Ford Madox Ford: The Good Soldier [Die allertraurigste Geschichte]

1. Auflage: 1915; 2. Auflage: 1927.

Ford Madox Ford hat in The Good Soldier etwas zu Stande gebracht, das ich eigentlich für unmöglich gehalten hätte: Er hat nicht nur den absolut unzuverlässigen Ich-Erzähler in die Literaturgeschichte eingeführt – er hat den absolut unzuverlässigen Ich-Erzähler mit dem gleichzeitg eingeführten absolut unzuverlässigen Autor noch übertroffen. Aber der Reihe nach:

Dass Ford, als der Roman 1915 zum ersten Mal erschien, sich noch gar nicht ‚Ford Madox Ford‘ nannte, sondern ‚Ford Madox Hueffer‘, dies aber auch nicht sein Geburtsname war (denn er hiess ursprünglich ‚Ford Hermann Hueffer‘, nahm aber bald den Mittelnamen ‚Madox‘ an, zu Ehren eines malenden Grossvaters – sodass The Good Soldier 1915 von ‚Ford Madox Hueffer‘ veröffentlicht wurde), er ‚Hueffer‘ 1919 abstiess, als Deutschland mehr als der sonst übliche Hassbegriff war, und deutsche Namen der persönlichen Karriere recht hinderlich sein konnten – aus all dem soll ihm kein Vorwurf gemacht werden, war ihm doch in punkto Namensänderung z.B. das britische Königshaus mit gutem Beispiel voran gegangen, und hatte sich bereits 1917 von ‚Saxe-Coburg and Gotha‘ in ‚Windsor‘ umbenannt.

1927, bei der zweiten Auflage also, fügte Ford (wie er jetzt ja auch mit Nachnamen hiess) dem Roman ein persönliches Vorwort hinzu, in dem er schilderte, wie und warum der Roman entstanden war. Anlässlich seines 40. Gburtstags nämlich – Ford war 1873 geboren – hatte er beschlossen, noch einen, seinen grossen Roman zu schreiben, um dann ein für alle Mal seinen Platz in der Literatur den Jüngeren zu überlassen: Ezra, Eliot, Wyndham Lewis, H.D. – jener Gruppe also, die man heute unter dem Namen der ‚Vortizisten‘ kennt. Weiter führt er aus:

I had in those days an ambition: thas was to do for the English Novel what in Fort Comme la Mort, Maupassant had done for the French.

Diese Anerkennung (It is the finest French novel in the English Language!) bekommt er dann auch eines Tages von einem Freund. Nicht das macht ihn allerdings in meinen Augen zum unzuverlässigen Autoren – denn von Maupassants feiner Ziselierung ist tatsächlich viel in Fords Roman – sondern die Tatsache, dass Ford einen andern literarischen Vorfahren völlig unterschlägt: Henry James. Es ist eigentlich fast nicht möglich, dass Ford den 1916 hochberühmt verstorbenen James nicht gelesen haben kann, zumal die beiden Ende des 19. Jahrhunderts praktisch Nachbarn waren.

Doch des Autors Unzuverlässigkeit geht noch weiter: So erzählt er zum Titel, dass der Roman ursprünglich The Saddest Story heissen sollte. Doch in Anbetracht des mittlerweile ausgebrochenen Ersten Weltkriegs wünschte der Verleger einen andern Titel. Ford gibt an, an einer Parade teilgenommen zu haben, als ihn der Verleger ein weiteres Mal, per Telegramm diesmal, um einen andern Titel für das Werk fragte.

[…] and the telegraph being reply-paid I seized the reply-form and wrote in hasty irony: ‚Dear Lane, why not The Good Soldier?‘ … To my horror six months later the book appeared under that title.

Eine schöne Geschichte – die nur daran krankt, dass Ford tatsächlich von zu Hause aus geschrieben hat, nicht von einer Parade, und auch nicht ironisch, sondern durchaus freundlich den Titel The Good Soldier vorgeschlagen hat: At any rate it is all that I can think of.1)

Last but not least die Widmung des Vorworts: to Stella Ford. Jeder Leser würde wohl in ‚Stella Ford‘ die Gattin von Ford Madox Ford vermuten. Doch eine Gattin ‚Stella Ford‘ gab es nicht. Wohl gab es eine Gattin, aber die hiess Elsie Martindale. Sie weigerte sich zeitlebens, einer Scheidung zuzustimmen, und ist später auch Fords Witwe geworden.2) Hinter ‚Stella Ford‘ verbirgt sich Fords Geliebte Esther Gwendolyn „Stella“ Bowen, eine australische Malerin, mit der er von 1918 bis 1927 zusammenlebte. Zum Zeitpunkt der Widmung hatte Ford allerdings gerade eine ziemlich heftige Affäre mit Violet Hunt hinter sich, und allen – inklusive ‚Stella‘, aber exklusive Ford – war klar, dass die Beziehung mit ‚Stella Ford‘ zu Ende war.

Verhältnisse also, wie sie im Roman The Good Soldier nicht hätten verwickelter geschildert werden können! Dieser Roman wird von einem Ich-Erzähler, einem amerikanischen Quäker namens Dowell, erzählt. Wie unzuverlässig dieser Mann ist, geht eigentlich schon aus dem ersten Satz hervor:

This is the saddest story I have ever heard.

