Am Beispiel Wuchterls … Streitgespräche und Kontroversen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts

Über die Angst des Philosophen vor der Naturwissenschaft

Kurt Wuchterl hat in der Hauptsache philosophische Lehrbücher geschrieben bzw. philosophiehistorische Werke. Und wenn man von einer manchmal sonderbar anmutenden Gewichtung der Themen einmal absieht (so scheint er aus unerfindlichen Gründen ein Scheler-Liebhaber zu sein), sind diese Bücher durchaus empfehlenswert.

Hier nun stellt Wuchterl “Kontroversen und Streitgespräche” in der Philosophie vor und weist schon in der Einleitung darauf hin, dass auch dieses Buch als eine Art “exemplarische Einführung in die Gegenwartsphilosophie” verstanden werden kann. Hätte er es dabei nur belassen, hätte er sich auf die reine Darstellung beschränkt – das Buch wäre vielleicht lesbar gewesen. Er will allerdings mehr, er stellt sein eigene Paradigmentheorie vor (von der nie klar wird, worauf sie abzielt, was durch sie erklärt oder verständlich wird bzw. werden soll) und lässt daher auch seine persönliche Haltung zu den einzelnen Themen durchblicken: Was zu lesen ein mehr als zweifelhaftes Vergnügen darstellt.

Wobei er bei diesen Stellungnahmen einigermaßen unsicher wirkt, seine Meinung häufig abmildert bzw. relativiert. So endet das erste Kapitel über den Werturteilsstreit (Max Weber, E. Spranger) mit einem recht konfusen Gerede: “Die Grundpositionen stehen sich bis heute unversöhnlich gegenüber. Dialektik als Methode zur Erfassung der Totalität, die alle Wertungen und Einzelerkenntnisse erst ermöglicht, auf der einen und ihre Interpretation als Legitimationssurrogat für eine utopische Ideologie […] auf der anderen Seite; die Deutung der logischen Klarheit als Denkverbot und Gewalt (Lyotard) hier, die Logik als notwendige Voraussetzung für Argumentation, Wertung und Kritik dort.” Konfus einerseits, weil der erste Teil des Satzes von den Betreffenden nicht als “Gegensatz” betrachtet wird, seltsam andererseits, wenn die doch etwas einfältige Lyotardsche Denkfigur, dass “logische Klarheit mit Denkverbot” gleichzusetzen sei, hier kommentarlos als eine berechtigte Gegenposition zur rationalen Kritik angesehen wird.*

Zu einem Ärgernis (dann aber in seiner Einfalt auch wieder beispielhaft) gerät das zweite Kapitel. Es geht von der 1927 stattgefunden 5. Solvay-Konferenz aus, die durch die Auseinandersetzung von Einstein und Bohr über die Implikationen der Quantenphysik eine gewisse Berühmtheit erlangte. Während sich Einstein weigerte, eine zufällig-statistische Interpretation zu akzeptieren und der Quantenphysik Bohrs und Heisenbergs unterstellte, keine “vollständige” Theorie zu sein, beharrten diese auf ihrer Darstellung und konnten auch die unzähligen Widerlegungsversuche Einsteins immer wieder zurückweisen. Diesen grundsätzlichen Auffassungsunterschied nimmt nun Wuchterl zum Anlass, um auf die Unvollständigkeit eines naturwissenschaftlichen Weltbildes hinzuweisen, wobei er von Beginn an mit völlig unhaltbaren Unterstellungen operiert. So bedauert er erst mal das Fehlen von philosophischen Systemen und Gesamtentwürfen, an die sich heute “niemand mehr herantrauen würde”, weil alle Philosophen die “Sicherheiten einer unkritisch latenten Naturphilosophie als Gewissheiten” übernommen hätten und deshalb sich nur noch in postmodernen Beliebigkeiten ergehen würden. (Ohne die Postmoderne auch nur im geringsten verteidigen zu wollen: Aber ihre Beliebigkeitsstruktur hat ganz sicher nichts mit der Anerkennung “naturwissenschaftlicher Gewissheiten” zu tun.) Die aber von Wuchterl postulierte Gewissheit wird im 20. Jahrhundert nirgendwo mehr vertreten (am ehesten dort, wo tatsächlich noch mit “Systemen” gearbeitet wird: Etwa in der Frankfurter Schule, wobei es dort selbstredend nicht die Naturwissenschaft ist, die diese Gewissheit erzeugt): Sogar radikale Vertreter des Wiener Kreises wie Neurath wiesen solche Gewissheitsansprüche stets zurück, von kritischen Rationalisten, die gerade die Fehlbarkeit zu einer Säule ihres Denkens gemacht haben, ganz zu schweigen. Das aber ficht Wuchterl nicht an, Seite für Seite unterstellt er den (nirgendwo namentlich genannten) Philosophen eine vulgär-kausale Anschauung nebst trivialem Materialismus: Vor allem scheint er der Ansicht, dass man sich auch im 20. Jahrhundert noch immer am LaPlace’schen Modell der absoluten Determiniertheit orientiert. (Es bleibt – wie erwähnt – völlig unklar, wer nun diese Position vertritt: Kein einziger Philosoph wird namentlich genannt).

Nachdem er auf diese Weise die Heisenbergsche Unschärferelation (nebst den anderen, üblichen Verdächtigen: Die Chaostheorie und die Gödelschen Sätze) für den Zusammenbruch eines naturwissenschaftlichen Weltbildes ausfindig gemacht hat (und – wenn auch mit offenkundig schlechtem Gewissen, die Physik-Esoterik eines Capra als eine Folge dieses vorgeblichen philosophischen Vakuums anführt), wartet man vergebens darauf, was denn nun die Konsequenz aus dieser naturwissenschaftlichen Bankrotterklärung sei: Vergeblich deshalb, weil es Wuchterl an Mut gebricht, hier die Worte Transzendenz oder Gott zu gebrauchen. Dies geschieht implizit, indem er den Materialismus, die Evolution und die Zurückführung des Mentalen auf das Materielle als eine der Hauptdenksünden des Jahrhunderts anführt (wieder spricht er nur davon, das im “Bewusstsein der meisten Zeitgenossen” (welcher – möchte man gerne wissen) ein solches unhinterfragt “naturwissenschaftliches” Denken vorherrsche). Und er unterstellt, dass man sich über das “Verhältnis kausaler und statistischer Prozesse, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Reduktionen, über die objektive Unzugänglichkeit innerer Zustände” unter den Fachleuten “kein Kopfzerbrechen” mache. (Man hat den Eindruck, dass ein Großteil der philosophischen Literatur an Wuchterl vorbeigegangen ist: Ob Bunge, Thomas Nagel, alle evolutionären Erkenntnistheoretiker oder die unzähligen Leib-Seele-Erörterungen – nichts scheint seinen Radar passiert zu haben. Wobei: Er kennt diese Literatur, hat auch an einem Symposium über die EE 1986 teilgenommen (allerdings ohne eine konstruktiven Beitrag zu leisten), will aber ganz offensichtlich deren Ausführungen gar nicht zur Kenntnis nehmen, sondern unterstellt lieber anonymen Denkern eine Position, die keiner vertritt.)

Im Grunde sagt Wuchterl nichts anderes, als dass die von ihm kritisierten Bereiche (Materialismus, Evolution, Zurückführung des Mentalen auf das Materielle) für sich keine endgültige Gewissheit beanspruchen können. Nur: Das haben sie niemals getan. So gut wie alle Vertreter einer naturwissenschaftlichen Philosophie erkennen ganz selbstverständlich das Prinzip der Fallibilität wie auch das der Unmöglichkeit von Gewissheiten an. Dazu hätte es Wuchterls wortreicher Darstellung der Chaostheorie oder der Unschärferelation nicht bedurft. Dass die von ihm kritisierten Bereiche auf eine so große Anerkennung und Akzeptanz stoßen, hat einen ganz trivialen Grund: Sie haben sich in der naturwissenschaftlichen Forschung hervorragend bewährt und es wäre geradezu aberwitzig, sie aus “Mangel an Gewissheit” gegen irgendwelche großen Entwürfe oder Systeme einzutauschen (die sich dann erst bewähren müssten). Die Tatsache, dass “Mentales” (was immer man darunter versteht) auf Materielles zurückgeführt wird, hat einen guten Grund: Man müsste ansonsten ein “nichts” annehmen, das gleichzeitig ein “etwas” ist bzw. man müsste die gesamte Physik neu schreiben. Das mag nun vielleicht sogar notwendig sein: Aber das tut man eben nicht, weil jemandem im volltrunkenen Zustand seine Schwiegermutter erschienen ist. Die Verfechter eines immateriellen “Geistes” sind sich der Konsequenzen meist nicht bewusst: Wir müssten ja nicht bloß unvorhersagbare Zustände einer Quantenwelt annehmen, sondern jederzeit eine völlig beliebig agierende Welt gewärtigen. Bisher legt nichts eine solche Annahme nahe.

