Antonia Byatt: Besessen

Der Literaturwissenschaftler Roland Michell entdeckt bei seinen Arbeiten den Briefentwurf des (fiktiven) Dichters Randolph Henry Ash, der auf eine Beziehung zu einer Unbekannten hinzudeuten scheint. Nach einigen Recherchen entpuppt sich die Angebete als Christabel La Motte, aus deren Biographie bisher ebenfalls nichts auf eine solche Romanze hinwies. Rolands kriminologischer Spürsinn ist geweckt, er verbirgt den Briefentwurf vor seinem Professor, begibt sich zur La Motte Kennerin Maude, woraufhin sich beide auf die Suche nach Anhaltspunkten für diese vor der Welt verborgenen Liebesgeschichte machen. Und sie werden zufällig fündig, entdecken einen ausführlichen Briefwechsel erfahren aufgrund eines – ebenfalls zufällig – auftauchenden Tagebuchs einer Verwandten La Mottes von einer geheim gehaltenen Schwangerschaft.

Die Geheimhaltung dieser Nachforschungen gelingt nicht ganz: Sowohl Rolands Professor als auch ein betuchter amerikanischer Ash-Forscher, Sammler von allem, was nur im entferntesten mit seinem Dichteridol zu tun hat, bekommen Wind von der Sache und verfolgen die Spuren der beiden. Der Showdown dieser Jagd nach der Vergangenheit führt alle Personen am Grab des Dichters, in dem eine Kassette mit weiteren Schriftstücken vermutet wird, zusammen, die vermuteten Zusammenhänge bestätigen sich und Maud entpuppt sich schließlich als Nachfahrin der geheimgehaltenen Liaison.

Eigentlich handelt es sich hier um eine doppelte Liebesgeschichte: Die vergangene zwischen Ash und La Motte und die sich anbahnende zwischen Roland und Maud, die eigentlich so gar nicht zueinander zu passen schienen. Gespickt ist das Buch mit “Originalschriftstücken” aus der viktorianischen Zeit: Briefwechsel, Tagebücher, Aufzeichnungen, Dichtungen. Wobei an diesen unzähligen Manuskripten zweierlei befremdlich wirkt: Zum einen schreibt der gefeierte Dichter im selben Stil wie ein jugendlicher Backfisch in seinen Tagebuchnotizen, zum anderen dienen diese ständig auftauchenden Schriftstücke als Kitt bzw. Katalysator der Geschichte. Wenn Byatt zu einer kritischen Stellle im Buch gelangt, taucht ein deus ex machina auf und händigt ihr wieder ein paar Handschriften aus: Das wirkt dann etwas billig.

Die Idee dieser literar-historischen Besessenheit, dieses Lebens in fremden, längst vergangenen Leben hätte zu einem durchaus spannenden, interessanten Roman ausgestaltet werden können: Die Autorin will allerdings zu viel – und erzeugt auf diese Weise Langeweile. Die ironische Betrachtung des germanistischen Alltags, die seltsamen Blüten der feministischen Literaturforschung (ich jedenfalls habe diese Teile aus einer ironischen Perspektive betrachtet, ich hoffe sehr, dass sie nicht ernst gemeint waren), das eigentümlich blutleere Dasein von Universitätsangestellten – das ist manchmal ganz nett, selten aber wirklich unterhaltend. Dazu die endemisch auftauchenden Gedichtfragmente des Liebespaares, die selbstredend metaphernreich-vexatorisch die eigene Geschichte noch mal erzählen, Dinge, die selbst beim geneigtesten Leser eine gewisse Schläfrigkeit evozieren. Es ist schlicht zu wenig Substanz vorhanden, um mehr als 600 Seiten zu füllen – zu wenig inhaltliche Substanz, zu wenig schriftstellerische Substanz. Zu keiner Zeit habe ich den Wunsch verspürt, diese Autorin besser kennenlernen, mehr von ihr lesen zu wollen.

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2 Kommentare zu Antonia Byatt: Besessen

  1. Bonaventura sagt:

    […] und erzeugt auf diese Weile Langeweile.

    Nett, aber wahrscheinlich nicht beabsichtigt oder?

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