Leipziger Buchmesse 2015 (3)

Obligatorischer Nachtrag zum Vortag: Ich war nur die letzten 10 Minuten oder so anwesend, weshalb mein Eindruck nicht nur subjektiv ist, sondern sich eigentlich gar nicht rechtfertigen lässt. Er sei hier trotzdem wiedergegeben. Um vorne anzufangen: Es gibt – in verschiedenen Sparten – einen Preis der Leipziger Buchmesse. Dieses Jahr hat die Leitung der Buchmesse – um die Blogger bzw. die Blogs erstmals einzubinden – beschlossen, dass jeder Nominierte einen sog. Blogger-Paten erhält, der (u.a.) dessen Buch in seinem Blog besprechen soll. Gestern dann waren einige der Preisträger und der Nominierten in der sog. Blogger-Lounge und wurden mit ihren Paten und weiteren Bloggern konfrontiert. Ich habe, wie gesagt, nur den Schluss mitbekommen, aber: Ich war konsterniert. Nicht nur, dass die Nominierten, die ich gehört habe, sämtliche sich als Verweigerer des Internet und der darin agierenden Social Media outeten: Sie waren auch noch stolz darauf! “Ja, ich habe eine Hompage, aber meine Agentin betreut sie.”, war noch in etwas das Positivste, das ich gehört habe. Und daran anschliessend die Frage, ob Blogger denn auch untereinander vernetzt seien … na ja. Sicher auch eine Altersfrage, aber ein gewiefter Agent bzw. Verlagsmensch hätte die Nominierten doch ein wenig briefen können. Im Gegensatz zu einem der Paten, 54books, habe ich noch nicht den Eindruck, dass Blogs so ganz und wirklich ernst genommen werden. Jedenfalls nicht von der bis jetzt im Feuilleton betreuten Literatur.

Herr Zille und die Diskussionsleiterin, Vera Lejsek, ebenfalls Bloggerin auf http://www.glasperlenspiel13.com/ (c) litteratur.ch

Herr Zille und die Diskussionsleiterin, Vera Lejsek, ebenfalls Bloggerin auf http://www.glasperlenspiel13.com/
(c) litteratur.ch

Diesen zwiespältigen Eindruck verstärkt hat heute der Besuch des Messedirektors, Oliver Zille, in der Blogger-Lounge. Einerseits wollte er ja seine Wertschätzung der Blogger-Szene mit diesem Besuch ausdrücken, andererseits verbrachte er keine 20 Minuten in diesem Kreis (ich hatte mit einer Stunde gerechnet – im Ernst!), und von diesen 20 Minuten waren deren 10 der Schilderung gewidmet, wie und wo er selber seine Lektüre findet. (Zugegeben: Ausgangspunkt dieser für mich absolut uninteressanten Exkursion war eine entsprechende Frage eines Bloggers gewesen.) Als man dann sich langsam zu sammeln und seine Fragen zusammen zu stellen begann, musste Herr Zille schon weiter. Eine verpasste Chance – für beide Seiten…

Falls wider Erwarten Herr Zille diese meine Zeilen liest: Ja, es ist schön, als Blogger eine eigene Lounge zu haben, wo W-Lan und Kaffee gratis und die Brötchen billig sind. Aber das Konzept wäre durchaus noch ausbaufähig, falls man mich nach meinen Wünschen und Ideen fragt: Noch mehr und intelligenter platzierte Steckdosen wären nicht schlecht. Das W-Lan sollte über das ganze Messegelände tragen, das tut es notorisch nicht, ich war schon vor meiner Ankunft in Leipzig darauf hingewiesen worden. Und noch mehr Steckdosen. Ach ja … und ein paar Steckdosen…

À propos. Die Architektur des Leipziger Messegeländes, und dafür kann Herr Zille nichts, ist eindeutig nicht für den Ansturm einer Publikumsmesse gedacht, jedenfalls nicht für den Ansturm eines Samstags. Die Luftfeuchigkeit ist bei Regenwetter drinnen wohl über 100%; der Lärm unter der Glaskuppel, die die einzelnen Hallen verbindet, derart, dass man das Gefühl hat, unter einem riesigen Wasserfall zu stehen; die Übergänge von einer Halle zur andern sind schmale Tunnels, die an entsprechende Gebilde in der alten TV-Serie Raumpatrouille erinnern, nur, dass die dort für eine Crew von maximal 7 oder 8 Mann gedacht waren, hier sah sich die Security gezwungen, gewisse Tunnels nur in einer Richtung begehbar zu machen; last but not least: wenn sogar vor den Herrentoiletten sich Schlangen bilden, weiss man, dass in der Planung definitiv etwas schief gelaufen ist.

Und nochmals à propos – à propos CosPlayer nämlich. Die waren heute im Schnitt nochmals etwas dünner und nochmals etwas jünger, allerdings war die Spannweite an Alter bedeutend grösser, alldieweil ich mindestens zwei oder drei CosPlayer gesehen habe, wo in den Kostümen Damen von ungefähr 50 oder 60 Jahren steckten. Es gab noch ein paar gewagtere Kostüme mehr. Jedenfalls die Fotografen hatten alle Linsen voll zu tun.

Zum Schluss die Enttäuschung des Tages. Ich wollte eigentlich noch Lukas Bärfuss auf dem Blauen Sofa des ZDF verfolgen. Sein Auftritt wurde aber ohne Kommentar weggelassen, an seiner Stelle zwei Frauen, deren Namen ich schon gar nicht verstanden habe. So war der interessanteste Eindruck der Ungare Péter Esterházy, der über sein neuestes Buch Die Mantel-und-Degen-Version: Einfache Geschichte Komma hundert Seiten sprach. Es scheint sich bei Esterházy um einen grossen Digressionisten vor dem Herrn zu handeln, und in diesem Werk zumindest entpuppt er sich als eine Art Fussnoten-Fetischist.

Man munkelt, die Messe hätte bereits gestern den bisherigen Besucherrekord gebrochen. Wusst’ ich’s doch: Man muss nur mich berichten lassen…

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3 Kommentare zu Leipziger Buchmesse 2015 (3)

  1. Pingback: Péter Esterházy: Die Mantel-und-Degenversion. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten | litteratur.ch

  2. Dani sagt:

    Schöner Bericht. Klingt recht unbefriedigend, die ganze Bloggeraktion.

    Aber Klos gabs reichlich – hat dir niemand den Tipp mit den WC-Wagen im Außenbereich zwischen den Hallen gegeben? Selbst als Frau habe ich max. 2min Wartezeit gehabt und erstaunlich sauber war das alles auch noch.
    Da hab ich auf Großveranstaltungen wirklich schon Schlimmeres gesehen.

    • P.H. sagt:

      Ich habe dann schon einen Trick gefunden – den ich aber hier niemandem verrate 😉 – eventuell will ich ja 2016 wieder an der BML pinkeln gehen. Das mit dem Aussenbereich wusste ich schon – aber, wenn ich mir auf dem Weg dahin die entsprechenden Utensilien abfriere, nutzt mir der auch nichts mehr. Frauen haben es da besser, die sind unter Putz verlegt.

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