Beispielhaft für Wuchterls nirgendwo klar ausgesprochene Voraussetzungen ist die implizite Annahme, dass der Mensch prinzipiell alles (über Analogien) verstehen könne. Aber nichts berechtigt zu einer solchen Annahme: Als das Ergebnis der Evolution ist der Mensch aus Überlebensgründen auf mesokosmische Dimensionen beschränkt, sodass es eher verwunderlich ist, dass wir so viel überhaupt verstehen können. Aber es kann keinesfalls überraschend sein, dass das menschliche Jäger- und Sammlergehirn die Verhältnisse in Schwarzen Löchern oder im Quantenbereich nicht für sich selbst anschaulich machen kann. Für das Überleben der Spezies war ein solches Verständnis keinesfalls erforderlich (für die Zukunft könnte es aber wichtig werden).

Ein besonderes Ärgernis stellen für Wuchterl die Versuche dar, Moral und Ethik aus ihren angestammten Bereichen der Religion und der Metaphysik zu vertreiben. Mit unübersehbaren Unmut zitiert er etwa F. Wuketits: “Nimmt man Evolution ernst, dann kommt man jedenfalls nicht an der Annahme vorbei, dass auch menschliches Verhalten – selbst in den komplexen Formen seines Moralverhaltens – ein Resultat der Evolution ist.” Gegen diese Satz ist nun wirklich nichts einzuwenden (außer von Theologen) – und auch der Autor bringt keinen Einwand vor: Er gibt einzig seinem Ärger darüber Ausdruck, “dass sämtliche existenzielle Grundfragen, deren Beantwortung früher der Metaphysik und der Religion vorbehalten waren”, nun in einer naturwissenschaftlichen Weise angegangen werden. Darüber darf man sich ärgern – wenn man dies kritisieren will (und das will der Autor offenkundig), muss man Argumente für seine Kritik anführen. Ein solches sucht man hier vergebens, wie etwa auch bei der erwähnten Kritik von Evolution und Materialismus: Es wird bloß das Ärgerliche der Positionen konstatiert – und ihre – nie angestrebte – Gewissheit.

Das Resümee am Ende des zweiten Kapitels (die Ausführungen zur Ethik gehören zu den nachfolgenden Teilen) bringt noch einmal seinen Unmut über selbstverständliche Konsequenzen zum Ausdruck: “Zusammenfassend können wir festhalten, dass zwar die Grundlagen und die Grenzen der Naturwissenschaften nach wie vor umstritten sind, sich aber trotz allem eine naturphilosophische Weltanschauung mit bestimmten Leitbegriffen verbreitet hat, die sich nicht allein auf die wissenschaftlichen Inhalte, sondern auch auf alle sonstigen kulturellen Erscheinungen bezieht.” Hier stellt er also nur fest, was auch sämtlichen Naturwissenschaftlern klar ist: Sie wissen noch nicht alles. Der zweite Teil des Satzes wird dann präzisiert: “Wenn Naturwissenschaftler Materialismus und Evolution als zentrale Forschungskomplexe herausstellen, dann kann man von hypothetischen Annahmen sprechen, die ihren Untersuchungsbereich definieren. Trotzdem verfallen auch Forscher häufig der Versuchung, solche Arbeitshypothesen zu evidenten Prinzipien allgemeiner Weltanschauungen zu verallgemeinern.” Wuchterl scheint offenbar gelebte Schizophrenie von seinen Naturforschern zu erwarten: Denn nur unter dieser Voraussetzung kann man die Evolution anerkennen und gleichzeitig zum sonntäglichen Kirchgang ausschwärmen. Selbstverständlich hat eine naturwissenschaftliche Grundhaltung Einfluss auf die Weltanschauung: Diese wird damit teilweise begründbar, sie wird selbstverständlich nicht unangreifbar. Und sie wird nie völlig metaphysikfrei sein, wir konstituieren die Welt aufgrund von Annahmen, die nicht bis ins letzte beweisbar sind. Hingegen wird aber jener Metaphysiker, der da glaubt, die Naturwissenschaften ignorieren zu können, sich lächerlich machen: Hegel und Heidegger sind typische Vertreter einer solchen wissenschafts- und logikfeindlichen Haltung.

Die hier skizzierte Haltung ist beispielhaft für zahlreiche Philosophen (so ist dieser naturwissenschaftsfeindliche Duktus bei Lütkehaus (“Nichts”) zu bemerken – oder bei Marquard, der etwa das Hohelied der “Uneindeutigkeit” sind, ausgegangen ist sie aber für unsere Zeit vor allem von der Frankfurter Schule) – und sie ist so dumm wie schädlich. Und sie wird häufig auf genau diese unterstellende Weise geäußert: Dass die Naturwissenschaft doch auch nicht alles wisse, dass da Lücken seien – wobei die Schlussfolgerung, dass man diese Lücken mit metaphysischem und religiösem Dämmmaterial füllen müsse, eine zweifelhafte ist. Dieses Material hat sich denn schon oft als überflüssig erwiesen, wenn der Fortschritt zu rationalen Erklärungen geführt hat. Gott als Lückenbüßer müsste selbst den Theologen unangenehm sein: Wir sollten aber mit diesem unseren Nichtwissen anderen Umgang pflegen. Es zu beseitigen versuchen bzw. die Lücke – vorläufig – als solche anerkennen. Immer mit dem Bewusstsein, dass wir niemals alles wissen werden und dass es nicht den geringsten Anlass dazu gibt, das zu glauben.


*) Das Amüsant-Dümmliche an solchen “antireaktionären” Überzeugungen kann man stets daran erkennen, dass die Verächter der Logik für diese Verachtung immer logische Argumente bemühen, also das voraussetzen, was sie zu verurteilen vorgeben. (Feyerabend lässt grüßen …) Man muss ihnen das aber auch nachsehen: Wie sonst sollte ein Diskurs überhaupt geführt werden?) Wer an diesem Werturteilsstreit interessiert ist, sei auf H. Keuth (“Wissenschaft und Werturteil”) verwiesen: Der schon auf der ersten Seite seines äußerst empfehlenswerten Buches feststellt, dass man aufgrund der Brisanz des Themas dazu auch heute noch Stellung beziehen muss. Wuchterl muss im übrigen das Buch gekannt haben (er hat es in seine Literaturliste aufgenommen): Was einen Autor dann dazu treibt, eben diesen Werturteilsstreit 8 Jahre später sehr viel unübersichtlicher und seltsam verworren darzustellen ist mir ein Rätsel. Er fügt dieser Auseinandersetzung keinen einzigen Gedanken hinzu und bleibt auch bezüglich der Klarheit der Darstellung weit hinter Keuth zurück.

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8 Kommentare zu Am Beispiel Wuchterls … Streitgespräche und Kontroversen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts

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  2. Lieber Bartlebooth,

    “Um die Diskussion hier nicht total zu zerfasern, lass uns einfach beim Zentrum bleiben und fragen: Was gewinnst du denn bei deiner Argumentation durch eine Naturalisierung? Was bleibt denn von einer Fundierung praktisch aller Phänomene in der Natur übrig, wenn ich dann gleichzeitig sage: Das hat keine normative Implikation und das hat individuell auch keine handlungspraktische Implikation (kollektiv hat es die ja, wenn ich dich recht verstehe)?”

    Das habe ich doch im letzten Beitrag ausgeführt: Es geht hier um das Webersche Diktum, dass Wissenschaft einem sagt, was man tun kann. Das ist die Quintessenz dessen, was ich geschrieben habe.

