Jules Verne: 20’000 Meilen unter dem Meer

Jules Verne lebte von 1828 bis 1905 und arbeitete in Paris zu einer Zeit, als diese Stadt das Zentrum der literarischen Avant-Garde bildete, als Naturalismus und Symbolismus, die zukunftsweisenden Formen der Literatur, dort zu Hause waren. Verne hätte sich dieser Avant-Garde liebend gern angeschlossen. Alexandre Dumas Père protegierte ihn denn auch (ein wenig), und mit Dumas Fils war er befreundet. Dennoch schaffte er den Durchbruch in den literarischen Parnass nicht, und das ist bis heute so geblieben.

Ironie des literarischen Schicksals ist es, dass Verne dafür in anderer Weise zukunftsweisend wurde: In seinen Werken beschrieb er immer wieder Dinge, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger alltäglich sein sollten. So ein Ding ist das U-Boot Nautilus, das in 20’000 Meilen unter dem Meer die drei Protagonisten Dr. Aronnax (den Ich-Erzähler), Conseil (dessen Diener) und Ned Land (einen Franko-Kanadier, der eigentlich als Harpunier auf einem Walfänger arbeitet, sich der Expedition aber anschloss, die den geheimnisvollen Wal fangen sollte, der sich als U-Boot entpuppte) quer über die ganze Weltkugel tragen sollte.

Die Story ist bekannt; ich werde also nicht weiter darauf eingehen. Vernes Buch ist für die Jugend geschrieben. Wie Heinleins Juveniles wurden auch Vernes Jugendbücher zuerst in einem Jugendmagazin serialisiert; wie bei Heinleins Juveniles merkt man es auch Vernes 20’000 Meilen unter dem Meer an: Das Buch ist im Grunde genommen eine locker verbundene Reihe von Abenteuern, die die drei Protagonisten an Bord der Nautilus erleben. Dem belehrenden Anspruch, den zu Vernes Zeiten ein Jugenbuch zwingend zu erfüllen hatte, wird 20’000 Meilen unter dem Meer vor allem dadurch gerecht, dass Dr. Aronnax, der Meeresbiologe, sich als Alles-Wisser entpuppt und seinen beiden Begleitern immer wieder Belehrungen zu diesem und jenem geben kann. Dabei sind diese Belehrungen vor allem am simpler gestrickten Ned Land eigentlich verloren. Den interessiert nur, wie er an gutes Essen kommt und wie er wieder von der Nautilus weg kommt. (Essen spielt deshalb keine kleine Rolle in dieser Erzählung!) Conseil interessieren vor allem die Klassifizierungen des vorbei schwimmendes Meeres-Getiers. Man könnte sagen: Ned Land ist der Bauch (der Körper), Conseil der klassifizierende Verstand (der Geist), Aronnax die alles übergreifende Vernunft (die Seele).

Aronnax ist denn auch noch ein Universalgelehrter alten Stils. Der Naturwissenschafter in ihm glaubt an das aristotelische Prinzip, dass nur, was man selber gesehen hat, als bestätigt gelten darf. Der Naturwissenschafter in ihm (bzw. in seinem Autor!) ist auch unbedingter Verfechter des Fortschrittglaubens – hiermit nicht nur Amand von Schweiger-Lerchenfeld gleichend, der in seinem Eisernen Jahrhundert ins selbe Horn stösst, sondern das Denken des 19. Jahrhunderts insgesamt widerspiegelnd. Erst im Alter sollte Verne diesbezüglich skeptischer werden; es gibt allerdings in 20’000 Meilen unter dem Meer doch schon Momente, wo vor allem Kapitän Nemo vor gewissen Entwicklungen warnt, z.B. vor einer Überfischung der Meere, die zum Aussterben von vielen Arten führen könne. Aronnax und Nemo sind auch äusserst belesene Männer. Die Bibliothek an Bord der Nautilus umfasst 12’000 Bände – und das zu einer Zeit, als gerade wissenschaftliche Werke noch schwere, oft gar in Leder gebundene Folianten waren. Doch auch ausgewählte Belletristik findet Dr. Aronnax an Bord, und alte Reiseberichte. Aronnax und Nemo können über den alten Bischof und Skandinavien-Reisenden Olaus Magnus aus dem 16. Jahrhundert plaudern, wie man heutzutage über den Fussballmatch von gestern Abend plaudert. Die Zahl der Bücher an Bord erfahren wir; wie viele Menschen an Bord sind, verrät Nemo nie. Der genaue Antrieb bleibt ebenfalls Nemos Geheimnis, dass es aber Kohlen dazu braucht, ist offenbar.

