Heinrich Schliemann: Trojanische Alterthümer (1874)

Gelesen in der englischen Übersetzung (Troy and its Remains) von 1875 – dies aus zwei Gründen: Zum einen ist der Text auf Englisch flüssiger lesbar als in der verzwickten Mischung aus Kaufmanns- und Gelehrtendeutsch des Originals, andererseits hat die Folio Society 2015 eine sehr schöne und reich mit Schliemanns Originalfotos und -zeichnungen illustrierte Ausgabe des Textes herausgebracht.

Trojanische Alterthümer ist eine Mischung aus Reisebericht und wissenschaftlichem Tagebuch. In Form von regelmässigen Zusammenfassungen seiner Tätigkeit vor Ort erzählt Schliemann von den Fortschritten seiner Grabungen, von den Rückschlägen, von Unfällen und vor allem auch immer wieder vom schlechten Wetter, das ihn an seiner Arbeit hinderte. Er erzählt davon, wie er immer wieder als Arzt amten musste, weil der Hügel von Troja sich in einer sumpfigen Ebene erhebt, und Malaria und andere Fieber bei Mensch und Tier an der Tagesordnung waren. Schliemanns Haltung gegenüber seinen Arbeitern ist einigermassen gespalten: Einerseits treibt er seine Leute an, will so rasch wie möglich so viel wie möglich ausgegraben haben und lässt deshalb von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, ärgert sich ebenso über die häufigen Sonn- und Feiertage, die seine griechischen Arbeiter einziehen (an solchen Tagen lässt er gern durch türkische Arbeiter, also Muslime, weitermachen – aber die sind oft ebenfalls unabkömmlich, weil sie als Bauern ihre Felder zu bestellen haben), andererseits drückt er immer wieder seine Dankbarkeit dafür aus, dass keine Todesfälle oder schweren Unfälle zu verzeichnen sind.

Die Ausgangslage von Schliemanns Grabungen ist klar: Im Gegensatz zu vielen Altertums-Wissenschaftern seiner Zeit vermutete Schliemann die Lage jener Stadt, die nach diversen antiken Autoren zwischen 1334 und 1135 vor unserer Zeitrechnung in einen Krieg mit den Griechen verwickelt war – es ging wohl um die Durchgangsrechte an den Dardanellen – dort, wo die kleine Stadt Hisarlik liegt. Sein Hauptzeuge waren dafür Homers geografische Schilderungen in der Ilias. Von Homer nahm er an, dass er – wenn er nicht am Krieg sogar selber teilgenommen hatte – doch zumindest in der Gegend Trojas gelebt hatte. Dies im Gegensatz zu dem von den Gegnern der Hisarlik-These gern herangezogenen Strabo, der (wie Schliemann überzeugt ist) allenfalls einmal für eine Stunde vor Ort war.

Seine Grabungen sollten Schliemann Recht geben, als dass er tatsächlich eine alte Siedlung auf dem Hügel von Hisarlik fand. Er fand sogar vier verschiedene Besiedlungsschichten auf dem Hügel, von der er zuerst die unterste, später dann die zweitunterste für Homers Troja hielt. (Schliemanns Sprachgebrauch ist zwar konsistent, aber verwirrend: Er nennt immer ‘Troja’, was er für die von Homer besungene Stadt hält. Da er im dritten Jahr seiner Ausgrabungen – er war von 1871 bis 1873 vor Ort – seine diesebezügliche Meinung änderte, ist es bei seinen Schilderungen aus dem Jahr 1873 oft unklar, in welcher Stadt er sich gerade befindet.) Heute nimmt man an, dass auf dem Hügel bei Hisarlik sogar zehn oder elf verschiedene Siedlungsschichten unterschieden werden müssen, einige davon sind sogar in Unterschichten weiter unterteilt: VIa, VIb und VIc beispielsweise. Man nimmt heute ebenfalls an, dass Schliemanns ‘Troja’ nicht dasjenige Homers gewesen sein kann, weil es zu alt ist – falls es dieses Troja und Homers Trojanischen Krieg überhaupt gegeben hat. (Wenn etwas bei meiner Ausgabe der Trojanischen Alterthümer fehlt, ist es ein Vergleich von Schliemanns Thesen mit den aktuellen Forschungsergebnissen. Aber ich gebe zu, dass dafür wohl ein zweites, ebenso dickes Buch hätte geschrieben werden müssen – dessen Inhalt unter Umständen nach ein paar Jahren schon veraltet wäre. So haben wir Schliemann pur vor uns – eine Momentaufnahme aus der Geschichte der Archäologie.)