    “Bleiben wir beim Gewaltbeispiel. Du leitest eine Sache und ihr Gegenteil gleichermaßen aus der Natur ab: Der Impuls zu Gewalt liegt in der Natur (nicht mal nur in der menschlichen, deine Implikation reicht ja viel weiter, wenn du menschliches Verhalten aus tierischem bis hin zu Mikroben ableitest);

    Du hast das letzte Mal Ähnliches geschrieben: Ich habe von Einzellern im Zusammenhang mit der Entwicklung von Bewusstsein geschrieben und eine Reihe von Lebewesen erwähnt um zu zeigen, dass es hier einen sukzessiven Übergang gibt; ich habe aber nie menschliches Verhalten von Mikroben abhängig gemacht … Diese Bewusstseins- (Leib-Seele-) Problematik ist ja nicht der Kern unseres Problems, wir können das gerne außen vor lassen. Es ging eigentlich nur darum, dass sich Bewusstsein wie andere Körperfunktionen sukzessive entwickelt hat.

    zugleich liegt in der Natur aber auch die Möglichkeit, sich gegen Gewalt zu entscheiden (das, was du immer als “Dezisionismus” ins Spiel bringst). Was bedeutet denn dann “es liegt in der Natur”? Was bedeutet dann der Aphorismus des Frans de Waal, man könne den Affen aus dem Dschungel, aber nicht den Dschungel aus dem Affen holen? Kann sich der Affe also nicht gegen Gewalt entscheiden? Wenn das so ist, warum gibt es gewalttätigere Affen(arten) als andere? Kann er es doch, inwieweit ist es relevant für das Ergebnis, dass beides “natürlich” da ist?”

    Es gibt natürlich gewalttätigere Arten – und es gibt auch gewalttätigere Individuen bei einer Art (das halte ich für trivial). Das andere habe ich bereits in der letzten Antwort ausgeführt: Wir Menschen sind mit Sicherheit jene Tiere, die am wenigsten durch ihre Erbanlagen determiniert werden. Wir können etwa ein Anti-Aggressionstraining (erfolgreich) absolvieren, ich zweifle, dass eine solche Maßnahmen bei Löwen oder auch Schimpansen möglich wäre. (Waals Ausspruch scheint im übrigen dahingehend zu interpretieren zu sein, dass er daran zweifelt, dass wir aus Affen Haustiere machen können – zumindest nicht in einer Generation.)

    Mir will scheinen, du postulierst eine natürliche Grundlage und dann postulierst du eine ebenfalls natürliche Gegenkraft, die immer mit ihrem genetischen Erbe kämpft. (Oder tut sie das? Ist sie nicht selbst auch genetisch? Wenn beide gleichrangig genetisch und natürlich sind, was soll dann die Aufspaltung? Oder ist Gewalt doch irgendwie natürlicher als Gewaltverzicht? Woran machst du das fest?) An schwierigeren Stellen wird dann nicht mehr die Genetik, sondern am Ende doch die Kultur in Form von Naturvölkern, Affen oder gar der Geschichte bemüht. Wie das genau zusammengeht, müssen wir gar nicht diskutieren (obwohl ich es tatsächlich nicht verstehe), mich interessiert: Was macht denn derweil die natürliche Grundierung? Welche Auswirkung hat sie denn? Hat sie welche? Ist sie von der kultürlichen Dimension überhaupt getrennt zu denken?

    Siehe oben oder letztes Posting: Wir sind in geringerem Maße genetisch determiniert als Affen – und wenn man die Stufenleiter der Entwicklung sich hinabbewegt, wird die “Freiheit” des Handelns offenbar immer geringer: Je einfach die Struktur des Organismus, umso stärker das rein instinktmäßige (durch Gene bestimmte) Handeln. Wir Menschen sind erstmals eine Spezies, die diese Bestimmtheit in Maßen durchbrechen kann (obwohl eben wir den Dschungel, den wir in uns haben, nicht unterschätzen sollten). Es geht hier nicht um “natürlicher als”, sondern um das Maß an Freiheit, das wir durch unser großes Gehirn gewonnen haben: Und zur Unterstützung dieser Freiheit dient die wissenschaftlich fundierte Feststellung, dass dem Menschen ein Aggressionspotential inne wohnt (das für unser Überleben sehr wichtig war, in bekömmlicheren Dosen auch noch ist, das aber aufgrund unserer Entwicklung zu einem Problem geworden ist: Zum einen wegen der Waffenarsenale, zum anderen aufgrund unserer völlig geänderten Form des Zusammenlebens: Bei unserer Bevölkerungsdichte dient die Aggression nicht mehr zum Überleben, sondern wird zum Problem).

    “Wenn du die Natur als Grundlage nicht als Entschuldigung für irgendein Verhalten gelten lassen willst (eine normative Dimension schließt du ja aus), welchen Sinn hat sie dann? Und welchen Erkenntnisgewinn bringt sie gerade in normativen Fragen?”

    Die Natur ist keine “Entschuldigung” für irgendwas, unsere genetischen Anlagen beinhalten dieses Maß an Aggressivität. Wir sind nun als Menschen in der Lage, diese Aggressivität zu kontrollieren (mehr oder weniger gut) und sollten das im Sinne des Überlebens auch tun. Und wenn ich diese Gründe, ihre Wurzeln erkannt habe, kann der Mensch kraft seiner Intelligenz versuchen Maßnahmen zu treffen, um mit diesem Potential umzugehen. Hier liegt also das Potential wissenschaftlicher Erkenntnisse: Ich kann versuchen zu eruieren, wo diese Aggression herkommt, welchen Zweck sie bisher hatte und aufgrund dieses Wissens Strategien entwerfen, um dieser Aggression Herr zu werden. Das ist ein schwieriges Unterfangen, das bedarf verschiedenster Maßnahmen (hier müssen auch Wohnsituationen, soziale Bindungen etc. berücksichtigt werden) – und das alles funktioniert nur über solche Überlegungen und nicht über ein Verbieten oder Dekretieren (deshalb muss man bei testosterongesteuerten Jugendlichen beim Anti-Aggressionstraining häufig mit Maßnahmen arbeiten, die diese Aggression in kontrollierter Form abbauen, z. B. Boxtraining, überhaupt Sport, körperliche Anstrengung, selbstverständlich aber muss man auch auf der kognitiven Ebene arbeiten). – Im übrigen weiß ich nicht, wie man diese Dinge sonst in den Griff bekommen sollte als über solche Überlegungen: Eine kulturelle Anti-Gewalt-Philosophie wird auf jene Jugendliche, mit denen ich zu tun hatte, keinen Eindruck machen. (Man muss diesen Jugendlichen auch klar machen, dass diese Aggressionen gar nichts “Schlechtes” sind, sondern sie auf andere Wege verweisen, wie sie sie abbauen können. Vor 10000 Jahren hätte man das auf der Mammutjagd machen können, in einem Großraumbüro, bei den beengten Wohnverhältnissen in Großstädten ist das sehr viel schwieriger.)

    Ich nehme entsprechende Debattenbeiträge ganz anders war, nämlich so, dass allem Natürlichen selbstverständlich ein normativer Vorrang gegeben wird. Das mag ein uralter naturalistischer Fehlschluss sein, aber wirkmächtig ist er noch immer.

    Ich weiß jetzt nicht, welche Debattenbeiträge du meinst. Wenn es sich um meine handelt, muss ich absolut widersprechen. Wenn du die große Allgemeinheit dabei im Auge hast: Ja, leider, das wird noch immer so gesehen. Ein typischer Fall dafür ist die Argumentation von Homophoben: Sie halten jede Sexualität, die nicht potentiell der Fortpflanzung dient, für “widernatürlich”, da ja die Natur blabla … Das wäre eine solche naturalistische Argumentation, gegen die ich mich vehement wehre. – Was ich mit dem Hinweis auf den Dezisionismus deutlich machen wollte war, dass es eben nie eine “natürliche” Entscheidung bei Normen geben kann: Unsere menschlichen Normen sind immer willkürlich. Sie haben sich teilweise evolutionär bewährt (etwa das Tötungsverbot in der eigenen Gruppe), aber man wird keinen “absolut gültigen” Grund für eine solche Normierung finden (oder für’s Gegenteil).

    Ich habe nun vieles aus dem letzten Posting wiederholt (weil m. E. ich deine jetzigen Fragen dort schon beantwortet habe), hier nochmal in Kürze (wobei ich hoffe, oben auf alle deine Fragen geantwortet zu haben):

    Wir werden nie absolute Normen finden oder gar deren Absolutheit beweisen können, Entscheidungen sind also dezisionistisch.

    Wir sind durch unsere Gene bestimmt, aber wir haben als Menschen in einem stärkeren Maß die Möglichkeit, auch gegen diese vererbten Instinkte anzugehen (je niedriger der Entwicklungsstand, desto geringer ist diese Freiheit).

    Wenn wir uns gegen bestimmte Instinkte wenden (z. B. Aggression), so ist es nützlich, die Herkunft dieser Aggression zu kennen, das evolutionäre “warum”, weil wir dann (aufgrund der dezisionistischen Entscheidung der Gewaltfreiheit) besser dagegen angehen können. (Ich weiß einfach nicht, auf welcher Grundlage du das zu tun gedenkst.)

