Richard von Mises: Kleines Lehrbuch des Positivismus

Dieses „kleine Lehrbuch“ (das mit mehr als 500 Seiten so klein nicht ist – und auch kein Lehrbuch in herkömmlichem Sinne) erschien 1939 unter eher abenteuerlichen Umständen in Holland. Mises war schon zuvor als Jude vor den Nationalsozialisten zu fliehen gezwungen, befand sich bis 1938 in Istanbul, bereitete aber schon seine Weiterreise nach Amerika vor. Neurath wartete in Den Haag auf die Korrekturfahnen, die ihn dann durch die Kriegsumstände gar nicht oder nur teilweise erreichten. Friedrich Stadler ist es – u. a. – zu danken, dass dieses (und einige andere Werke des Wiener Kreises) im Rahmen der Suhrkamp Wissenschaft-Reihe neu aufgelegt wurden (1990).

Mises steht in vielem dem Wiener Kreis nahe, zeigt aber auch Eigenständigkeit – vor allem dort, wo man sich all zu strikt dem empirisch-logischen Denken verschrieben hatte. So geht er zwar ebenfalls von der enormen Wichtigkeit der Sprache für Wissenschaft und Philosophie aus, vermeidet aber Versuche, über exakte sprachliche Regelungen zu einer Art Letztbegründung zu gelangen (wie sie in den unzähligen Protokollsatzdebatten den Mitgliedern vorschwebte). Eine wissenschaftliche Sprache, die aller Ungenauigkeiten Herr wird, ist zwar theoretisch möglich, aber dort zum Scheitern verurteilt, wo sie auf Beobachtungen, die Empirie, die Wirklichkeit trifft. Daher ist eine solche Wissenschaftssprache ein bloß axiomatisches Konstrukt, mit dem wir nichts über die Welt auszusagen imstande sind. Hingegen haben die Begriffe der Umgangssprache zwar einen recht deutlich umrissenen Bedeutungskern, besitzen aber eine Art Aura, einen Halo-Effekt, der sich einer genauen Definition widersetzt. Diese Ungenauigkeit der Sprache ist einer der Gründe, die nach Mises Letztbegründungsversuche scheitern lassen; alles Wissen ist vorläufig und eine Revision immer im Bereich des Möglichen.

Dieses Sprachkonzept wendet Mises auch bei der Analyse von Metaphysik, Theologie, Ethik und Kunst an (er war ein großer Rilkefachmann und für die Herausgabe einiger Schriften verantwortlich). Daher verneint er jeden Absolutheitsanspruch, jede Dogmatik und weist darauf hin, dass für jede Beurteilung einer etwa künstlerischen oder auch moralischen Äußerung ein Maßstab notwendig ist, ein Maßstab, der offensichtlich von den individuellen Vorlieben des Bewertenden abhängt. Aber er geht in seiner Be- bzw. Verurteilung der Metaphysik keinesfalls so weit wie Carnap, indem er alle metaphysischen Sätze als sinnlos nachzuweisen sucht: Sondern er sieht in ihnen eine Art Wissenschaft in statu nascendi. Der Metaphysik gebricht es an dem entsprechenden Vokabular, weshalb – ähnlich wie in der Literatur – Begriffe im übertragenen Sinn verwendet werden. Wenn man sich dessen bewusst ist und nicht in eine Hypostasierung dieser Begriffe verfällt, können auch metaphysische Programme für die Philosophie und die Wissenschaft nutzbar gemacht werden. Dies bedeutet aber nicht, dass er den Wortwolken eines Hegel oder Heidegger irgendetwas abgewinnen kann – im Gegenteil: Sie sind ihm Beispiel dafür, wozu ein nachlässiger Sprachgebrauch führen kann.*