Nemo will im übrigen nichts an Bord haben, das nicht aus dem Meer stammt; mit dem Land und seiner Bevölkerung hat er (beinahe) abgeschlossen. Nicht nur das Essen stammt prinzipiell aus dem Meer, selbst die Zigarren, die er und Aronnax rauchen, sind aus einem Meeresgewächs gewonnen. Die Vorstellung, dass an Bord eines U-Boots im Tauchgang geraucht werden darf, ist allerdings fasznierend.

Am Ende des Romans zeigen sich nochmals Vernes eigene Belesenheit und sein Wunsch, von seinen literarischen Zeitgenossen wahr- und ernst genommen zu werden. Nachdem sich Nemos Charakter und Verhalten auf unerklärliche Weise stark zum Schlechteren verändert haben (was man als Kunstgriff des Autors erklären kann oder als groben Schnitzer), nachdem die Nautilus offenbar ein irgendwie ‚feindliches‘ Schiff versenkt hat, gerät Nemo in einem weiteren unerklärlichen Wechsel seines Verhaltens in eine Art Depression und lässt das U-Boot steuerlos treiben – mit dem Resultat, dass es vor der Küste Norwegens in den sog. Mahlstrom gerät. Hier treffen nun alte wie neue Literaturgeschichte aufeinander. Den Mahlstrom kannte und beschrieb ja schon Olaus Magnus, aber die Beschreibung des Schiffsunglücks verdankt Jules Verne einem anderen: Edgar Allan Poe (A Descent into the Maelstrom). Poe war zu Vernes Zeit gerade von Baudelaire übersetzt und bei dem staunenden französischen Publikum (jedenfalls seinen avant-gardisch gesinnten Autoren) eingeführt worden. Somit schliesst sich der Kreis.

Alles in allem: 20’000 Meilen unter dem Meer ist für heutige Leser wohl zu langatmig; die Figuren bleiben zu blass; die Abenteuer sind zu wenig miteinander verbunden und ihr Ausgang jedesmal vorhersehbar; die Naturwissenschaft ist zum Teil veraltet – so kann man bei Verne noch unter Wasser zum Südpol kommen, der antarktische Kontinent war zu seiner Zeit noch unbekannt. Ich habe 20’000 Meilen unter dem Meer in einer englischen Übersetzung (William Butcher) gelesen – nicht, weil keine deutsche Übersetzung vorliegen würde oder kein französisches Original, sondern einfach, weil ich der Qualität einer Folio-Society-Ausgabe nicht widerstehen konnte.

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3 Kommentare zu Jules Verne: 20’000 Meilen unter dem Meer

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  2. Bonaventura sagt:

    Nur mal so am Rande: Die „lieue“ des Originaltiteles bzw. die englische „league“ sind natürlich keine Meile, sondern eher die alte deutsche Wegstunde oder Leuge. So entspricht die von Verne gemeinte Strecke eher 40.000 Meilen. (Ja, ja, ich geh ja schon …)

    • P.H. sagt:

      Ich weiss. Irgendwann einmal rechnet Dr. Aronnax die „leagues“ in „miles“ um. Inkl. Unterschied französische und englische Meilen, wenn ich mich recht erinnere.

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