    Diese Maßnahmen müssen auch wieder wissenschaftlich aufbereitet, ihre Erfolg/Misserfolg überprüft, Alternativen erwogen werden (im Sinne der Zielsetzung).

    Liebe Grüße

    Scheichsbeutel

  3. Bartlebooth sagt:

    Du schreibst ja “Am Beispiel …”, daher erlaube ich mir mal eine Antwort, ohne Herrn Wuchterl zu kennen (Wikipedia sagt mir, dass er ein 31er Jahrgang ist und lange als Lehrer gearbeitet hat, am Ende seiner Karriere außerplanmäßiger Professor in Stuttgart. Ich versteige mich also kühn zu der Behauptung: nicht die Speerspitze der Forschung).
    Ich kenne ja deine Abneigung gegen alles “Postmoderne” – ein Begriff, mit dem ich mich immer noch schwertue, den ich immer noch nachschlage, wenn andere ihn benutzen, bzw. der ein bisschen zum Passe-partout geworden ist, hinter dem sich je nach Dekade, in der er verwendet wurde, z.T. diametral Gegensätzliches verbirgt. Deshalb will ich darauf gar nicht rumreiten. Nur so viel: Der einzige “Postmoderne”, der in deinem Text auftaucht, ist Lyotard. Den kann ich nicht verteidigen, aber ich möchte auch sagen: Er ist der einzige (und das möchte ich bitte drei Mal unterstreichen), den ich gelesen habe, bei dem ich die vielzitierte “postmoderne Beliebigkeit” gefunden habe; er ist aber auch einer, der seine große Zeit (als Provokateur, wobei da andere auch zu seiner Zeit besser waren) lange hinter sich hat und der schon lange nicht mehr im Zentrum der Rezeption steht. Ich finde also – und sage das mit aller Sympathie, die ich, wie du weißt, für dich habe – du machst ein bisschen das, was du Wuchterl vorwirfst: Du baust dir einen Gegner auf, der eigentlich keiner (mehr) ist. Und versuchst mit ihm eine ganze Denkrichtung zu diskreditieren.
    Nun kann ich dir aber sagen, dass diese von dir kritisierte Denkrichtung, ebenso wenig so denkt, wie du es skizzierst, wie Wuchterl mutmaßlich das “naturwissenschaftliche Denken” korrekt beschreibt (wobei auch das ja nicht als so monolithischer Block da steht, aber das nur am Rande). Ich will ein Beispiel geben, das mir in deinem Text zentral zu sein scheint.
    Du sprichst immer wieder davon, das irgendwer Lücken des naturwissenschaftlichen Modells mit “Religion und Metaphysik” füllen will. Für die zeitgenössische Philosophie, wie ich sie kenne, ist das aber keineswegs der Fall. Historisch gesehen, da gebe ich dir recht, findet man einige raunende Denker/innen im Kielwasser des “postmodernen” Denkens. Aber durchgesetzt haben sich andere Ansätze, die eher kulturell argumentieren (und zu denen ich wirklich gern mal etwas von dir lesen würde). Daher spreche ich auch nicht von “Geistes-“, sondern von “Kulturwissenschaft”. wenn ich über meine Wissenschaft rede.
    Kulturwissenschaftlich kann man nun gegen den von dir zitierten Satz von Herrn (?) Wuketits Einiges sagen. Und zwar ganz ohne Theologe zu sein. Wieso sollte es denn klar sein, dass menschliches Verhalten ein Produkt der Evolution ist. Dafür müsste man ja erst einmal schlüssig beweisen, dass Bewusstsein, Verhalten u. dgl. mehr genetisch codiert ist. Das ist bisher wenigstens meines Wissens nicht geschehen. Wenn das aber nicht feststeht, läufst du mit so einer Aussage wenigstens potenziell sowohl in einen offenen Lamarckismus (also in eine Vorstellung, dass auch erworbene Eigenschaften vererbt werden können) als auch in ein extrem mechanistisches Menschenbild hinein (wenn ich Verhalten naturalisiere, sind all diejenigen angeschmiert, die sich nicht konform verhalten, sie sind die Abweichung von etwas, das sich als evolutionär vorteilhaft erwiesen hat). So wie ich dich kennengelernt habe, kann das unmöglich deine Position sein, ich muss hier also etwas falsch verstanden haben.
    Ich dilettiere ja nur in der Biologie, aber ich glaube nicht, dass man kulturelle Phänomene wie die soziale Interaktion evolutionär (biologisch) erklären kann. Du kannst mir jetzt sicherlich ein einzelnes Beispiel liefern, bei dem es einleuchtet, aber in der Summe halte ich das für eine abwegige Vorstellung. Es würde darauf hinauslaufen – denn so funktioniert ja die Evolutionstheorie -, dass Individuen, die in ihrer spezifischen Mutation der Umwelt besser angepasst sind, Vorteile etwa gegen Fressfeinde haben. Evolution beruht ja gerade nicht auf bewussten Entscheidungen, sondern auf zufälligen individuellen Eigenschaften, die vom Individuum aber nicht beeinflusst werden können. Ich glaube aber, dass Verhalten etwas mit Bewusstsein zu tun hat, mit Entscheidungen, Prägungen, epistemischen Grundlagen und Diskursen, kurz mit Kultur. Und die wandelt sich oft so schnell, dass ich mit evolutionären Begrifflichkeiten gar nicht weiß, wie ich ihr beikommen sollte. Deshalb muss ich aber wirklich nicht auf Metaphysik oder Religion zurückgreifen.
    Noch eine letzte Anmerkung: ich weiß, dass “naturwissenschaftlich” denkende Philosophen wie Popper von einer immerwährenden Falsifizierbarkeit ausgehen und das sie deshalb also nicht davon ausgehen, dass irgendwann die “Wahrheit” entdeckt wird. Das verbindet Popper im Übrigen mit einem kulturwissenschaftlichen Denken, das sich ja nicht per se gegen Logik und Falsifizierbarkeit wendet, sondern eben nur gegen Absolutheit. Dennoch sind “naturwissenschaftliche” Ansätze immer darauf aus, sich einem hypothetischen Ideal anzunähern: Die neue Theorie löst ja immer eine alte ab, weil sie einen “Sachverhalt” besser zu erklären vermag. Sie teilen dabei also mit dem metaphysischen Denken den Rekurs auf etwas Externes, was unabhängig von der Betrachtung besteht (darum ist Heisenberg auch immer ein so neuralgischer Punkt, weil er ja die neutrale Beobachtung in der Physik bestritten hat).

    • Hallo Bartlebooth,

      die Postmoderne war ja nicht das eigentliche Thema: Obwohl Wuchterl ihr ein ganzes Kapitel widmet (vor allem der “transversalen” Vernunft von Wolfgang Welsch), sie im übrigen vehement kritisiert.

      Ich betrachte die Postmoderne keineswegs als “Gegner”, habe sie aber immer (sofern man sie den tatsächlich definieren kann) als eine indiskutable Position angesehen (die aber in ihrer ursprünglichen Ausprägung sicher schon der Vergangenheit angehört). Trotzdem findet man diese Denkversatzstücke auch heute noch (und häufig in Zusammenhang mit Dingen wie den Gödelschen Sätzen oder der Unschärferelation), die dann als naturwissenschaftlich-logische “Grundlagen” für die eigene Haltung in Anspruch genommen werden. Indiskutabel deshalb, weil die dort vertretene “Beliebigkeit” kein Nebenprodukt dieses Denkens ist, sondern ein konstituierendes Moment: Über relativistische Positionen wird entweder der Begriff der Wahrheit gänzlich abgeschafft oder aber es gibt viele Arten von “wahr”, zwischen denen man – angeblich – nach rationalen Kriterien (und die Rationalität wird ja auch teilweise abgelehnt – wie aus dem Lyotard-Zitat ersichtlich – oder wenigstens stark eingeschränkt) nicht mehr entscheiden kann.