Schliemanns Ruf als Wissenschafter ist heute etwas ramponiert. Schliemann war ehrgeizig – und er war ungeduldig. Er wollte Homers Troja finden, die übrigen Schichten waren für ihn nicht relevant. Deshalb grub er sich rücksichtslos nach unten durch und zerstörte dabei wichtige archäologische Relikte. Das tat ihm später selber leid, insofern als er – nachdem er seine Meinung bezüglich der Lage des Homer’schen Trojas geändert hatte – erkennen musste, dass er bei seinen Grabungen viele Häuser weggeräumt (also zerstört) hatte, die er nun als zum Homer’schen Troja gehörig gern erhalten gesehen hätte. Aber, so tröstet er sich und seine Leser, es habe ja noch genügend andere Häuser aus derselben Schicht, die man sich zu Gemüte führen könne. Dass Schliemann sogar Dynamit benutzt hatte, um rascher vorwärts zu kommen, geht zwar aus den Trojanischen Alterthümern nicht hervor, scheint aber gesichert zu sein. Zu Schliemanns Verteidigung muss allerdings gesagt werden, dass er einer der ersten war, der systematische und wissenschaftlich motivierte Grabungen ausführte. Dadurch ist er einer der Wegbereiter der Archäologie als Feldarbeit und der wissenschaftlich-methodischen Grabungstechnik, welche bis dahin lediglich in der schatzsuchhaften Aushebung wertvoller Einzelobjekte, nicht aber der systematischen Freilegung eines Grabungsareals bestand.

Folgende von ihm erdachten neuen Forschungsmethoden finden gem. Wikipedia noch heute Anwendung:

  • Voruntersuchung des Geländes durch Sondagen (Suchgräben)
  • Grabung bis auf den anstehenden Boden
  • Beachtung der Stratigraphie (Schichtenfolge)
  • Suche nach der Leitkeramik („Leitfossil“) für die einzelnen Schichten;
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften, wie Anthropologie, Paläontologie, Paläographie, Topographie, Chemie u. a.

Doch schon zu Lebzeiten war Schliemann nicht unumstritten. Das verdankt er seinem manchmal doch etwas lockeren Umgang mit der Wahrheit. Sein grösster Fund (1873) war, was er für den Schatz des Priamos hielt. Gefunden in der (für ihn) zweituntersten Schicht, von ihm alleine (seine Arbeiter schickte er in eine verfrühte Mittagspause), und später aus der Türkei geschmuggelt, trotz anderslautenden Vereinbarungen mit dem türkischen Staat, die ihn verpflichtet hätten, solche Funde abzuliefern. Er redete sich damit heraus, dass die Türkei das Abkommen kurze Zeit vorher gekündigt hätte, und er somit nicht mehr gebunden gewesen sei. Die Geschichte des Schatzes ist bekannt: Nach längeren Querelen landete er in Berlin, von wo ihn am Ende des Zweiten Weltkriegs die sowjetischen Truppen nach Moskau brachten. Lange Zeit galt er als verschollen, 1990 tauchte er in Moskau wieder auf, wo er bis heute ausgestellt wird.

Der Schatz des Priamos machte Schliemann berühmt. Zwar nicht bei seinen deutschen Fachkollegen, aber beim breiten Publikum und auch im Ausland, so v.a. in England. Trotz aller Anfeindungen durch die deutschen Kollegen (z.B. Robert Curtius) ist es wohl Heinrich Schliemann zu verdanken, dass die Archäologie aus etwas anrüchigen Ruf einer Disziplin für Vergnügungsreisende und Schatzjäger heraustrat und auch in Deutschland zur ernst zu nehmenden Wissenschaft mutierte.

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