Dante Alighieri: Abhandlung über das Wasser und die Erde

Diese kurze Abhandlung hat eigentlich nur am Rande mit Dantes grossem literarischem Werk, der Commedia zu tun – nur insofern eigentlich, als das hier vorgestellte Weltbild natürlich auch dort gültig ist. Es ist – u.a. deshalb – auch von vielen Experten bestritten worden, dass die Abhandlung über das Wassser und die Erde überhaupt von Dante Alighieri stammt. Es sprechen auch andere formale und inhaltliche Gründe dagegen. Formale zum Beispiel im Umstand, dass wir hier ein klassisch-schulmässiges Werk vor uns haben. An den Universitäten war es zu jener Zeit gang und gäbe, dass ein Problem in Form einer Disputation aufgenommen und dem Publikum vorgestellt wurden. Dabei nahm ein Redner eine Pro-Position ein, ein anderer vertrat die Contra-Argumente und zum Schluss übernahm ein Moderator oder Schiedsrichter (wie wir heute sagen würden) die Aufgabe, die beiden Positionen nochmals gegeneinander abzuwägen und die eine oder andere als ‘Sieger’ zu erklären. Alle diese Reden folgten ihrerseits ganz bestimmten vorgeschriebenen Argumentationsgängen, die ihrerseits der klassischen in Aristoteles’ Gefolge entstandenen Logik bzw. deren Syllogismen zu folgen hatten. So eine ‘Schiedsrichter-Rede’ haben wir hier vor uns, und da Dante (hier muss ich eine Aussage korrigieren, die ich bei meinem Beitrag über das Schreiben an Cangrande della Scala gemacht habe) nur Laie war, kein zu Disputationen berechtigtes Mitglied einer Universität, und in der fraglichen Zeit am fraglichen Ort auch keine Laien-Disputation nachgewiesen werden kann, wird die Zuschreibung dieser Abhandlung an Dante natürlich bezweifelt. Kommt hinzu, dass das Problem von Wasser und Erde dann in der Commedia eine leicht andere Lösung gefunden hat, als die hier vorgestellte. Nun, Ruedi Imbach und seine Mitarbeiter hielten die Abhandlung für echt genug, um in ihre kleine Ausgabe der philosophischen Werke Dantes aufgenommen werden zu können.

Ich werde im Folgenden nur das Resultat der komplexen Denkbewegungen Dantes vorstellen. Es geht um das mittelalterliche Bild der Welt, bei dessen Darstellung Dante übrigens keineswegs vom philosophischen ‘Mainstream’ der Zeit abweicht.

flammoriDer geneigte Leser wird hoffentlich nicht mehr dem im 18./19. Jahrhundert aufgebrachten Aberglauben anhängen, dass das Mittelalter dachte, die Erde sei eine Scheibe. Verfestigt wurde dieser Aberglaube wohl durch das nebenstehende Bild – angeblich eine Illustration aus dem 15. Jahrhundert zu einer Legende des Mittelalters über einen Mönch, der den Punkt gefunden haben wollte, wo die Himmelssphären an die flache Scheibe der Erde stosse. Dummerweise war die Erde aber auch für die Gelehrten des Mittelalters bereits eine Kugel. Das Mittelalter hing der von Pythagoras eingeführten, von Aristoteles weiterentwickelten und schliesslich von Ptolemäus in eine für lange Zeit mehr oder weniger endgültige Form gebrachten Sphären-Theorie an. Da war es nun so, dass die Erde, als schwerstes Element, die innerste Sphäre darstellte. (Aber eine Sphäre eben, was im Mittelalter gleichbedeutend war mit einer idealen Kugel!) Darum herumgelegt war die Sphäre des zweitschwersten Elements, des Wassers. Noch weniger schwer, folgte die Sphäre der Luft, am wenigsten schwer von allen sublunaren Sphären war schliesslich das Feuer. Den Sphären der vier Elemente legten sich die Sphären der Himmelskörper an, angefangen beim Mond über die Sonne und die übrigen bekannten Planeten bis hin zur Sphäre der Fixsterne. Darüber gelegt war noch eine alle anderen bewegende himmlische Sphäre. Die scholastischen Theologen fügten dem Ganzen noch das Empyräum hinzu, den Aufenthaltsort Gottes sozusagen. Woraus messerscharf geschlossen werden kann, dass der Mensch, als Bewohner der Erde, sich in einem Zustand grösster Gottesferne befindet – was auch von Dantes Hauptlehrern, Albertus Magnus und Thomas von Aquin, so vertreten wird. (Dass es im scholastischen Denken auch andere Stimmen gab, sei hier ausgeblendet, um so mehr, als Dantes Abhandlung sich ausschliesslich mit der Naturphilosophie beschäftigt, theologische Implikationen bewusst beiseite lässt. Er folgt hierin Averroës bzw. den Averroisten des Mittelalters, die ebenfalls die Ansicht vertraten, dass die Vernunft in ihrem Zuständigkeitsbereich durch nichts in ihren Folgerungen eingeschränkt werden dürfe. Überhaupt war Averroës dem Mittelalter einer der grossen Aristoteles-Kommentatoren, einer jener, die die Meinung vertraten, dass Aristoteles nach wie vor nicht übertroffen worden sei.)