Gehört? Er hat diese Geschichte nicht gehört! Er ist Teil des ursprünglichen Quartetts (bestehend aus zwei Ehepaaren), das in ziemlich hässliche Ehebruchsgeschichten verwickelt ist. Zu Beginn des zweiten Kapitels überlegt sich dann Dowell, ob und wie er seine Geschichte erzählen soll – dies, nachdem er im ersten schon grosse Teile des tragischen Endes verraten hat! Immer wieder schliesst Dowell Abschnitte mit „Ich weiss es nicht.“ Immer wieder korrigiert er implizit oder explizit in späteren Passagen Aussagen von früheren. Er sei während ihrer Ehe praktisch jede Sekunde mit seiner Frau Florence zusammen gewesen, konstatiert er sehr früh in der Geschichte – nur, um das ein paar Kapitel später zu korrigieren, wo er festhält, dass sie ihn stunden-, ja tagelang aus ihrer Schiffskabine, aus ihrem Hotelzimmer ausgesperrt hatte – um Zeit für ihren Geliebten zu haben, wie er jetzt annimmt.

Der Plot als solcher ist simpel. Captain Ashburnham und seine Frau Leonora treffen in einem Hotel ‚zufällig‘3) auf das Ehepaar Dowell. Beide Paare sind reich genug, dass sie sich vielfältige Reisen und Kuraufenthalte auf dem Kontinent leisten können. Der Captain und Florence Dowell beginnen eine Affäre. Als diese Affäre publik wird und sich zudem herausstellt, dass das nicht ihr erster Seitensprung gewesen war, ja sie einen vorehelichen Geliebten mit in die Ehe genommen hat, begeht Florence Dowell Selbstmord. Der Captain hat sich mittlerweile in eine andere, viel jüngere Frauverliebt (Nancy, aber von den andern unter sich meist nur the Girl genannt). Er begeht ebenfalls Selbstmord, als ihm klar wird, dass er diese Frau nie haben können wird, weder legal noch illegal, weil Nancy und Leonora katholisch sind und es deren rigider Moralkodex nie erlauben würde.

Soweit der Plot, wie ihn Dowell erzählt. Aber ist das wirklich die echte Geschichte? Woher weiss Dowell so genau, was in seiner Abwesenheit alles geschehen ist? Dowell zeichnet sich durch völlige Passivität aus, und er ist nie da, wenn sich die emotionalen Höhepunkte der Geschichte ereignen. Ja, man erzählt ihm alles – aber erzählt man ihm wirklich die kleinsten Details in Gestik und Mimik, die er so wundervoll zu schildern weiss? Oder war er vielleicht doch gegenwärtig, entweder ganz offen oder versteckt lauschend? Weshalb entschlüpfen ihm die auf the Girl sich beziehenden Worte Now I can marry her, als er seine tote Frau sieht? Weshalb verhindert er Ashburnhams Selbstmord nicht? Weshalb kauft er den Landsitz der Ashburnhams und pflegt nun die wahnsinnig gewordene junge Frau, die er nun hat und doch nicht hat?

Vielleicht ist jene Aussage, die ihm gerade einmal entwischt, und auf die er nie mehr zurückkommt, die einzige, in der er die Wahrheit gesagt hat. Er sagt nämlich einmal gegen Ende des Romans sinngemäss, dass auch er im Grunde genommen hätte sein wollen, wie Edward Ashburnham: gut aussehend, ein guter, ja perfekter Soldat, Gutsherr und Bürger – und bei allem auch noch ein Frauenheld. Auch er, Dowell, hätte gern Florence gehabt und zugleich gern Leonora gehabt und die junge Frau und … und … und … Vielleicht war Dowell gar nicht so passiv, wie er sich darstellt, oder er hat seine Passivität geschickt eingesetzt, um als eine Art Katalysator die Dinge in Bewegung zu bringen? Vielleicht waren die beiden angeblichen Selbstmorde auch gar keine? Ashburnham soll sich mit einem winzigen Federmesser die Kehle aufgeschlitzt haben… Und ob eine sich mit Blausäure vergiftende Person so ruhig im Bett liegen kann, dass es ihrem Ehemann scheint, sie sei an einem Herzstillstand gestorben? Vielleicht waren die beiden Tode und Nancys Wahnsinn auch eine geschickt eingefädelte Rache Dowells, der bei seiner eigenen Frau wie bei Nancy gegenüber dem Captain den Kürzeren gezogen hat? Und vielleicht ist die Tatsache, dass Leonora den Amerikaner plötzlich zu hassen scheint, auch darin begründet, dass sie seine Machenschaften erraten hat?

Noch selten habe ich in einer Buch-Besprechung so viele Fragezeichen gesetzt. The Good Soldier ist ein faszinierender Text, der zu vielen Spekulationen Anlass geben kann.


1) Nebenbei gesagt, ist also der deutsche Übersetzer von 1962, der den Titel in Die allertraurigste Geschichte abänderte, dem unzuverlässigen Autor auf den Leim gegangen, vermute ich (ich kenne die Übersetzung nicht).

2) Ford muss einer der wenigen Männer überhaupt sein, dem ein Gerichtsentscheid zu Beginn seiner Ehe jeden ‚ehelichen Umgang‘ mit seiner Frau verboten hat, und dem ein anderer Gerichtsentscheid gegen Ende der Ehe ebendiesen ‚ehelichen Umgang‘ geboten hat.

3) Auch so eine Aussage, die Dowell im Lauf der Erzählung revidieren sollte.

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Ein Kommentar zu Ford Madox Ford: The Good Soldier [Die allertraurigste Geschichte]

  1. Maike sagt:

    Sehr schöne und informative Besprechung. Eigentlich sollte man die Geschichte umbenennen in: der allerunzuverlässigste Erzähler ;-).
    Schöne Grüße, Maike

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