Arno Schmidt: Mein Herz gehört dem Kopf, D 2014 – Oliver Schwem

Im Auftrag von Radio Bremen, in Zusammenarbeit mit Arte, ca. 60 Min. + ca. 75 Min. Bonusmaterial. (Zum 100. Geburtstag von Arno Schmidt erschienen, der letztes Jahr gefeiert wurde.)

Dieser Dokumentarfilm versucht, sich anhand der Freundschaft zwischen Schmidt und Wilhelm Michels an den Autor anzunähern. Es sei gleich vorweg genommen: Das gelingt ihm nicht. Die Idee, sich Schmidt über eine zwischenmenschliche Beziehungsform wie ‚Freundschaft‘ anzunähern, ist schon vom Prinzip her zum Scheitern verurteilt: Arno Schmidt war zu sehr Einzelgänger, zu sehr in sein literarisches Schaffen verbohrt, als dass er für solche Ephemera wie ‚Freundschaft‘ oder ‚Liebe‘ ein mehr als literarisch-theoretisches Interesse hätte aufbringen können. Er hat ja selbst seine Ehe mit Alice seinem Schreiben untergeordnet. (Alice Schmidt ist auch die grosse Verliererin in diesem Film: Ausser, dass sie gerne noch mehr schwimmen gegangen wäre, und dass Arno, wenn das Paar dann überhaupt mal ans Wasser ging, am Rande des Teichs oder Pools blieb, komplett angezogen, Hemd, Hose, Schuhe, ärmelloser Pullover, nur gerade, dass er keine Krawatte trug – ausser dieser kuriosen Tatsache also, erfahren wir nichts über sie und/oder die Beziehung der beiden.) Über sein Privatleben kommen wir Arno Schmidt also keinen Deut näher. Interessanter wäre, wenn überhaupt eine private oder zumindest semi-private Beziehung als Ausgangspunkt dienen sollte, wohl die zwischen Schmidt und Alfred Andersch gewesen. Immerhin hatte Andersch dem Einzelgänger Schmidt die Möglichkeit geboten, mehrere Funk-Essays, v.a. zur deutschen Literatur, zu verfassen – gegen Entgelt. Wilhelm Michels zwar schickte dem Ehepaar Schmidt immer wieder Fresspakete, sie unternahmen gemeinsame Ausfahrten und nach seiner Pensionierung zog das Ehepaar Michels ebenfalls nach Bargfeld – allerdings ans andere Dorfende. (Doch da war die Freundschaft schon so ziemlich erkaltet.) Bei aller Dankbarkeit gegenüber Michels: Im Grunde genommen konnte es Schmidt wohl nicht verkraften, in der Schuld eines Mitmenschen zu stehen. Bei Andersch konnte er sich immerhin damit beruhigen, dass er ja eine mindestens so wertvolle Gegenleistung lieferte, mit Andersch also mehr oder weniger auf Augenhöhe verkehrte. Michels war ihm hingegen intellektuell-literarisch nicht gewachsen, konnte ihn allenfalls bewundern, aber nichts für Schmidt Wesentliches nachvollziehen, was das Verhältnis völlig verzerrte.

So können auch abgefilmte alte Schmidt’sche Fotografien oder umkopierte private Super-8-Filme dem TV-Zuschauer das Wesen und das Werk von Arno Schmidt nicht näher bringen. (Von der, wie meist bei Dokumentarfilmen, die sich intellektuell-literarisch geben wollen, absolut unmöglichen und unpassenden Zwischenmusik mal ganz zu schweigen.) Die von der Schauspielerin Mechthild Großmann vorgetragenen Zitate aus Schmidts Werk, die immer mal wieder dazwischen geschoben werden, sind zwar wunderbar gelesen – aber fürs Verständnis von Schmidt irrelevant. (Dass Schmidt sie ganz anders gelesen hätte, hört man übrigens in den wenigen Tondokumenten, die Schwem einstreut.) Interviews mit Experten werden ebenfalls geliefert: Hermann Wiedenroth (den ich bisher nur als Herausgeber von Karl Mays Werken kannte, zusammen mit Hans Wollschläger; Wollschlägers Beziehung zu Arno Schmidt war mir bekannt, eine ebensolche von Wiedenroth nicht – Wollschläger der grosse Fehlende in diesem Film), Uwe Timm (bei dem mir selbst eine indirekte Beziehung zu Arno Schmidt unbekannt ist), die französische Schriftstellerin Marie Darrieussecq (von der ich vorher auch noch nie gehört hatte, hier stellt sie wohl – wegen der Zusammenarbeit mit Arte – die Quotenfranzösin dar; sie hat aber eindeutig Arno Schmidt gelesen, ich komme gleich darauf zurück) und natürlich Jan Philipp Reemtsma (auf ihn komme ich auch gleich). Die ehemalige Haushälterin der Schmidts stellte in dieser zum Teil recht bemühten Serie von Interviews eine erfrischende Abwechslung dar.