Die Erdkugel wurde ihrerseits eingeteilt in verschiedene Klimazonen (wir wir heute sagen würden). Da war an den beiden Polen eine kalte, unbewohnbare Zone. Die Äquatorialzone in der Mitte galt ebenfalls als unbewohnbar, weil zu heiss. Blieben also zwei gemässigte Zonen dazwischen. Da durch die heisse Mitte kein Durchgang war, blieben die beiden Zonen voneinander für immer getrennt. Das hatte zur Konsequenz, dass man im Mittelalter davon ausging, dass die Südhalbkugel unbewohnt sei. Es gab ja gemäss der Bibel nur einen Adam, und der war offensichtlich auf der Nordhalbkugel zu Hause gewesen. Die Bibel sagt nichts davon, dass irgenwo anders die Menschen nochmals geschaffen worden wären. Und da vom Norden in den Süden kein Durchkommen war, musste die Südhalbkugel unbewohnt sein. Q.e.d.

Nun überzeugte aber jeder Blick auf seine Umgebung den Philosophen ebenso wie den Bauern auf seinem Acker, dass zumindest die Trennung der Sphären von Erde und Wasser nicht zu 100% ideal war. Eigentlich sollte ja das Wasser die Erde an allen Orten überdecken, gleichmässig überdecken sogar. Flüsse, Berge, Seen, das Meer … alles sprach aber dagegen. Was also war geschehen? Es war klar, dass – um Leben möglich zu machen – trockene Erde vorhanden sein musste, sie also zumindest teilweise aus dem Wasser herausragen musste. Hier nun greift eine dem heutigen Denken nicht mehr verständliche Logik, die, was nützlich oder notwendig ist, auch als seinsmächtig betrachtet, als mächtig genug, um auch ins Sein überzutreten. Sprich: Da es für den Menschen und das Leben unumgänglich war, dass die Erde an gewissen Orten höher liegt als das Wasser, ist die Chose so eingerichtet, dass die Natur (und eben die Natur, nicht etwa Gott!) an gewissen Orten die Erde höher liegen lässt als das Wasser. Die Oberfläche der Erde hat also gewissermassen eine Delle, wirft eine Blase, die wir uns vorstellen können wie die Blase, die ein Fahrradschlauch wirft, wenn der Reifenmantel einen Riss aufweist. (Da die Südhalbkugel unbewohnt ist, stellt sie sich Dante auch als völlig mit Wasser bedeckt vor. Hierin unterscheidet er sich in dieser Abhandlung von der Commedia, wo er bekanntlich den Läuterungsberg, das Purgatorio, auf die Südhalbkugel versetzt – genau gegenüber Jerusalem.)

So werden also die Entscheidung der Streitfrage und die Abhandlung über die Form und Lage zweier Elemente festgesetzt, wie oben vorgeschlagen wurde. (§ 86)


Bibliographisches: Die Abhandlung über das Wasser und die Erde ist der zweite Band der von Ruedi Imbach und anderen besorgten kleinen Ausgabe der philosophischen Werke Dantes auf Deutsch, erschienen 1994 im Felix Meiner Verlag. = Philosophische Bibliothek, Band 464.

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