklemmtheit der wilhelminischen Ära und die der Adenauer-Zeit nicht sehr verschieden waren. Dennoch stellt sich beim Leser des 21. Jahrhunderts ein Gefühl der Langeweile ein, ein ermüdendes Déjà-Vu macht sich breit.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Hans Henny Jahnns archaisch-mythisches Weltbild in vielen verschiedenen Metaphern ausdrückt. Eine allzu häufige Wiederholung dieser Metaphern entwertet sie aber zu reinen Worthülsen. Mag sein, es lag sogar im Sinne des Autors, dass der Leser diese Worthülsen nun selber mit Sinn und Inhalt fülle. Wer aber dies nicht tun kann oder nicht tun will, wird spätestens vor diesem Epilog stehen wie der Esel am Berge. Jahnns Werk wird dann bestenfalls noch als Meta-Lektüre interessant sein: Mit welchen Mitteln versucht der Autor meine Rezeption zu steuern, mich dahin zu bringen, dass ich leere Worthülsen mit eigenem Sinn fülle? So wird aus diesem wohl am wenigsten intellektuell wirkenden und daher kommenden aller Gross-Romane des 20. Jahrhunderts der vielleicht intellektuellste und abstrakteste.

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