      Ich sehe allerdings nicht, wie Philosophie oder Wissenschaft ohne den Begriff der Wahrheit auskommen (die wir erreichen können ohne es allerdings mit Bestimmtheit zu wissen). Worüber wir immer uns den Kopf zerbrechen, was immer wir uns vornehmen zu erforschen – immer wollen wir in diesem Denken und Forschen wissen, wie es “wirklich” ist, wir haben einen Begriff von Wahrheit im Kopf (schon deshalb, weil wir das Falsche oft leichter erkennen können: Lösungen, die sich nicht bewähren, die allen Erfahrungen widersprechen, kontraproduktiv sind). “Gegner” war mir die Postmoderne insofern, als dass ich in Diskussionen häufig mit wahrheitsrelativierenden Aussagen konfrontiert wurde, wobei mir dann häufig vorgeworfen wurde, dass ich mit “meiner Logik” das Echte, Essentielle, Tieferliegende (was auch immer) gar nicht erreichen könne. Ich wäre auch gern bereit (gewesen), diese “meine” Logik gegen etwas anderes einzutauschen: Aber da war nie etwas außer dem Vorschlag, eine Menge koexistierende Vorschläge, Lösungen, Theorien schlicht als gleichberechtigt gelten zu lassen. Nun gibt es aber bessere und schlechtere Problemlösungen, einige Mittel sind weniger gut geeignet einen Zweck zu erreichen als andere. Der Vergleich dieser Mittel kann aber wieder nur über logisch-rationales Argumentieren erfolgen (wenigstens wüsste ich nicht, wie das sonst gehen sollte).

      In diesem Zusammenhang ist auch die Heisenbergsche Unschärferelation bzw. die Abhängigkeit vom Beobachter kein Problem: Solange diese Abhängigkeit nicht individuell formuliert wird. Forscher A wird dieselben statistischen Ergebnisse erzielen wie Forscher B: Damit ist die Nachprüfbarkeit, Intersubjektivität gewahrt. Heisenberg ist keinesfalls deshalb ein “neuralgischer” Punkt für Popper (oder Einstein), weil durch ihn der Beobachter in den Mittelpunkt rückte, sondern aufgrund der zufällig-statistischen Interpretation der Ereignisse. Diese hat nämlich die Aufgabe der absoluten Kausalität zur Folge – und hier liegt das wahre Problem für Popper, Einstein. (Ich habe das Problem im Text wohlweislich vermieden (weil weit abseits führend), nur indirekt flapsig darauf hin gewiesen, das wir mit unserer mesokosmischen Ausstattung nicht alles zu verstehen in der Lage sind.) Und selbstredend sind die Annahmen nicht metaphysikfrei: Das habe ich auch erwähnt. (Zu diesen “metaphysischen” Annahmen zählt u. a. die Vorstellung einer unabhängigen Außenwelt.)

      Ich halte die Postmoderne nicht für eine kritisierbare, philosophische Position, sondern für ein Lebensgefühl (das häufig technikfeindlich ist). Über dieses Gefühl lässt sich nicht diskutieren (es ist da oder nicht da), auch lässt sich nur eingeschränkt darüber diskutieren, ob diesem Gefühl mit einem bestimmten Text adäquat Ausdruck verliehen wurde.

      Du schreibst von Lyotard auch als “Provokateur”: Was wohl so zu verstehen ist, dass er eine extremere Position einnimmt als er in Wirklichkeit vertritt. Das will mir aber immer ein wenig wie ein billiger Trick erscheinen, bei Feyerabend war dies ähnlich: Wurde er auf die Unhaltbarkeit einer Ansicht hingewiesen, hat er sie nachträglich als bloß provokativ ettiketiert und sich der Diskussion entzogen. Im übrigen – welche Kulturwissenschaftler hattest du im Sinn (außer Foucault), welche zu lesen sich lohnen würde?

      Was deine Ausführungen zu Wuketits betrifft, so vermute ein Missverständnis, eine Art von Irrtum, ein Definitionsproblem (von Kultur) – was auch immer. Du schreibst: “Kulturwissenschaftlich kann man nun gegen den von dir zitierten Satz von Herrn (?) Wuketits Einiges sagen. Und zwar ganz ohne Theologe zu sein. Wieso sollte es denn klar sein, dass menschliches Verhalten ein Produkt der Evolution ist. Dafür müsste man ja erst einmal schlüssig beweisen, dass Bewusstsein, Verhalten u. dgl. mehr genetisch codiert ist. Das ist bisher wenigstens meines Wissens nicht geschehen.” Menschliches Verhalten ist also für dich (zumindest sei das bislang unbewiesen) kein Produkt der Evolution. Woher aber soll es sonst kommen?? Unser ganzer Körper ist durch die Vererbung, die Gene bestimmt, für spezifisches Verhalten (man denke an die Graugansgeschichten von K. Lorenz) sind wir offensichtlich vorprogrammiert. Und wir können uns insgesamt nur im Rahmen des uns genetisch Möglichen irgendwie verhalten. Wir sind nicht determiniert (das Maß an Freiheit nimmt offenkundig mit “höherer” Entwicklungsstufe zu), aber wir sind keineswegs völlig frei in unserem Verhalten. Gerade die Entwicklung von Bewusstsein, Geist (nebst verschiedener sprachlicher Derivate) scheint mir bei weitem nicht so rätselhaft wie oft dargestellt (die wirkliche Schwierigkeiten sind wohl im Schritt zu den ersten Replikatoren zu finden).

      Schon bei Einzellern lässt sich ein bestimmtes “Verhalten” feststellen (indem die Bewegungsrichtung über Rezeptoren so ausgerichtet wird, dass sie in Richtung potentieller Nahrung (bestimmter Molekülverbindungen, die eingebaut werden können) weist). Wir haben also schon bei sehr “primitiven” Lebewesen ein spezifisches Verhalten, entsprechend der Weiterentwicklung der Sinnesorgane (also all der Rezeptoren, die in irgendeiner Weise auf die Umwelt reagieren) verändert sich auch das Verhalten (ansonsten wären “Sinnesorgane” sinnlos). Wenn man die Entwicklung weiter verfolgt, sieht man bei fast allen Arten die Ausbildung eines bestimmten Sozialverhaltens (innerhalb der Art), das sich offenkundig evolutionär bewährt hat. Die genetische Ausstattung muss ein solches Sozialverhalten zulassen bzw. hat es begünstigt (sonst gäbe es überhaupt kein Verhalten: Das Jagdverhalten eines Fleischfressers muss diesem das Überleben garantierten – und dieses Jagdverhalten ist je nach Art genetisch festgelegt). Wenn wir nun darin übereinstimmen, dass etwa das Jagdverhalten meines Katers Merlin genetisch programmiert ist, dann sollte es ebenso selbstverständlich sein, dass auch dessen Sozialverhalten (das im übrigen sehr zweifelhaft ist – aus menschlicher Sicht) von seinen Genen abhängt. Und wenn das bei einer Katze so ist, so kann ich einfach nicht erkennen, warum es bei einem Menschen anders sein sollte (unsere Herkunft aus dem Tierreich – besser eigentlich – unser Gehören zum Tierreich – ist ja offenkundig). Menschliches und tierisches Verhalten unterscheidet sich nur artspezifisch.

      Unser gesamtes Verhalten ist also primär durch unsere Gene bestimmt. Das, was wir als menschliche Kultur bezeichnen, hat also (und damit bin ich bei Wuketits) die menschliche, genetische Ausstattung als Grundlage. (Kultur gibt es im übrigen auch bei Primaten: Schimpansenpopulationen entwickeln regional verschiedene Verhaltensweisen, was etwa den Werkzeuggebrauch betrifft. Diese kulturellen Errungenschaften werden natürlich nicht weitervererbt, sondern weitergegeben – durch Lehren und Lernen). Der Unterschied zur menschlichen Kultur besteht vor allem darin, dass wir durch die Schrift imstande waren, diese Lehr- und Lernkultur über Generationen zu kultivieren, sodass bei uns einmal entwickelte Verfahrensweisen (Fortschritte? – das Wort impliziert so viele falsche Assoziationen, dass ich es lieber vermeiden würde) nicht (oder kaum) mehr verloren gehen.

      Ich halte es auch für problematisch, dass Bewusstsein oft als “emergente Eigenschaft” eines sich weiter entwickelnden Gehirnes bezeichnet wird, da mit dieser Benennung suggeriert wird, dass Bewusstsein etwas spezifisch Menschliches und plötzlich Auftretendes sei. Unsere Tierwelt (mit dem Menschen als dem Tier, dass das größte Gehirn hat) zeigt aber das Gegenteil: Vom Grottenolm und der Weinbergschnecke über Katzen, Schimpansen und Bonobos werden uns verchiedene Stufen von “Bewusstsein” präsentiert (wobei die Tendenz zu einem größeren Gehirn und damit der Ausprägung dieses Bewusstseins in der Evolution zu beobachten ist): Der Einzeller hat ein anderes Selbstverständnis als der Olm, mein Kater hat aber schon durchaus Persönlichkeit (die individuellen Ausprägungen verstärken sich) – bis hin zu uns Menschen. Aber das, was wir Bewusstsein nennen (etwas, das mit unserem “hochentwickelten” Gehirn zusammenhängt) ist zum einen selbstverständlich genetisch bedingt (der Bauplan fürs Gehirn finden sich ebenso in den Genen wie der für meine Vorderzähne), zum anderen nichts, was nur uns Menschen in einer irgendwie “wunderbaren” Form zukommen würde. Unsere Gene erlaubten uns aber ein System zu entwickeln, das generationenübergreifende Erfahrungen vermitteln kann (eben über die Sprache bzw. die Schrift).

