Bernward Gesang: Deskriptive oder normative Wissenschaftstheorie?

Zuerst muss ich meinem Unmut über den Verlag (Ontos Verlag) Ausdruck verleihen: Wenn ein Buch, das bei einem Umfang von 240 Seiten bereits vor 10 Jahren stolze 75 Euro kostete, sollte man annehmen dürfen, dass sich der Verlag eine Software leisten kann, die nicht unzählige Abteilungsfehler macht bzw. einen Lektor, der imstande ist, doppelte Zeilen zu ausfindig zu machen, Grammatikfehler zu korrigieren und vieles mehr. Das hier Gebotene ist eine Frechheit – auch angesichts der durchaus prominenten Autoren, die dieser Band versammelt.

Bei der Auswahl der Beiträge wurde auf philosophische Vielfalt geachtet, die Autoren kommen aus den unterschiedlichsten „Lagern“: Die Artikel von Volker Gadenne und Gunnar Andersson sind hervorragend (ihre jahrelange Beschäftigung mit diesem Thema kommt zum Ausdruck), andere wie von Gerhard Schurz über „Rationale Rekonstruktion“, von Peter Janich über „Wissenschaftsphilosophie als kritische Reflexion auf eine historische Praxis“ (dieser Beitrag hat mich überrascht, stammt er doch von einem Vertreter der Erlanger Schule, mit deren Letztbegründungsideen ich nichts anfangen kann: Hier war davon nicht die Rede, sondern es wurde eine spannende Analyse von Theorie und Praxis in ihrer historischen Verflechtung gegeben, die dieser Verflechtung wegen eine Trennung in normativ und deskriptiv nicht zulässt) oder Michael Esfeld „Normativität der Bedeutung und normative Wissenschaftstheorie“ (bei diesem Beitrag war meine Überraschung noch größer: Bezieht sich Esfeld doch auf Wittgensteins Sprachspieltheorie und dem „Regelfolgen“, Bereiche, die ihrer deskriptiven Struktur wegen mich zumeist enttäuscht haben. Esfelds Konzeption einer im sozialen Interagieren entstehenden Normativität hat aber sehr viel für sich, scheint in sich konsistent und bietet faszinierende Anregungen) bieten einen – für mich – interessanten, alternativen Blick auf die Wissenschaftstheorie.

Der Artikel von Brigitte Falkenberg „Der Wert wertfreier Wissenschaft“ ist informativ aufgrund der historischen Aufarbeitung wissenschaftstheoretischer Überlegung, verstört aber durch eine sonderbare (falsche) Auslegung von Webers Wertfreiheitsthese: Sie meint, dass Webers epistemische Ideale der Wissenschaft so verabsolutiert würden, dass sie sich keiner Norm mehr unterordnen können und sollen. Das allerdings ist definitiv nicht im Sinne Webers, sondern eine vulgär-positivistische Interpretation: Weber geht es nur um die Trennung von normativer und deskriptiver Ebene und darum, dass diese Trennung auch in den Sozialwissenschaften möglich sei. Daraus den Schluss zu ziehen, dass keinerlei Normen für die Wissenschaft von Belang sind, ist auch im Sinne Webers völlig falsch: Gerade weil er die Bedeutung von Normen kannte, war es ihm um eine formale Trennung zu tun. Unzulässigen Vermengungen sollte vorgebeugt werden, damit Wertungen nicht im wissenschaftlichen Gewand auftreten und einen Status für sich reklamieren, der ihnen nicht zusteht.

Noch sonderbarer nimmt sich der Artikel von Felix Mühlhölzer „Naturalismus und Lebenswelt. Plädoyer für eine rein deskriptive Wissenschaftstheorie“ aus. Mühlhölzer geht dabei von Husserls „Lebenswelt“ aus, die er zwar nicht als „unhintergehbar“ vom Begründungsanspruch her betrachtet (wie es Husserl in Nachfolge von Franz Bretanos Ausführungen zur Evidenz getan hat), aber doch als unhintergehbaren Ausgangspunkt betrachtet. Trotzdem ist diese Lebenswelt für ihn ein erkenntnistheoretischer Dreh- und Angelpunkt, er stellt sie der Konzeption des Sinnendatums bei Locke oder Hume gegenüber und stellt fest, dass die Wissenschaftstheorien im Sinne eines „wirklich vertrauten, alltäglichen Verfahrens des Prüfens und Bestätigens“ den Ansichten der mit den Sinnesdaten operierenden Philosophie überlegen wären. Warum sie dies aber ist bleibt völlig ungeklärt: Denn der Rückgriff auf den common sense, auf die „vertraute“ Lebenswelt ist ja in der gleichen Weise problematisch wie der Rückgriff auf das Sinnesdatum: Weil uns nunmal die Sinne kein korrektes Bild unserer Welt liefern, auch nicht liefern sollen, da sie bloß das Überleben in der entsprechenden Umwelt sichern sollen und zu diesem Zweck aus pragmatisch-ökonomischen Gründen mit Vereinfachungen arbeiten.

