Alexander von Humboldt: Schriften zur Geographie der Pflanzen

Werke. Darmstädter Ausgabe. Band I. Herausgegeben und kommentiert von Hanno Beck. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 22008.

Die Darmstädter Ausgabe will das breite naturwissenschaftliche Denken Alexander von Humboldts für den Leser des dritten Jahrtausends aufbereiten. Der Herausgeber Hanno Beck legt Wert auf die Feststellung, dass „Natur“ zur Zeit Alexander von Humboldt immer auch den Menschen umfasste. Vom Menschen finden wir allerdings im ersten Band wenig – wie der Titel es ausdrückt, geht es um die Pflanzen und ihre Verbreitung. Der Mensch spielt da höchstens eine Rolle als am Rande aufgeführter Kausalzusammenhang, wenn er Wild- oder Kulturpflanzen von einem Kontinent auf einen andern verschleppt. Dabei war Alexander von Humboldt einer der ersten, der die Pflanzengeografie explizit auf Wildpflanzen bezog und nicht darauf, welche Kulturpflanzen in welchem Klima, an welchem Ort, anbaubar wären. Der Umbruch seiner Zeit, der zum Beispiel auch in der Landschaftsmalerei von der dargestellten Kulturlandschaft zur Darstellung einer (imaginierten) wilden Landschaft führte, stellte da sicher einen Einfluss auf Humboldt dar; umgekehrt wird aber auch Humboldt diesen Umbruch mit beeinflusst haben.

Alexander von Humboldt trat schon früh mit der geistigen Elite Deutschlands in Kontakt. Einem seiner ersten Entwürfe, wie er sich eine Geografie der Pflanzen vorstellte, hat er in einem Brief an Friedrich Schiller präsentiert. Humboldt streckte seine Fühler aber auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Schon der junge Alexander stand unter dem Eindruck der grossen Weltreisen seiner Zeit, vor allem derer, die James Cook unternommen hatte. Diese Reisen hatten ja – zumindest im deutschen Sprachraum – auch zwei Deutsche berühmt gemacht. Alexander von Humboldt war mit Georg Forster befreundet und stand auch mit dem Vater Johann Reinhold in gutem Kontakt. Herders Ideen zur Geschichte der Menschheit von 1784ff haben Alexander ebenfalls beeinflusst – bis hinein zur Titelgebung einiger seiner Werke. Anders als der reine Klassifikator Linné versucht Humboldt das Auftreten verschiedener Pflanzenfamilien geografisch-statistisch zu erfassen. Die Längen- und Breitengrade ihres Auftretens sind dabei für ihn fast weniger wichtig als die Höhenstufen. Er schleppt auf allen seinen Reisen Barometer mit, um seine aktuelle Höhe bestimmen zu können. Hierin fand er im berühmten Genfer Naturwissenschafter Horace Bénédict de Saussure (den er konsequent-hartnäckig nur Saussure nennt) ein Vorbild und einen Mitstreiter, auf den er sich bei seinem Vergleich des Pflanzenwuchses der Anden mit dem der Alpen für die Forschungsresultate aus den Alpen stützt. Nebenbei gesagt, hielt man damals, und hielt also auch Humboldt, die Anden für das Gebirge mit den höchsten Gipfeln auf der Erde; von der tatsächlichen Höhe gewisser Berge im Himalaya wusste man noch nichts. (Kleine Anekdote am Rande: Der Vergleich von Anden und Alpen hätte mit einer Illustration versehen werden sollen, die die beiden Gebirgsketten im Aufriss zeigen würde, mit Hinweisen, welche Pflanzenarten jeweils auf welcher Höhe anzutreffen waren. Als diese Illustration nicht gleich mitgeliefert wurde, sogar länger auf sich warten liess, hat Goethe, der Alexander von Humboldts Reisen interessiert verfolgte, sie sich dann selber gezeichnet – einen kleinen Saussure am Fuss der Alpen und einen kleinen Humboldt am Fuss der Anden inklusive.)

Alexander von Humboldt pflanzengeografisches Hauptwerk sind die Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer, erschienen 1807 gleichzeitig in Tübingen und in Paris. Es ist bezeichnend für Humboldt, dass die meisten seiner wissenschaftlichen Werke zuerst auf Französisch erschienen sind; es ist ebenso bezeichnend für ihn, dass die deutsche Ausgabe dann aber keine reine Übersetzung darstellt, sondern eine Bearbeitung und oft Erweiterung durch den Autor. So ist im Titel seines pflanzengeografischen Hauptwerks das Wort Naturgemälde eine Übersetzung des französischen Begriffs tableau physique, und hat nichts mit Malerei zu tun, nichts mit Poesie, sondern meint die deskriptiv-statistische Erfassung eines genau umrissenen geografischen Bezirks.

Wenn man Humboldts pflanzengeografische Schriften, die in der Darmstädter Ausgabe chronologisch gelistet in Band I zusammengefasst wurden, so durchliest, merkt man, dass im Grunde genommen die Entdeckung der Evolutionstheorie bereits im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts in der Luft lag. Die Daten wären schon vorhanden gewesen; es fehlt nur das Genie, das sie richtig interpretierte.

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Ein Kommentar zu Alexander von Humboldt: Schriften zur Geographie der Pflanzen

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