      Jedenfalls kann ich nirgendwo eine genetisch nicht beeinflusste Kultur entdecken, alle menschliche Kultur ist durch den Menschen – dieser hinwiederum durch seine Gene bestimmt (nicht vorbestimmt: Das größere Gehirn verschafft uns auch größere Unabhängigkeit, größere Flexibilität: Wir haben – im Gegensatz zu Tieren – ein mehr an Reaktionsmöglichkeiten auf Bedrohungen, wobei wir in Extremsituationen noch immer stark determiniert reagieren – was möglicherweise auch ganz gut ist). Dieses mehr an Reflexion hat sich evolutionär bewährt, deshalb sind die ersten “klügeren” Menschen auch nicht ausgestorben, sondern haben sich weiter vermehrt. Und dies ist auch der Grund, weshalb du davon sprechen kannst, dass deine Entscheidungen “auch” kulturell bedingt sind: Die Fähigkeit des Relativierens, Erwägens, Nachdenkens etc. sind das Ergebnis unseres Gehirns (und dies ist ein Produkt der Evolution). Und auf diese Weise haben sich auch Verhaltensregeln, Moralkodices entwickelt: Über die Möglichkeit der Zusammenarbeit innerhalb einer Art bzw. in einer Gruppe, die für diese Gruppe vorteilhaft waren (etwa die Befriedigung eines Sicherheitsbedürfnisses in der Gruppe: Man soll sich gegenseitig nicht erschlagen – und wenn doch, hat der Betreffende mit Konsequenzen zu rechnen). Ethik und Moral sind ebenso wenig etwas Transzendentes wie das Jagdverhalten: Sie sind unter bestimmten Voraussetzungen notwendig, um Über- und Weiterleben zu garantieren.

      Wir können innerhalb unserer Kultur nur im Rahmen unseres “Mensch-Tier-Seins” agieren: Und das Gehirn ermöglicht uns eine größere Unabhängigkeit. Der von dir apostrophierte Lamarckismus wird möglich durch die Fixierung und anschließende Weitergabe des “Mems” (ohne jetzt Dawkins allzu ausführlich bemühen zu wollen), dieser “Lamarckismus” ist tatsächlich eine Art “künstlicher” Evolution. Das ändert aber nichts an der Richtigkeit von Wuketits’ Diktum: Wir kommen aus der Natur, der Evolution und tun gut daran, das nicht zu vergessen, es auch zu berücksichtigen. Alle unsere kulturellen Überbauten sind durch den Menschen und seine Gene entstanden, durch unser Sein bedingt. Und eine evolutionäre Betrachtungsweise der menschlichen Errungenschaften kann nicht nur in der Epistemologie uns vor Überspanntheiten bewahren (dort aber im besonderen), sondern muss auch den gesellschaftlich-kulturellen Teil umfassen.

      ——————

      Stellt sich die Frage, ob wir diese Diskussion nicht ins Forum auslagern sollten.

      • Bartlebooth sagt:

        Hallo scheichsbeutel,

        es sind ja so viele Themen, die du anschneidest, da muss ich, glaube ich, scheibchenweise antworten. Für eine Diskussion im Forum wüsste ich gerade nicht so recht das [i]eine[/i] Thema, das ich herausgreifen sollte, aber tu dir keinen Zwang an, wenn es etwas gibt, was dich besonders interessiert.
        Ich kenne natürlich die Logozentrismuskritik der Poststrukturalisten (ich wähle jetzt einfach mal einen Terminus, der mir näher liegt), allerdings eher von Derrida und von Barthes. Gerade beim letzteren geht es ja gar nicht so sehr um “naturwissenschaftliche” Erkenntnis, die abgelehnt wird, sondern wir bewegen uns hier in einem sprachphilosophischen Kontext, es geht um eine semiotische Infragestellung der Eindeutigkeit. So verstehe ich auch Derrida.
        Erster Lektüretipp wären Barthes’ “Mythologies” (Mythen des Alltags). Beliebigkeit entdecke ich bei beiden nicht, es geht hier um die Funktionsweise von Sprache, darum das der Signifikant nicht auf ein eindeutiges Signifikat und schon gar nicht auf ein wie auch immer geartetes Ding an sich verweist. Das lässt sich linguistisch auch breit zeigen, und ich finde es nicht weiter beunruhigend. Es macht Verständigung nur ein bisschen anspruchsvoller.
        Ohne die emphatische “Wahrheit” kommen übrigens auch Leute wie Popper aus, der ja nicht etwa glaubt, dass sich Wissenschaft der Wahrheit annähert, sondern dass eine Theorie immer die nächste ablöst. Auch für die “Posts” geht es nicht um eine Wahrheitsfindung, obwohl es da selbst im Frühwerk des von mir hochgeschätzten Michel Foucault einige Entgleisungen gibt, sondern immer um eine Plausibilisierung innerhalb unserer Wirklichkeit, die man nicht nur von unserem Erkenntnisapparat nicht trennen kann (das sagt ja auch schon Kant), sondern die eben auch kulturell hergestellt (nicht durchdrungen) ist. Es ist nicht möglich, alle Kultur abzustreifen und in einen “fröhlichen Limbus der Nichtidentität” (Foucault) einzutreten, man kann auch nicht einfach alles dekonstruieren und gelangt dann zu einem zugrundeliegenden Wahren, sondern man muss Wirklichkeit nach der Dekonstruktion immer auch wieder rekonstruieren, damit sie intelligibel wird (Derrida). So leicht kommt die Philosophie ohne Wahrheit aus. das ist allerdings das Gegenteil von einem Dispens von einer Argumentation. Die Dekonstruktion macht nur oft sichtbar, welche inneren Widersprüche bei vermeintlich “Natürlichem” oder “Logischem” am Werke sind. Das zeigen etwa die Untersuchungen von Judith Butler oder Pierre Bourdieu (beide nachdrücklich zu Lektüre empfohlen)
        Die Posts sind natürlich kritisierbar. Aber für mich eine Theorie in deren Nachfolge dann zeigen, wie sie ihre eigenen blinden Flecken offenlegt und reflektiert, ihre eigenen erkenntnistheoretischen Grundlagen hinterfragt. Gerade in allem im weitesten Sinne Gesellschaftlichen halte ich das inzwischen für unabdingbar.
        Darum tue ich mir auch so schwer mit einer Soziologie oder Psychologie, die allzu naturwissenschaftlich argumentiert. Ich finde es ganz schwierig das Verhalten eines Einzellers, der auf eine Molekülverbindung zuschwimmt in einem Kontinuum mit der Frage zu sehen, ob und wann man Gewalt anwenden darf, ob sich Männer schminken dürfen oder ob und in welcher Weise Privateigentum verpflichtet zu sehen Ich glaube nicht, dass es auf solche Fragen genetische Antworten gibt, auch keine entwicklungspsychologischen oder stammesgeschichtlichen. Denn wie käme es denn dann, dass sie auf so unglaublich vielfältige Weise beantwortet werden. Die “naturwissenschaftliche” Lösung impliziert ja immer eine Norm und eine Abweichung, einen Zustand, wie er von der Natur vorgesehen ist und seine angebliche kulturelle Überformung. Ich weiß nicht, zu welcher Erkenntnis mich so ein Denken führen soll? Dass ich mich widernatürlich gegen meine genetische Programmierung stemme, wenn ich mich weigere Gewalt anzuwenden, wie es meine Ahnen getan haben? Um nur ein Beispiel zu nennen, das vielleicht klar macht, wohin wir damit gelangen. Es wird ja – gerade für Männer – oft postuliert, dass sie schon endokrinologisch gar nicht anders können, als gewalttätig zu sein (eine Behauptung, die auch in der Biologie im übrigen in Zweifel gezogen wird). Heißt das, man hat eine Hormonstörung, wenn man lieber spricht als zuschlägt? Das Problem an der “Wahrheit” ist ja immer ihre Unausweichlichkeit.
        Aber dieses Thema eröffnet ein so weites Feld, dass ich jetzt erst einmal einen Punkt machen will.

