Reisen von Friedrich Gerstäcker. Californien. Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta’scher Verlag, 1853

Warum tut Friedrich Gerstäcker sich dies an? In Deutschland hat er eine Frau und ein junges Kind zurückgelassen; er ist mittlerweile ein recht erfolgreicher Schriftsteller – und nun schürft er in Kalifornien unter miserablen Bedingungen nach Gold…

Dieser Band ist die Fortsetzung seiner Reise in Südamerika, an deren Ende wir ihn ja auf dem Weg von Valparaiso nach San Francisco zurück gelassen haben. Auch den zweiten Band habe ich als Reprint des Verlags Fines Mundi gelesen, sauber gestaltet, Leinen mit Lesebändchen und inkl. der farbigen Karte der USA auf dem Vorsatzblatt.

Zu Beginn seiner Reise in Südamerika konnte man Gerstäcker noch als eine Art Sonderbotschafter Deutschlands betrachten, hatte er doch die Aufgabe, zu sich zu erkundigen, ob sich das um Rio de Janeiro liegende Land für auswanderungsgelüstige deutsche Bauern eignen würde, und wie teuer es sie zu stehen käme. Schon der Ritt quer durch den südamerikanischen Kontinent war ein Abenteuer, wenn auch ein verhältnismässig kleines.

Nun aber kommt Gerstäcker endlich in San Francisco an. Sein Gepäck, das bekanntlich auf dem Schiff geblieben war, mit dem er eigentlich um Feuerland herum nach Valparaiso hätte kommen sollen, und das er dort verpasst hatte, ist lange vor ihm in San Francisco angekommen. Das Schiff, auf dem es war, hält sich auch immer noch dort auf. Gerstäckers Gepäck allerdings ist nur noch rudimentär vorhanden. Doch das lässt sich dieser nicht verdriessen. Er geht trotzdem in die „Stadt“ und sucht sich eine Bleibe. Die Anführungszeichen habe ich deshalb gesetzt, weil 1849, als Gerstäcker dort ankam, San Francisco nach seinen Ausführung eher einem riesigen Zeltlager geglichen haben muss, mit ein paar dazwischen errichteten Holzhütten. Der Hafen ist mit Schiffen verstopft. San Francisco ist das Einfallstor nach El Dorado, dem Land, wo Gold gefunden wird: Jeder will dahin, keiner will von dort weg.

Gerstäcker kommt zur Zeit des grossen Goldrausches nach Kalifornien. Die Gegend boomt, wie wir heute sagen würden. So wird er, wenn er 1850 nach San Francisco zurück kommt, die Stadt nicht mehr wieder erkennen. Recht stabile Bauten aus Holz haben die meisten Zelte ersetzt – auch wenn die Brandgefahr in der Stadt riesig ist, und Gerstäcker selber zwei- oder dreimal erlebt, wie ein ganzes Viertel niederbrennt. (Er schildert aber auch voll Bewunderung, dass die Einwohner die Gebäude schon am nächsten Tag wieder aufgerichtet haben.)

Von 1849 bis 1850 hält sich Gerstäcker im kalifornischen Hinterland auf. Er gräbt selber unter härtesten Bedingungen nach Gold. Diese Tätigkeit muss man sich nicht als die eines Mineurs vorstellen. Vielmehr buddelt der Goldgräber jener Zeit ein bisschen an der Oberfläche, und wäscht die gewonnene Erde nach Gold aus. Gerstäcker kann mit seinem Schürfen sich gerade mal den Lebensunterhalt verdienen; reich wird er, werden seine Kameraden, nicht. Nur einer hat Glück, doch der versäuft und verspielt sein ganzes Geld in San Francisco und kommt ärmer zu seinen Kameraden zurück, als er je gewesen ist. Und ein zweites Mal wird ihm das Glück nicht hold sein.

In der Zeit, als Gerstäcker sich im Hinterland aufhält, hat sich Kalifornien auch den USA angeschlossen. Zu stark war wohl der Wunsch nach einer verlässlichen Ordnung, die die lokalen „Behörden“ nicht errichten, geschweige denn aufrecht erhalten konnten. (Gerstäcker berichtet zustimmend von der Errichtung sog. Vigilantes, Bürgerwehren, die das Gesetz in die eigene Hand nehmen, und Übeltäter recht formlos hinrichten, wo der „Staat“ sie immer wieder aus dem Gefängnis entschlüpfen lässt.) Von diesem Anschluss berichtet Gerstäcker aber nur am Rande.

Wichtiger sind ihm die Schilderung der Leute und der Verhältnisse vor Ort. Das ist auch, was er am besten kann. Uns so ist dieser zweite Band seines Reiseberichts bedeutend besser gelungen als der erste. Kein Wunder, bei so vielen interessanten Figuren, die er in den Goldgruben antraf. Er brauchte sozusagen nur noch die Linse drauf zu halten und abzudrücken. Seine Porträts sind denn auch sehr gelungen. Die Indianer haben sein Mitleid. Er findet keine stolzen Krieger vor, sondern arme zerlumpte Gestalten, die meist den Weissen recht misstrauisch gegenüber stehen. Dennoch gelingt es Gerstäcker ein oder zwei Mal, deren Gastfreundschaft zu geniessen. Und auch wenn er sich vor deren Essenssitten ekelt (sie reichen mit ungewaschenen Händen in den allen gemeinsamen Essenstopf hinein), so ist doch spürbar, dass Gerstäcker diese dem Untergang geweihte Kultur hoch achtet.

PS. Karl May hat von diesem Band nichts abgekupfert. Zum einen, weil sich Old Shatterhand, wenn ich mich recht erinnere, nur einmal in San Francisco aufhält, in Old Surehand II, dann, weil der Goldrausch zu der Zeit, als May schrieb, bereits Geschichte war, drittens schliesslich, weil ein Old Shatterhand in zerlumpter, zerrissener Kleidung als Goldschürfer nicht nur mit Old Shatterhands wenigstens gen aussen Gold und Geld verachtender Ideologie, sondern auch mit der Würde dieser Figur wohl unvereinbar war. (Old-Shatterhand-Kara-Ben-Nemsi konnte es sich allerdings leisten, Gold und Geld zu verachten: Er hatte mit Winnetou und Sir David Lindsey immer reiche und spendable Freunde um sich. Im Gegensatz zu Friedrich Gerstäcker…)

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