philosophie MAGAZIN (Nr. 03/2015; April / Mai) – Der Andere

Dieses Magazin war eine meiner Entdeckungen an der diesjährigen Buchmesse in Leipzig. Ein Hochglanzmagazin, Format (wenn auch nicht Umfang) ungefähr des SPIEGEL. Schon dies deutet darauf hin, dass wir hier keine Fachzeitschrift vor uns haben, sondern eine, die sich an das grössere Publikum wendet. Dafür ist das Heft dann doch recht tiefgründig geraten.

Generell scheint sich die Herausgeberschaft dem Flügel der linken Theorie zuzuordnen, dem Ort, wo wir Habermas und seine Kinder und Enkel finden: bei der kommunikativen Rationalität. (Was das Projekt einer sich ans breite Publikum wendende Philosophie-Zeitschrift erklärt.)

Das Thema der vorliegenden Ausgabe könnte man mit dem Titel des Editorials von Wolfram Eilenberger, dem Chefredakteur, zusammenfassen: Wozu Andere? Die Ausführung des Generalthemas erlaubt dann Beiträge wie eine Rezension des neuesten Buchs von Michel Houellebecq von Marianna Lieder (dass der nicht anti-islamisch geschrieben hat, sondern nihilistisch), einen Beitrag über Impfverweigerer von Catharine Newmark (die deren Motive gut und präzise festzuhalten weiss), etwas über das Leben als Single (von Eric Klinenberg – nichts darin, was nicht jede Liegenschaftsverwaltung einem aufgrund eines Belegungsplans nicht auch hätte sagen können), natürlich einen Beitrag über Jean-Paul Sartre von Fritz Breithaupt (Gibt es einen Ausweg aus Sartres Hölle? – Breithaupt geht davon aus, dass nur der Andere die Hölle ist, der jeweils Dritte aber als Vermittler dienen kann und soll – nirgends macht sich der ungezügelte Optimismus der klassischen Habermas’schen Kommunikationstheorie in diesem Heft mehr bemerkbar als bei Breithaupt), oder ein Gespräch zwischen der ‘alten, klassischen’ Linken Gesine Schwan und der neuen Ausformung, die Habermas’ kommunikative Rationalität im Denken von Armen Avanessian gefunden hat.

Wie es 2015 nicht anders sein kann, ist der Andere (immer mit grossem ‘A’!) in den Artikeln, die sich mit der Praxis des (Zusammen-)Lebens beschäftigen, der Andersgläubige, d.i. der Muslim. Die Auseinandersetzung findet vor allem mit dem Islam statt, aber auch der Islamismus wird gestreift. Im Mittelpunkt stehen je eine Reportage aus Offenbach und Zwickau, zwei Städten, die ungefähr gleich gross sind, eine ähnliche Vergangenheit als Industriezentrum haben, und die je auf ihre Weise mit dem ‘Fremden’, dem Islam, zu kämpfen haben: Offenbach hat mit 57% den höchsten Migrantenanteil der BRD, empfindet die ‘Fremden’ aber wohl genau deswegen als bedeutend weniger bedrohlich als Zwickau, wo dieser Anteil mal gerade 2,6% beträgt. Die Reportagen stammen von Nils Markwardt und könnten so auch im SPIEGEL oder im stern stehen.

Wenn es um Andere und um (religiöse) Toleranz geht, darf auch Voltaire nicht fehlen. In einem in kleinerem Format und anderem Papier gehaltenen Heftchen im Heft finden wir einen Auszug aus Voltaires Über die Toleranz, geschrieben aus einem damals aktuellen Anlass, als nämlich ein Protestant in Frankreich einem Justizmord zum Opfer fällt, der von katholischer Seite in die Wege geleitet worden war. Toleranz ist für Voltaire sozusagen ein Naturrecht. Der Auszug aus Voltaires Text bringt philosophisch wenig; wie überhaupt m.M.n. Voltaire (auch vom Verfasser des Vorworts, André Glucksmann) ein bisschen überschätzt und allzu positiv dargestellt wird. Voltaire war in vielem ein Opportunist, aber andererseits auch bedeutend weniger religiösen Gefühlen zugeneigt, als dies hier den Anschein macht.

Ein bisschen aus dem Rahmen fällt ein Gespräch mit Michael J. Sandel, dem US-amerikanischen Moralphilosophen, Schüler von John Rawls, und ehemaligen Berater für Bioethik von George W. Bush. Sandel entpuppt sich darin als Gegner der rein marktwirtschaftlichen Regelung gesellschaftlicher Probleme, ohne mehr vorschlagen zu können als einen philosophischen Diskurs über das gute Leben.

À propos USA: Eine weitere Reportage beschäftigt sich mit den Träumen vom neuen, auf Silizium basierenden Menschen – einem Bewusstsein, das vom Kohlenstoff-Körper losgelöst nur noch auf Speicherplatten existieren soll. Der Journalist, Alexandre Lacroix, empfindet vor diesen Spekulationen einen gewissen Horror:

Es ist seltsam, Ihnen zuzuhören […]. Europa hat den Begriff des Fortschritts erfunden. Der Aufschwung der Vernunft war sogar das große Projekt der Aufklärung. Doch wir sind müde, wir glauben nicht mehr daran.

Seltsam ist allerdings eher, dass Lacroix sich recht entlegener Ideen annimmt. Eine Diskussion der viel näher liegenden und rascher realisierter Ideen, wie sie gerade kürzlich Jaron Lanier vorgestellt hat, wäre interessanter gewesen. Auch hätte man nicht einen Franzosen sondern einen Deutschen in die USA schicken müssen. (Wie überhaupt gefühlte 50%, wenn nicht mehr, des Hefts aus Übersetzungen aus dem Französischen bestehen. Nun ist aber der französische Intellektuelle etwas ganz anderes als der deutsche, was sich schon daran zeigt, dass in vielen der hier vorliegenden Texte von französischen Autoren Husserl oder Heidegger immer noch als Referenzphilosophen gelten. Dieser Unterschied hätte – beim Thema des Hefts! – wohl als allererstes thematisiert werden können und sollen. Wenn man denn schon Wert darauf legt, dass es Unterschiede gäbe zwischen Nationen. Der deutsche Intellektuelle – in der Form von Daniel Schreiber, nomen est omen – schreibt lieber über Themen wie Warum fasten?. Ein Artikel, der, wo er philosophisch sein will, einfach Name-Dropping treibt, wo er medizinisch-physiologisch-physisch-psychisch sein will, einfach schwammig bleibt.)

Alles in allem eine kurzfristig anregende Lektüre, dieses Magazin; längerfristig stillen die Original-Denker den philosophischen Hunger besser. Aber das kann man von einem Hochglanz-Magazin ja auch nicht erwarten.

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