        Liebe Grüße, Bartlebooth

        ———————–

        Ich entschuldige mich, dass die obige Antwort am falschen Platz steht – vielleicht kann man sie verschieben? Außerdem für die vielen peinlichen Tippfehler. Ich kann leider nicht editieren.

        Ich habe sie nun hierherkopiert, werde die obere Antwort löschen. Wenn du dich anmeldest, steht dir aber die Möglichkeit des Editierens *glaub* zur Verfügung.

        • Hallo Bartlebooth!

          Den Wahrheitsbegriff genauer zu analysieren wäre sicher ein eigenes Unterfangen. Völlig falsch ist es aber (wenn auch in unserem Zusammenhang unwichtig) zu glauben, dass Popper ohne diesen Begriff von Wahrheit auskommen würde: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Der Begriff der Wahrheit ist für ihn unabdingbar (was er auch in fast allen seinen Büchern wiederholt betont), sein (m. E. fragwürdiger) Begriff der Wahrheitsannäherung lebt davon. Wahrheit ist schlicht für ihn etwas, ohne das wir (hier stimme ich ihm zu) nicht forschen können, wir müssen zumindest eine theoretische Vorstellung von ihr haben. Er spricht von der “Wahrheit als einem regulativen Prinzip” (Vermutungen und Widerlegungen S. 329 und passim), das unabdingbar ist, wobei er die Korrespondenztheorie der Wahrheit dabei im Auge hat (die er von Tarskis Wahrheistbegriff bestätigt sieht, zu Tarski etwa Skribekk (Hrsg.): Wahrheitstheorien, Die semantische Konzeption der Wahrheit und die Grundlagen der Semantik S. 140 – 189 (lesenswertes Buch bwz. lesenswerter Artikel, wenn wir schon bei Empfehlungen sind; dieser Bestätigung wird aber widersprochen, u. a. von H. Keuth (ich glaube zu Recht, aber die Beweisführungen sind sehr formal und theoretisch). Wobei ich Popper insoweit zustimme, dass wir ohne Ansätze zu einer solchen Korrespondenztheorie ebensowenig auskommen wie ohne die Annahme einer Wirklichkeit.

          “[…] es geht um eine semiotische Infragestellung der Eindeutigkeit. So verstehe ich auch Derrida. […] Beliebigkeit entdecke ich bei beiden nicht, es geht hier um die Funktionsweise von Sprache, darum, dass der Signifikant nicht auf ein eindeutiges Signifikat und schon gar nicht auf ein wie auch immer geartetes Ding an sich verweist.”

          Ja, aber das ist doch eine Trivialität, diesem Problem musste sich ja schon Carnap stellen (und merken, dass es sich trotz immer wieder geänderter Ansätze nicht in absolut zufriedenstellener Weise lösen lässt), dort wurde das Problem noch unter den Begriffen Intension/Extension abgehandelt. Niemand geht mehr von einem Abbildbegriff aus wie seinerzeit Wittgenstein im Tractatus, insofern ist es also nichts Neues, dass ein “Signifikant nicht auf ein eindeutiges Signifikat” verweist: Dann wären ja die Bemühungen von Carnap, Schlick & Co. von Erfolg gekrönt gewesen.

          “Die “naturwissenschaftliche” Lösung impliziert ja immer eine Norm und eine Abweichung, einen Zustand, wie er von der Natur vorgesehen ist und seine angebliche kulturelle Überformung.”

          Das scheint mir ein seltsamer Begriff von Naturwissenschaftlichkeit zu sein. Naturwissenschaft zeigt doch nicht nur “Zustände”, sondern auch, wie etwas entstanden ist, sich prozessual entwickelt hat und sie zeigt vor allem (nach Max Weber), was jemand machen kann, ev. machen will, aber natürlich niemals, was er machen soll. Naturwissenschaftliches Denken, Forschen stellt keine Vorschriften darüber auf, was irgendjemand tun soll (ob sich Männer schminken sollen), sondern versucht das, was ist, zu verstehen, nachvollziehbar zu machen. Und moral-ethische Normen können nie (naturwissenschaftliche) “Wahrheit” für sich in Anspruch nehmen: Sie können (und sollen) sich an naturwissenschaftlichem Wissen orientieren (etwa um die Sinnhaftigkeit, Durchführbarkeit, Durchsetzbarkeit von Normen zu hinterfragen). Insofern bin ich selbstverständlich ganz bei dir, diese Form des naturalistischen Fehllschlusses ist aber seit Jahrhunderten bekannt. Allerdings bedeutet das alles keinesfalls, dass die Naturwissenschaft nicht ganz Entscheidendes zur Frage von Moral und Sitten beitragen kann und dass sogar nur auf ihrer Grundlage vernünftige Entscheidung über solche Fragen möglich sind.

          Zur Frage des Privateigentums (selbst zur Frage des Schminkens) darf man die geschichtliche (auch evolutionäre) Perspektive nicht hintansetzen: Eine Analyse von Gruppenverhalten, sozialer Hierarchie, Besitzdenken, Außenseitertum kann uns zumindest einmal zeigen, ob derlei etwa bei Primaten (oder primitiven Kultueren, unserer eigenen Vorgeschichte) vorkommt, warum es vorkommt, welchen Zweck es dort erfüllt, wie damit umgegangen wird, wurde. Daraus kann ich vieles lernen: Ich kann zeigen, warum ein solches Verhalten unter den geänderten menschlichen Bedingungen obsolet ist, inwieweit Privateigentum (egoistischer Vorteil) ein Antrieb für Weiterentwicklung ist, wie tief dieser verankert ist und wie (wenn er denn als “schlecht” empfunden wird) er unterdrückt, sublimiert werden könnte (oder aber auch in Maßen ausgelebt).

          Das ist es, was ich mit naturwissenschaftlicher, auch evolutionäer Betrachtungsweise meine: Unsere eigene Primatenzeit liegt so lange noch nicht zurück, unser Verhalten ist von dieser Zeit stark geprägt, auch wenn es sich jetzt als scheinbar kulturell völlig losgelöstes Verhalten präsentiert. Vielleicht ist das Schminkbeispiel (weil es so weit hergeholt wirkt) dennoch ein gutes Beispiel: Was bewegt Menschen (Tiere) dazu, “schön”, spektakulär erscheinen zu wollen, warum hat sogar die blinde Evolution “sinnlose” Pfauenschwänze ausgebildet (ausführliche Analyse bei Dawkins u. v. a.), welche Funktionen haben Bemalungen, Tätowierungen in “primitiven” Gesellschaften (und bei uns – möglicherweise sind ihre Funktionen sehr ähnlich etc.), wodurch wurden die oft strengen Kleidungsregeln ausgebildet usf. Das kann man nicht nur unter wissenschaftlichem Gesichtspunkt analysieren, das muss man m. E. sogar tun, um sich über unsere (vielleicht versteckten) Antriebe klar zu werden (und auch klar zu werden darüber, warum es Menschen gibt, die so etwas nicht tolerieren wollen). Losgelöst von dieser wissenschaftlichen Betrachtungsweise führt das zu fruchtlosen, rein akademischen Diskussionen. (Von wegen Buchempfehlung: Ich kann dir etwa Frans de Waal empfehlen: Sehr gut lesbare Bücher über das Verhalten von Primaten, in denen ich aber ungleich mehr über das menschliche Verhalten gelernt zu haben meine als auf tausenden von Kulturphilosophen oder Soziologen beschriebenen Seiten.)

          “Ich glaube nicht, dass es auf solche Fragen genetische Antworten gibt, auch keine entwicklungspsychologischen oder stammesgeschichtlichen. Denn wie käme es denn dann, dass sie auf so unglaublich vielfältige Weise beantwortet werden.”

