No Man is an Island. A Selection from the Prose of John Donne

London: The Folio Society, 82015.

John Donne lebte von 1572 bis 1631. Er ist im deutschen Sprachraum – mit einer oder zwei Ausnahmen, auf die ich noch kommen werde – wohl nur Anglisten und ausgebufften Lesern klassischer Literatur bekannt. Im englischsprachigen Raum nimmt man ihn vorzugsweise als Lyriker wahr – was er einerseits der Sammlung seiner Gedichte verdankt, die sein Sohn, John Donne jr., kurz nach seinem Tod veranstaltet hat, andererseits der Wiederentdeckung des Lyrikers Donne durch T. S. Eliot im 20. Jahrhundert. Allerdings wurden seine Gedichte seither meist immanent behandelt – gerade bei Donne lohnt sich aber ein Blick auf sein Leben, das sein Werk geprägt hat, wie selten bei andern Autoren.

John Donne stammte aus einer katholischen Familie. Der Zeitpunkt für eine solche Abstammung war denkbar ungünstig gewählt. Obwohl sich unter Elisabeth I. die Gemüter in Grossbritannien zu beruhigen anfingen, beäugte doch die anglikanische Mehrheit die katholische Minderheit immer noch sehr misstrauisch. Die Gründe sind vielfältig – Donne wurde jedenfalls zum Verräter an seiner Religion. Ein Hauptgrund war wohl seine unüberlegte Heirat, die den stark einem gesunden Realisumus und einer barocken Sinnlichkeit verpflichteten Lyriker und satirschen Pamphletisten in arge finanzielle Bedrängnis brachte. Schlussendlich gab er dem Drängen von König Jakob I. und den Umständen nach, konvertierte und nahm 1615 sogar die Priesterweihen, was ihm wenigstens einen sicheren Job verschaffte. (Obwohl wir davon ausgehen können, dass Donne auch aus Gewissensgründen konvertierte.) Donne hörte auch im Priesteramt weder auf zu dichten, noch wurde seine Prosa weniger. Allerdings wurden seine Themen zusehends ernster. Das war sicher auch seiner neuen Position geschuldet – er war unterdessen ein bekannter Prediger, der auch vor dem König predigte. Aber auch der Tod seiner Frau hat offenbar sein Gemüt verdüstert.

Donne, der Lyriker, hat den Ruf einer der grossen Metaphysiker der englischen Literatur zu sein. Donne, der Prosaist und Prediger, ist ein äusserst gewandter Rhetoriker. Der junge Donne hat eine Reihe nachgerade zynischer Paradoxes and Problems veröffentlicht – als Beispiel sei hier das erste aus der Sammlung zitiert:

Why Die None for Love Now?

Because women are become easier? Or because these later times have provided mankind of more new means for the destroying themselves and one another: pox, gunpowder, young marriages, and controversies in religion? Or is there in truth no precedent or example of it? Or perchance some do die, but are therefore not worthy the remembering or speaking of.

Donnes frühe Predigten sind kleine Wunder an rhetorischem Feuerwerk. Zwar verliert Donne diese rhetorische Begabung nie, aber seine Predigten werden mit zunehmendem Alter, zunehmender Routine wohl auch, nüchterner – langweiliger. Im Grossen und Ganzen der High Church zuzurechnen, zeichnete sich Donne allerdings durch profunde Bibelkenntnisse aus, die man ansonsten vorwiegend bei den Mitgliedern der Low Church zu finden pflegte – womit er auch ein grossartiger Streiter für die Sache der High Church wurde, konnte er doch der Low Church auf ihrem ureigenen Feld begegnen. Vom rhetorischen Feuerwerk einmal abgesehen, bringen Donnes Predigten allerdings inhaltlich nichts Neues. Obwohl Donne von Galileo wusste, lässt er in einer Predigt die Seele eines Abgeschiedenen die altbekannten ptolemäisch-aristotelischen Himmelssphären (Feuer, Mond, Sonne etc.) durchqueren, um ins Paradies gelangen zu können. Für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, damals aber wohl von einem Prediger völlig selbstverständlich erwartet, sind Zitate und Anspielungen auf Kirchenväter, vornehmlich Augustin, Hieronymus und Tertullian. Vor allem natürlich ihre Morallehren werden gern zitiert.

Dass Donnes Religiosität keine äussere, angenommene, war, zeigen seine Meditationen, die als Devotions upon Urgent Occasions veröffentlicht wurden. Im November 1623 erkrankte der 51-Jährige schwer. Nach heutigen Erkenntnissen wurde er Opfer einer gerade grassierenden Typhus-Epidemie. Die Chancen, dass man eine solche Erkrankung überlebte, waren damals recht gering, doch Donne schaffte es. Vielleicht gerade deshalb, weil der Hypochonder Donne sich und die Veränderungen, die die Krankheit an seinem Körper, an seinem Geist, bewirkte, geradezu obsessiv beobachtete und niederschrieb. Wie gesagt, er überlebte – aber als er nach 14 Tagen zum ersten Mal wieder sein Bett verlassen durfte, stellte er halb amüsiert, halb erschrocken fest, dass ihm das Stehen und Gehen noch gar nicht gut bekam, es ihm im Bett besser gegangen war als nun ausserhalb desselben. Tatsächlich sollte die Rekonvaleszenz noch drei Monate dauern.

Als Donne, schon auf dem Weg zur Besserung, draussen die Totenglocke läuten hört, verfasst er die 17. und bekannteste seiner Meditionen: Now this bell tolling softly says to me, Thou must die. Nachdem er zuerst die Frage stellt, ob denn der Sterbende, für den die Glocke geläutet wird, tatsächlich realisiere, dass sie für ihn läute, kommt er natürlichweise zur Frage, ob denn die Glocke in Wirklichkeit nicht für ihn selber läute, seine gefühlte Besserung in Wirklichkeit nur eine scheinbare sei. So kommt er – selbst in seiner Krankheit der grosse Rhetoriker – zwanglos zum Schluss und seinen wohl bekanntesten Sätzen:

No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, als well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend’s or of thine own were. Any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind. And therefore never send to know for whom the bell tolls: it tolls for thee.

Falls jetzt die geneigte Leserin sich vornüber beugt und flüsternd fragt: “Hemingway?”, so lautet die Antwort: “Ja, Hemingway.” Und falls der geneigte Leser ebenso lautlos mit seinen Lippen die Frage formulieren sollte: “Simmel?”, so lautet die Antwort: “Ja, Johannes Mario Simmel.”

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