George Herbert Mead: Mind, Self, & Society

Vorweg: Es handelt sich bei diesem Text nicht um ein eigenes Werk Meads. Mead, 1931 verstorben, war Zeit seines Lebens viel zu sehr beschäftigt damit, sein System zu vervollständigen, als dass er es hätte publizieren können. So fügte Charles W. Morris 1934 Vorlesungsnachschriften zusammen zu dem, was heute Meads bekanntestes Werk ist.

Mead gehörte zu jenen Chicagoer Gelehrten, die auf der Brücke (um nicht zu sagen: im Niemandsland) zwischen Philosophie, Psychologie und Biologie forschten. Meads Ausgangspunkt war ein zwiefacher: Einerseits tönt schon der vollständige Titel (Mind, Self, & Society from the Standpoint of a Social Behaviorist) es an, ist da die psychologische Theorie des Behaviorismus, wie sie von John B. Watson gegründet und vertreten wurde1). Im Behaviorismus werden der tierische wie der menschliche Organismus als eine Art Black Box betrachtet, über deren Innenleben wenig gesagt werden kann, bei denen man nur weiss, dass gewisse Reize gewisse Reaktionen hervorrufen – Stimulus und Response. Reaktionen auf primäre Reize kann man auch umtrainieren, so, dass sie auf sekundäre Reize erfolgen. Das berühmte Beispiel ist das der Pawlow’schen Hunde, die das Glockensignal als Zeichen zum Fressen derart verinnerlichen, dass sie auch anfangen zu speicheln, wenn nur das Signal ertönt, und kein Fressen aufgestellt wird.

Es war Mead rasch klar, dass Watsons Theorie zu simpel ist, um menschliches Verhalten erklären zu können. Welchen Reiz, fragt er rhethorisch, können wir der Tatsache zu Grunde legen, dass John B. Watson all die Versuchsreihen durchgeführt, den Behaviorismus entwickelt und in verschiedenen Texten vorgestellt hat? Man kann mit dem Behaviorismus den Pawlow’schen Hund erklären, aber nicht Pawlow. (Mead war allerdings offenbar der Meinung, dass man den Hund komplett so erklären könne, was m.W. heute auch nicht mehr gilt.)

Zwei weitere Theorien fliessen an diesem Punkt in Meads Denken ein: einerseits Wilhelm Wundts Völkerpsychologie (Mead hat kurze Zeit in Leipzig bei Wundt studiert), andererseits Charles Darwins Evolutionstheorie. Bei Darwin stützte sich Mead allerdings weniger auf The Origin of Species. Wichtiger war für ihn The Expression of Emotions. Aus der Art, wie ein Lebewesen seine Emotionen in Mimik und Gestik ausdrückt, zusammen mit Wundts Modell der Geste, die beim Deutschen, unter andern Faktoren, die Bildung von Gemeinschaft und Kultur ermöglichte, bildete Mead ein Modell, die komplexe Form menschlichen Zusammenlebens darzustellen.

Mind (in der deutschen Übersetzung: Geist) entsteht, wenn sich eine Entität in  Auseinandersetzung mit ausser ihr Liegendem ihrer selbst bewusst zu werden beginnt. Doch der Geist interagiert noch nicht. Interaktion findet beim Menschen allerdings früh statt – durch Sprache, Spiel und Wettkampf schon beim Kind. Obwohl Mead m.W. in der dortigen Literatur nicht auftaucht, gehört er also mindestens indirekt in die Ahnenreihe der modernen Spieltheorie. Mead selber legt grosses Gewicht auf die Rollenspiele der Kinder, mittels derer sie sich dem Erwachsensein annähern, spielend die Rolle von Vater und Mutter, Kaminfeger und Kaufmann einnehmend. In diesen Rollenspielen wird die Geste zum (sprachlichen) Symbol. (Umberto Ecos Semiotik übernimmt vieles von Mead, so z.B., wenn bei Eco die Treppe, vor der ich stehe, ein Symbol dafür ist, dass ich hier hinunter oder hinauf gehen kann, je nach meinem physischen Standpunkt.) Im Rollenspiel entwickeln sich I und Me (auf Deutsch fast unübersetzbar; Mead gibt eine entfernte Verwandtschaft zu Freuds Konzept vom Ich und Über-Ich zu); zusammen bilden die beiden das, was Mead Self nennt (in der Übersetzung: Identität). Von Watsons Behaviorismus sind wir hier schon so weit entfernt, dass nicht einmal mehr der Begriff fällt. Die Gesellschaft (Society) bildet sich folgerichtig in der Interaktion der Identitäten. Noch folgerichtiger sieht Mead dann eine Gesellschaft wieder als grundlegende Identität für eine weitere Entwicklung – der von Nationen in ein übernationales Gebilde: Mead setzte grosse Hoffnung in den damaligen Völkerbund. Somit endet Mead sogar in der politischen Philosophie.

Meads Denken wird heute der philosophischen Richtung des Pragmatismus zugeordnet, weil seine Theorie die Bedeutung eines Symbols aus der Konsequenz definiert, die es in der Interaktion annimmt. Im Übrigen hat sich Mead v.a. mit William James aktiv auseinandergesetzt (weniger mit Peirce) und war mit John Dewey befreundet.

Alles in allem: Auch wenn man bei Meads Formulierungen zu primitiven Gesellschaften dem Buch das Alter anmerkt, das es mittlerweile hat, so sind seine theoretischen Überlegungen doch bis heute einer Lektüre und des Nachdenkens wert.


1) Als Skinner in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts den Behaviorismus von Watsons allzu simpler Reiz-Reaktions-Theorie weiterentwickelte, war Mead schon lange tot. Mead konnte sich nur mit Watsons ursprünglicher Theorie auseinander setzen. Meads eigene Weiterentwicklung des Behaviorismus wurde in der klassischen Biologie und in der US-amerikanischen Psychologie nicht zur Kenntnis genommen. Hingegen verdanken Soziologie, Ethnologie, Sprachwissenschaft und Philosophie der Rezeption von Mind, Self, & Society einiges.

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