          Man soll diese Fragen (wie du weiter anführst) doch nicht auf “naturwissenschaftliche” Weise lösen, sondern die Naturwissenschaft als Basis zu ihrer Lösung heranziehen. (Du scheinst mir eine Meinung zu unterstellen, die ich nie und nirgends vertreten habe: Dass nämlich Moral-, Ethikfragen insofern naturwissenschaftlich “gelöst” werden können, dass auf sie eine eindeutige Antwort gefunden werden kann. Das aber ist nicht einmal in der Physik möglich – und grundsätzliche Moral- und Ethikfragen sind dezisionistisch und können niemals Allgemeingültigkeit beanspruchen.) Gerade dein Beispiel von Gewalt scheint doch ideal geeignet, um auf der Basis unserer Vergangenheit Lösungen zu finden, wie wir sie (da wir nun einmal beschlossen haben, auf gewaltfreie Methoden zu setzen) in Konflikten – ob zwischen Völkern oder im Privatbereich – vermeiden können. Dazu muss aber die zur Aggression neigende Verfassung des Menschen anerkannt werden (du begehst ja selbst einen naturalistischen Fehllschluss, in dem du das Faktum Vergangenheit mit “Richtigkeit” gleichsetzt), die Gewalt muss wahrscheinlich auch in Maßen toleriert werden bzw. es müssen Methoden gefunden werden, wie sie (weil latent immer vorhanden) nicht mehr zum Ausbruch kommt. (Das alles unter der Voraussetzung, dass wir eben als Menschen es für gut halten, unter den gegebenen Umständen Gewalt so weit als möglich zu vermeiden.*) Die Antworten, wie wir mit unserem Gewaltpotential besser umgehen können, scheinen mir also nur aufgrund genetischer (der uns weitgehend angeborenen Aggressivität) und historisch-anthropologischer Analysen möglich zu sein. Wenn diese naturwissenschaftlichen Überlegungen hintan gehalten werden, kommt es zu möglicherweise vollkommen realitätsfremden Maßnahmen, die dann (weil sie sich um die “Natur” des Menschen so gar nicht scheren) das Gegenteil bewirken können. (Eine solche akademische Papierlösung war etwa auch der Marxismus, sind fast alle Utopien von Morus und Campanella bis zu New Age-Bewegungen. Sie haben ein Menschenbild, das mit der Realität nichts zu tun hat.)

          Also Beispiel Gewaltfreiheit: Die Entscheidung für (oder gegen) Gewaltfreiheit ist prinzipiell dezisionistischer Natur. (Aber selbst für diese Entscheidung werden höchstwahrscheinlich rational-historische Überlegungen ausschlaggebend sein: Die Kriege, die Gewalt der Vergangenheit haben gezeigt, dass andere Lösungen besser für den Menschen sind – unter der Voraussetzung (die wieder dezisionistisch ist), dass wir das Wohlergehen des Menschen für etwas Wertvolles halten.) Wenn wir uns für die Gewaltfreiheit entscheiden, müssen wir den status quo analysieren: Unsere individuelle bzw. auf Gruppen bezogene Aggressionsbereitschaft. (Wenn wir diese Bereitschaft ignorieren, werden die Lösungen nicht adäquat sein.) Können wir die Gewalt unterdrücken, sublimieren, anderweitig ausleben – welche Funktionen hatte sie in der Vergangenheit (und was müssen wir daher vermeiden, um die Aggressionsbereitschaft niedrig zu halten?), wie also soll das Ziel der Gewaltfreiheit erreicht werden, wie soll man mit Menschen umgehen, die sich dem nicht unterordnen können (wollen) etc. Das alles sind Fragen, die aufgrund von Fakten beantwortet werden müssen, wenn auch die Entscheidung letztendlich eine willkürliche ist (die für Gewaltfreiheit – besser noch: Diejenige, die das Wohl des Menschen für etwas Wichtiges hält). Ich sehe nicht, wie man ohne Berücksichtigung “wissenschaftlicher” Fakten bzw. eines streng rationalen Vorgehens solche “kulturell-sozialen” Fragen lösen können soll. Die Alternative wäre, Gewaltfreiheit zu dekretieren (als eine Art kultureller Errungenschaft) – und blauäugig verwundert festzustellen, dass die Menschen sich nicht dran halten.

          Zu den von dir vorgeschlagenen Autoren (ich habe meine diesbezügliche Antwort überarbeitet und “geschönt” ;-)): Ich meine von sämtlichen Autoren schon etwas gelesen zu haben (nur bei Butler bin ich mir nicht sicher). Derrida bleibt für mich außen vor, über den habe ich mal etwas geschrieben (ich hatte das verdrängt, ist mir erst vor kurzem wieder unter die Augen gekommen), das ist für mich fast unerträgliches Wortgeklingel (um es vorsichtig auszudrücken). Bei Barthes habe ich mich gelangweilt (die Mythen kenne ich, dazu könnte ich mich aber vielleicht überwinden, vor allem weil sie recht kurz sind), Bourdieu scheint mir überholt (die “feinen Unterschiede” sind etwa methodisch als sehr fragwürdig beurteilt worden). Ich dachte eher an “neue” Autoren, die in diesem Jahrtausend veröffentlich haben. Aber angesichts des sich bei mir türmenden Bücherstapels könnte ich ohnehin kaum sagen, wann ich Zeit finden würde.

          Liebe Grüße

          s.

          Ich weiß nicht, ob ich auf alles eingegangen bin: Aber ich hoffe vor allem an dem Beispiel der Gewaltfreiheit klar gemacht zu haben, wie ich mir die Einbindung von Wissenschaft in kulturell-sozialen Fragen vorstelle und weshalb ich diese Einbindung auch für unbedingt notwendig halte.

          *) Allerdings hat uns Hitler gezeigt, dass konsequenter Pazifismus keine endgültige Lösung ist: Denn dies setzt die Anerkennung der Gewaltvermeidung, den Konsens bereits voraus.

          • Bartlebooth sagt:

            Lieber Scheichsbeutel,

            Um die Diskussion hier nicht total zu zerfasern, lass uns einfach beim Zentrum bleiben und fragen: Was gewinnst du denn bei deiner Argumentation durch eine Naturalisierung? Was bleibt den von einer Fundierung praktisch aller Phänomene in der Natur übrig, wenn ich dann gleichzeitig sage: Das hat keine normative Implikation und das hat individuell auch keine handlungspraktische Implikation (kollektiv hat es die ja, wenn ich dich recht verstehe)?

            Bleiben wir beim Gewaltbeispiel. Du leitest eine Sache und ihr Gegenteil gleichermaßen aus der Natur ab: Der Impuls zu Gewalt liegt in der Natur (nicht mal nur in der menschlichen, deine Implikation reicht ja viel weiter, wenn du menschliches Verhalten aus tierischem bis hin zu Mikroben ableitest); zugleich liegt in der Natur aber auch die Möglichkeit, sich gegen Gewalt zu entscheiden (das, was du immer als “Dezisionismus” ins Spiel bringst). Was bedeutet denn dann “es liegt in der Natur”? Was bedeutet dann der Aphorismus des Frans de Waal, man könne den Affen aus dem Dschungel, aber nicht den Dschungel aus dem Affen holen? Kann sich der Affe also nicht gegen Gewalt entscheiden? Wenn das so ist, warum gibt es gewalttätigere Affen(arten) als andere? Kann er es doch, inwieweit ist es relevant für das Ergebnis, dass beides “natürlich” da ist?

            Mir will scheinen, du postulierst eine natürliche Grundlage und dann postulierst du eine ebenfalls natürliche Gegenkraft, die immer mit ihrem genetischen Erbe kämpft. (Oder tut sie das? Ist sie nicht selbst auch genetisch? Wenn beide gleichrangig genetisch und natürlich sind, was soll dann die Aufspaltung? Oder ist Gewalt doch irgendwie natürlicher als Gewaltverzicht? Woran machst du das fest?) An schwierigeren Stellen wird dann nicht mehr die Genetik, sondern am Ende doch die Kultur in Form von Naturvölkern, Affen oder gar der Geschichte bemüht. Wie das genau zusammengeht, müssen wir gar nicht diskutieren (obwohl ich es tatsächlich nicht verstehe), mich interessiert: Was macht denn derweil die natürliche Grundierung? Welche Auswirkung hat sie denn? Hat sie welche? Ist sie von der kultürlichen Dimension überhaupt getrennt zu denken?

            Wenn du die Natur als Grundlage nicht als Entschuldigung für irgendein Verhalten gelten lassen willst (eine normative Dimension schließt du ja aus), welchen Sinn hat sie dann? Und welchen Erkenntnisgewinn bringt sie gerade in normativen Fragen?
            Ich nehme entsprechende Debattenbeiträge ganz anders war, nämlich so, dass allem Natürlichen selbstverständlich ein normativer Vorrang gegeben wird. Das mag ein uralter naturalistischer Fehlschluss sein, aber wirkmächtig ist er noch immer.

            P.S. Editieren kann ich leider wirklich nicht, außer ich muss mich an einer Stelle einloggen, die ich noch nicht gefunden habe.

          • P.H. sagt:

            Hallo Bartlebooth
            Damit Du editieren kannst, müssten wir Dich als Benutzer im Blog aufschalten. Sollen wir?
            Grüsse
            sandhofer

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