Reisen von Friedrich Gerstäcker. Australien. Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta’scher Verlag, 1854

Wieder einmal lese ich in verkehrter Reihenfolge. Diesmal allerdings unbeabsichtigt. Ich war der Meinung, Gerstäcker in San Francisco verlassen zu haben, wie er ein Segelschiff Richtung Australien betritt, und habe deshalb ohne weitere Recherchen den hier vorliegenden Band als den nächsten und letzten seines Reiseberichts betrachtet. Nun ist es Gerstäckers Gewohnheit, wenn er einen neuen Band beginnt, Hinweise auf oder Zusammenfassungen von Erlebnissen der vorher gehenden Bandes zu bringen. Ich staunte also nicht schlecht, als Gerstäcker in Australien immer wieder die australischen Eingeborenen mit den – Südsee-Insulanern verglich. (Sehr zu Gunsten der letzteren, übrigens!) Also setzte ich mich doch noch hin, und recherchierte. Tatsächlich ist Australien der vierte Band der Reihe, und vorher kommt noch ein dritter, Die Südsee⸗Inseln. Auch ist Australien nicht der letzte Band; es gibt noch einen fünften, Java. Nun, die beiden Bände werden bei Gelegenheit hier auch noch vorgestellt werden.

Zur Zeit, als Gerstäcker Australien bereist (1850/51), ist das Land noch in mehrere englische Kolonien aufgespaltet, in die zum Teil auch noch Sträflinge verschickt werden. Allerdings hält Gerstäcker fest, dass im Alltag offenbar ganz bewusst kein Unterschied zwischen Verschickten und aus andern Gründen – freiwillig – Eingewanderten gemacht wird. Ja, Gerstäcker vermutet gar, dass eines Tages die Nachfahren der Verschickten in Australien einen ähnlich adelsähnlichen Status geniessen werden, wie in den USA die Nachkommen der ersten Siedler.

Viel von Australien hat Gerstäcker im Grunde genommen nicht gesehen. Jeder Student im Sprachaufenthalt sieht heute mehr, kommt tiefer ins Innere des Kontinents. Gerstäcker landet in Sidney, wo er einen beträchtlichen Teil seines Aufenthalts verbringt, und dies, obwohl er immer wieder betont, dass Städte sein Ding eigentlich nicht sind. Dies schlägt sich ja sogar in seinen Beschreibungen nieder – seine Städte gleichen sich irgendwie alle. Ob Rio de Janeiro, ob Valparaiso, ob San Francisco oder hier nun Sidney: Gerstäcker gelingt es kaum, den einzelnen Städten ein eigenes Flair zu geben. Allenfalls bei San Francisco, der riesigen Zeltstadt, die er zu Beginn seines Aufenthalts dort antrifft, ist es ihm ein wenig gelungen. Viel hat Gerstäcker also nicht gesehen, denn die grosse und gefährliche Reise, die er in Australien macht, führt ihn von Sidney übers Land nach Adelaide.

Nach heutigen Massstäben ein Klacks, ist es 1851 doch eine recht gewagte Exkursion. Einerseits, weil Gerstäcker versuchen will, die Schiffbarkeit der Flüsse zwischen den beiden Städten nachzuweisen, andererseits, weil die Aborigines, die das Territorium dazwischen bewohnen, noch recht wild und Weissen gegenüber nicht immer freundlich gesinnt sind. Was die Schiffbarkeit betrifft, scheitert Gerstäcker grandios. Sein Kanu erweist sich als aus dem falschen Holz geschnitzt und die natürlichen Hindernisse der Flüsse als unüberwindlich. Es kommt, wie es kommen muss: Gerstäcker setzt die Reise zu Fuss fort. Die Schilderung dieses seines Spaziergangs ist denn auch der interessanteste Teil seines Berichts. In der Wildnis blüht der Erzähler Gerstäcker auf. Seine Schilderung, wie er – im Grunde genommen aus dummer Neugier – den Grabhügel eines Eingeborenen von innen inspiziert, dabei offenbar von Stammesangehörigen gesehen wird, die ihn nun wegen Grabschändung verfolgen und töten wollen, ist sehr spannend geschrieben. Die Abenteuer des Crocodile Dundee können nicht spannender sein.

Gerstäcker nennt die australischen Aborigines übrigens regelmässig Indianer. Offenbar sind Indianer für ihn ganz einfach “Ureinwohner” schlechthin. Manchmal verwendet er auch den australischen Begriff Blacks. Gerstäcker findet die Aborigines schmutzig und hässlich. Sie sind hinterlistig und gewalttätig. Das hindert ihn allerdings nicht daran, zwar aus zweiter Hand, einen Bericht ihrer Sitten und Gebräuche zu liefern. Ob die heutige Ethnologie seine Schilderung bestätigen würde, kann ich allerdings nicht sagen.

Die Schilderung von Adelaide ist ähnlich unfaszinierend, wie die von Sidney. Interessanter wird dann wieder die Erzählung davon, wie Gerstäcker – diesmal per Schiff – von Adelaide nach Sidney zurückkehrt. Auch wenn dem Erzähler Gerstäcker Abenteuer auf dem Land offenbar besser liegen, als welche auf dem Wasser, so liegen ihm doch Abenteuer überhaupt besser als das mondäne Stadtleben. In Sidney angekommen, findet er, dass nun auch in Australien ein Goldrausch ausgebrochen ist. Obwohl ihn seine Goldgräberzeit in Kalifornien von der Krankheit als solcher geheilt hat, kann Gerstäcker sich doch nicht enthalten, die Schürfgebiete zu besuchen. Zu vieles erinnert ihn da aber an seine kalifornische Zeit; nur will er gesehen haben, dass die australischen Goldadern weniger ergiebig sein werden als die kalifornischen. Nach einer Schilderung der aberwitzigen Reise mit einer der anscheindend nicht sehr komfortablen, ja das Leben der Reisenden aufs Spiel setzenden Postkutschen, trifft Gerstäcker wieder in Sidney ein. Er besteigt abermals ein Segelschiff und macht sich auf – nach Java.

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