Die nachfolgende Kritik an Quines Naturalismus, seinen Beobachtungssätzen bzw. dem „Gegenstandsbezug“ nimmt die Husserlsche Lebenswelt (als ein immer vorhandes und damit unhintergehbares Etwas) zum Ausgang, um diesem Naturalismus Zirkelhaftigkeit und damit Unbrauchbarkeit nachzuweisen. Die – unausgesprochene – Schlussfolgerung Mühlhölzers lautet, dass man aufgrund dieser Erkenntnis einzig deskriptiv zu arbeiten vermag, weil die beabsichtigte Normativität der Zirkularität der Epistemologie wegen scheitert. Das ist aus zweierlei Gründen problematisch: Zum einen ist eine Aufforderung zu einer „Nur-Deskriptivität“ selbst normativ, zum anderen spukt hier still und heimlich der Letztbegründungsanspruch durch die Kritik. Mühlhölzer übersieht, dass die nachgewiesene Zirkularität jede Erkentnistheorie betrifft, die in irgendeiner Weise empirisch agiert. Nun ist dieser Zirkelvorwurf in manchen Bereichen durchaus berechtigt und auch problematisch, dass aber Zirkularität prinzipiell zu unbrauchbaren Resultaten führt, ist Humbug. (Im übrigen glaube ich, dass auch rein rationale Erkenntnistheorien diesem Zirkularitätsvorwurf nicht entgehen können, dass es überhaupt keine Erkenntnistheorie gibt, die diesem Vorwurf entgeht, außer wenn man mit metaphysisch-dogmatischen Annahmen arbeitet.) Zirkularität im Sinne einer Rückkoppelung nebst einer Neuinterpretation des erzielten Ergebnisses ist das Prinzip unserer Orientierung in der Welt, der Evolution. Wir nähern uns in unserem Verhalten (häufig auch in unseren rationalen Konstruktionen) einem immer besseren Ergebnis an, indem wir vorhandene Daten auswerten und aufgrund dieser Daten das Verhalten erneut anpassen. Das ist natürlich insofern zirkulär, als dass irgendwann ein Anfang gemacht werden muss und dass dieser Anfangswert ein empirischer ist, der dann die Zirkularität verursacht. Dieser Zirkel aber ist äußerst fruchtbar und sinnvoll, selbst in der Mathematik ist dies ein gängiges Verfahren*. Ihn als Anlass zu nehmen, auf jegliche Normativität zu verzichten, kann eigentlich nur dadurch begründet werden, dass dieser Zirkel eine absolute Gewissheit des Ergebnisses verhindert. John Locke charakterisiert diese Haltung folgendermaßen: „Wenn wir alles bezweifeln wollen, weil wir nicht alles mit Gewissheit erkennen können, so handeln wir ungefähr ebenso weise wie derjenige, der seine Beine nicht gebrauchen wollte, sondern still saß und zugrunde ging, weil er keine Flügel zum Fliegen hatte.“


*) Einfaches Beispiel ist das Wurzelziehen bzw. die Optimierungsaufgabe für Flächen von Rechtecken bei gegebenen Umfang. Beispiel: Der Wert zweier Seiten eines Rechtecks sei auf 9 festgelegt.
Anfangsannahme der Seiten 1 + 8, die Bedingung besteht nur darin, dass die Summe 9 betragen muss. (Auch 0 ist zugelassen und würde für das nachfolgende Beispiel gar nichts ändern.)
1 + 8 = 9/2 = 4,5
9/4,5 = 2 + 4,5 = 6,5/2 = 3,25
9/3,25 = 2,769230769230769 + 3,25 = 6,019230769230769 / 2 = 3,009615384615384
9/3,009615384615384 = 2,990415335463258 + 3,009615384615384 = 6,000030720078643/2 = 3,000015360039321 usf. Nach wenigen Rechenschritten hat man ein äußerst genaues Ergebnis, das sich – wenig überraschend – drei annähert.

Formal, etwa beim Programmieren: W (Wert, aus dem die Wurzel gezogen werden soll, a, b, c sind rekursive Zahlenvariable)
W/2=a
W/a=b
a+b=c
c/2=a
W/a=b
a+b=c

Abbruchbedingung, wenn a und b sich bis zu einer bestimmten Genauigkeit angleichen.

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