Marcel Reich-Ranicki / Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel

Mit Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf traten damals, Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, zwei der wortgewaltigsten Intellektuellen Deutschlands miteinander in briefliche Verbindung. Es war gerade noch jene Zeit, als der auf Papier geschriebene Brief das einzige Kommunikationsmittel darstellte, das einigermassen effizient die Gedanken des Schreibers aufnehmen und für längere Zeit festhalten konnte. Was für ein Medium musste der Brief für zwei so brilliante Stilistiker wie Reich-Ranicki und Rühmkorf darstellen!

Tatsächlich habe ich selten einen derart packenden Briefwechsel gelesen wie den zwischen diesen beiden Männern, die zu ihrer Zeit zu den beachtetsten Intellektuellen Deutschlands gehörten, obwohl es darin meist nur um Rezensionen geht und – aber das ist vielleicht mit ein Grund, warum sich dieser Briefwechsel so spannend liest – die beiden keineswegs ‚das Heu auf derselben Bühne‘ hatten, wie man hierzulande zu sagen pflegt. Den linken Rühmkorf und den konservativen Reich-Ranicki trennte auch ihre jeweils verschiedene Rolle im Literaturbetrieb: Hier der Leiter einer der grossen und weit beachteten Rezensionsmaschinen in Deutschland, Reich-Ranicki von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung; da der Autor, der auch Kritiken schrieb. Hier der Auftraggeber, dort der Auftragnehmer. So jedenfalls war die Ausgangssituation, als Reich-Ranicki am 9. Juni 1967 an Rühmkorf herantrat mit der Bitte, doch einen Beitrag für einen geplanten Sammelband zu Bölls 50. Geburtstag zu verfassen. Das ist der erste überlieferte Brief zwischen den beiden. Eine Antwort Rühmkorfs scheint nicht überliefert zu sein – im von Reich-Ranicki herausgegebenen Sammelband (In Sachen Böll – Ansichten und Aussichten, Köln 1968) ist er nicht vertreten. Mit dem zweiten überlieferten Brief nimmt dann der Briefwechsel bereits seine normale Fahrt auf: Am 5. August 1974 schickt Reich-Ranicki seinem Rezensenten einige Bücher, die der offenbar zur Rezension gewünscht hatte. Damit beginnt ein Spiel, das sich über Jahre hinweg fortsetzen wird. Reich-Ranicki schickt Bücher und fordert Rezensionen ein; Rühmkorf fordert weitere Bücher und – schickt keine Rezensionen ein. Das heisst: Natürlich schickt er welche, aber der Feuilleton-Chef Reich-Ranicki muss manchmal ganz gehörig darum betteln, ja sogar damit drohen, keine weiteren Rezensionsexemplare zu schicken. Rühmkorfs Standard-Entschuldigung betrifft dann jeweils Arbeitsüberlastung durch andere Projekte und die Tatsache, dass er, Rühmkorf, seine Rezensionen ja nicht einfach hinwichse, sondern in vielen Fällen weitere Literatur zu einem Thema zu lesen pflege. Reich-Ranicki wiederum versuchte dem Rechnung zu tragen, indem er dem sich in Schleswig-Holstein Vergrabenden Bücher zur Rezension empfahl, bei denen Rühmkorf die Thematik schon kannte, Märchen zum Beispiel, oder Peter Wapnewskis Waz ist Minne von 1975, weil  Rühmkorf sich im selben Jahr ebenfalls mit Walther von der Vogelweide beschäftigte (was zu seinem Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich führte – nebenbei gesagt das Buch, über das ich selber mit Rühmkorfs Werken in Kontakt gekommen bin).

Rühmkorf und Reich-Ranicki verband wohl keine Freundschaft – eher schon die Verbrüderung, die es mit sich bringen musste, wenn man auf ein anderes Mitglied des Geheimbundes der gewieften Literaturkenner und -liebhaber stiess. Privates wurde in den Briefen, die Reich-Ranicki übrigens jeweils seiner Sekretärin diktierte (die auch schon mal für ihn unterschrieb, wenn er keine Zeit mehr dafür hatte), kaum angesprochen – dies, obwohl die Ehepaare Reich und Rühmkorf auch ein paarmal zusammen zum Essen ausgingen.

In den 90er Jahren begann sich das Verhältnis der beiden sowieso zu lockern – jedenfalls, was einen Briefwechsel betrifft. Das lag sicher an der technischen Entwicklung – fürs Geschäft wurde nun langsam der papierne Brief durch die E-Mail abgelöst. Das lag mindestens ebenso sehr daran, dass Rühmkorf das Feuilleton nun weniger fürs Überleben brauchte – er wurde mittlerweile mit Preisen überschüttet und hatte deswegen noch weniger Zeit für Rezensionen, obwohl Reich-Ranicki den immer berühmter Werdenden natürlich genau deswegen gern weiter in seinem Feuilleton gehabt hätte.

1995 schliesslich kam es zum Bruch zwischen den beiden. Anlass war Reich-Ranickis berühmter Ver- und Zerriss von Günter Grass‘ Ein weites Feld. Am 27.8.93 schreibt Rühmkorf an Reich-Ranicki diesbezüglich unter anderem:

Mit Ihrem Auftritt im letzten »Quartett« haben Sie einen Graben zwischen der Schönen Literatur und ihrer zur ideologischen Lehrmeisterin verklärten Kritik aufgerissen […]. Nein, das war kein sogenannter »Verriß« mehr […], das war das autoritäre Niederschreien eines schwierigen Buchs und der in ihm vertretenen Meinungen, die sicher nicht jedermanns Billigung, aber doch wohl ein gewisses Maß an abwägender Duldsamkeit verdient gehabt hätten.

Über vier Jahre wird Funkstille herrschen zwischen den beiden. Erst 1999 unternimmt Rühmkorf den Versuch, sich mit Reich-Ranicki zu versöhnen. Der Versuch ist von Erfolg gekrönt, auch wenn sich das alte, schon fast herzlich zu nennende Verhältnis zweier Kameraden, die im selben Joch eingespannt sind, nicht wieder herstellt. Reich-Ranickis Eitelkeit verlangt denn auch von Rühmkorf, dass er seine (Reich-Ranickis) Biografie in einer Kritik abhandelt. Überhaupt ist der Star-Kritiker etwas betupft, dass der Star-Autor so nichts davon weiss (oder eben in MRRs Ansicht: wissen will), dass er, der Star-Kritiker, im Hintergrund die Fäden gezogen habe für so viele Preise, die Rühmkorf dann schliesslich einheimsen durfte. Doch das sind kleine Wermuts-Tropfen in einem ansonsten rundum gelungenen Buch (herausgegeben von Christoph Hilse und Stefan Opitz, erschienen als Edition der Arno Schmidt Stiftung und des Deutschen Literaturarchivs Marbach 2014 im Wallstein Verlag).

Wer sich für die Deutsche Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert, wird an diesen knapp 300 Seiten nicht vorbei kommen.

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5 Kommentare zu Marcel Reich-Ranicki / Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel

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  4. Bonaventura sagt:

    Es war gerade noch jene Zeit, als der auf Papier geschriebene Brief das einzige Kommunikationsmittel darstellte, das einigermassen effizient die Gedanken des Schreibers aufnehmen und für längere Zeit festhalten konnte.

    Im Ernst? Bücher, Essays, Aufsätze, Zeitschriften- und Zeitungsartikel, Filme sind alles keine Kommunikationsmittel für dich? Wahrscheinlich meinst Du etwas anderes als das, was da steht, oder?

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