Über die Beiträge von Wiedenroth und Timm kann ich wenig sagen; sie haben auch mir wenig gesagt. Marie Darrieussecq hingegen wagte etwas, was wohl kein deutscher Kritiker oder Autor gewagt hätte: Sie  stellte Arno Schmidt ganz offen in die Tradition der Science Fiction. Die ganz andere französische Rezeption von Literatur, die nicht zwischen U und E, zwischen trivialler und gehobener Litaratur, unterscheidet, macht sich bei ihr bemerkbar. Sie kann so einen erfreulichen, weil erfrischenden Standpunkt einnehmen. Sie scheut sich denn auch nicht, die ‚trivialen‘ Wurzeln des Schmidt’schen Schreibens gnadenlos, aber keineswegs herabsetzend, bloss zu legen. (Die deutsche Kritik rechnet Schmidt ja zur ‚gehobenen‘, verehrt ihn oder macht ihn herunter, je nach dem.) Daneben (ich weiss nicht mehr, ob das auch von ihr stammte, oder von andern eingeworfen wurde) wurde dem Hörer als Interpretationsansatz zu Schmidt nur noch die Insel-Motivik angeboten. Tatsächlich spielen viele Romane Schmidts auf einer Insel oder in einer Insel-artigen Umgebung (wie z.B. dem Mond). Mit Defoes Robinson Crusoe hat das allerdings wenig zu tun.

Hier wäre der Punkt gewesen, auf Schmidts Werke näher einzugehen. Leider wurde ausser ein paar Zitaten und dem einen oder andern Hinweis auf Schmidts ganz eigene Orthographie nichts geboten. Dass diese Orthographie systematisch angelegt war, und nicht nur ein paar dialektale Verschleifungen andeuten sollte, sondern eine ganze pseudo-freudianische Etym-Theorie dahinter steckte – man wollte wohl den Zuseher nicht zu sehr belasten, hatte wohl auch selber keine Ahnung.

Alles in allem bleibt so das Bild eine schrulligen Einzelgängers, die gehoben-literarische Version eines Gartenzwergs. Mit diesem Bild haben wohl auch alle die abgeschaltet, die den Dokumentarfilm im TV gesehen haben. Zum Glück schaue ich nie fern, und habe mir den Film als DVD kaufen müssen. Denn die DVD enthält noch über 70 Minuten Bonusmaterial – das meiste wird eingenommen durch das vollständige Interview mit Jan Philipp Reemtsma. Es lohnt sich, diese 70 Minuten durchzuhalten. Reemtsma – obwohl auch er wie Michels eher verehrender Freund und Mäzen war als gleichberechtigter Autor – ist dem Wesen Schmidts nahe genug gekommen, um ihn einigermassen genau schildern zu können. (Dass dem gestandenen Mannsbild auch heute noch die Tränen kommen, wenn er davon erzählt, wie er bei Schmidts Tod praktisch im Nebenzimmer stand und mit Alice diskutierte, sei nur nebenbei erwähnt.) Reemtsma hat ja damals nach Schmidts Tod auch zusammen mit Alice die Arno Schmidt Stiftung ins Leben gerufen, die wohl auch zum vorliegenden Dokumentarfilm einiges an Wissen und Material beigetragen hat.

Alles in allem also empfehle ich, wenn überhaupt, die Ausgabe auf DVD. Sie ist auch im Buchhandel erhältlich.

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