Sein Bemühen um Klarheit und Verständlichkeit (das ihm ein Wert an sich ist) ist im gesamten Text spürbar und macht selbst diffizile Analysen zu Ethik oder Kunst wunderbar leicht lesbar. Gerade diese Kapitel sind gelungene Beispiele dafür, wie an solche Problemfelder herangegangen werden kann (und warum Versuche, hier Absolutheitsansprüche anzulegen, immer zum Scheitern verurteilt sein müssen). Dazu kommen Ausführungen zur Wahrscheinlichkeitstheorie (wie auch zur Kausalität), die den Naturwissenschaftler in Mises erkennen lassen und bezüglich Präzision und Anschaulichkeit bespielhaft sind. Mises‘ Arbeiten zur Wahrscheinlichkeit und zum Begriff des „Kollektivs“ waren über lange Zeit maßgeblich (und Carnap hätte sich m. E. einiges an Tinte ersparen können, wenn er auf diese zurückgegriffen hätte).

Aber das Buch ist nicht nur ein „Lehrbuch des Positivismus“ (bzw. des logischen Empirismus), sondern auch eine Art Einführung in die Philosophie (und als solche sehr zu empfehlen). Der Autor zeigt, wie durch klares Denken, eine ebensolche Sprache, viele vermeintlich „schwierige“ philosophische Probleme ihr furchteinflößendes Gepränge verlieren – und er zeigt die Grenzen dessen auf, was uns an Präzision in Wissenschaft und Philosophie möglich ist. Deshalb muss nicht jede künstlerische, metaphysische Äußerung sogleich zu einer „sinnlosen“ Aussage werden; im Bewusstsein, was Sprache zu leisten vermag aber auch im Wissen, dass unsere Umgangssprache (in die letztlich alle Wissenschaft und Philosophie „übersetzt“ werden muss) aus gutem Grund keine absolute Genauigkeit verbürgt (das Mit-Bedeutende macht nicht nur Literatur möglich, sondern ist konstituierend für eine vernünftige, pragmatische Kommunikation, die ansonsten sich im Uferlosen verlieren würde), können entsprechende Texte mit Gewinn (und Genuss) gelesen werden. Aber auch in diesen Bereichen bleibt Mises strenger Empirist: Gefühle sind nicht vorstellbar ohne entsprechende Erfahrungen, Erlebnisse – und im Bereich der Geisteswissenschaften muss statt des „verstehenden“ (einfühlenden) Ansatzes eine Subsumption unter ein regelhaftes, in der Empirie verhaftetes Denken statthaben: Wenn man nicht einem anarchischen, kommunikationsunfähigen Anarchismus verfallen will.

Das Buch ist großartig, auch wenn (oder gerade weil) es keine neuen, alles revolutionierenden Erkenntnisse verspricht, sondern das Mögliche mit Vorsicht und dem Bewusstsein der Fallibilität auslotet. Mir ist unverständlich, warum Mises weitgehend unbekannt und unrezipiert ist: Selbst Hans Albert, dessen Ausführungen zur Geschichtswissenschaft in vielen Bereichen von Mises vorweggenommen wurden, hat ihn meines Wissens nirgendwo erwähnt. Sehr zu unrecht und zum Schaden der Philosophie. Wer dieses „kleine Lehrbuch“ zu einem erschwinglichen Preis irgendwo erstehen kann, sollte nicht zögern.


*) Das zeigt er – u. a. – am Beispiel des Begriffs der Kausalität, bei der Heidegger sich zu folgender Aussage versteigt: „Das Wesen des Grundes ist die transzendental entspringende dreifache Streuung des Gründens in Weltentwurf, Eingenommenheit im Seienden und ontologische Begründung des Seienden.“ Hegel lässt sich zu derselben Problematik wie folgt vernehmen: „Der Grund ist die Einheit der Identität und des Unterschiedes; die Wahrheit dessen, als was sich der Unterschied und die Identität ergeben hat, – die Reflexion-in-sich, die ebensosehr Reflexion-in-anderes und umgekehrt ist. Er ist das Wesen als Totalität gegeben.“ Noch abstruser als diese hanebüchenen Definitionen ist eigentlich nur die Tatsache, dass sie von einem großen Teil der Philosophen auch noch ernst genommen werden. „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

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