Édouard Louis: Das Ende von Eddy

Die Kritiker haben wieder einmal einen “Neuen” entdeckt und sich in Lobeshymnen ergangen: Édouard Louis’ Erstling “Das Ende von Eddy” hat für Furore gesorgt und man wird kaum Negatives über diesen Roman finden. Das ist – nach der Lektüre – ein wenig überraschend. Denn wenn das Buch auch als gelungen bezeichnet werden kann, so sind die Elogen doch übertrieben, sodass man vermutet: Man kritisiert das Buch nicht, weil man sich mit dem Inhalt, der Kritik an einer homophoben Gesellschaft identifiziert. Und weil die Geschichte offensichtlich autobiographisch ist, wäre es dann auch eine Kritik am Autor selbst. Wäre es das?

Natürlich nicht. Das eine ist das Buch in seiner künstlerischen, ästhetischen, sprachlichen Gestaltung, das andere die dargestellte Homophobie, der Männlichkeitskult, die dumpfen Stammtischparolen. Ich halte dieses Buch für einen typischen Erstling: Es ist dort hervorragend, wo Louis die Situation seines Protagonisten beschreibt, seine Ängste, seine Unsicherheit, sein Suchen um gesellschaftliche Anerkennung – und es vereinfacht dort, wo es Literatur sein will, wo der Autor mehr als sein eigenes Schicksal zu beschreiben versucht. Oder wirkt ein wenig unbeholfen, wenn es sich um Sozialkritik handelt: So beschreibt er seine Eltern in ihrem kleinbürgerlichen Tun und erklärt (S. 75) im Anschluss noch einmal, dass “sie ihren Rollen entsprachen; einerseits waren sie ihnen von gesellschaftlichen Konventionen aufgegeben, die sie nicht zu durchschauen vermochten, andererseits hielten sie bewusst an ihnen fest.” Diese Erklärungen sind so überflüssig wie (bei einem derart jungen Autor) verständlich: Aber derlei macht man in guter Literatur nicht explizit, das erschließt sich aus dem Text. Louis hätte gut daran getan, sich auf die Innenwelt der Hauptfigur zu beschränken, die Sozialkritik erfolgt ganz von selbst – aus dem Denken, der Verzweiflung, dem Scheitern am Versuch, “normal” zu sein. Aus diesem Grund halte ich das Buch keineswegs für das literarische Wunder, als das es bezeichnet worden ist – sondern vielmehr für einen “typischen” Erstlingsroman (die, weil sie “erlitten” sind, häufig ungeheuer Eindruck zu machen verstehen). Ob Louis tatsächlich ein Literat ist, ob er mehr zu erzählen vermag als sein eigenes Schicksal, wird sich erst in den nächsten Büchern zeigen (meine Vermutung: Er wird den hohen Ansprüchen nciht gerecht werden).

Bestürzend erschien vielen Lesern – aber auch Kritikern – die Tatsache, dass dies die Beschreibung eines Dorfes des 21. Jahrhunderts ist – eines Dorfes im aufgeklärten Mitteleuropa. Bestürzend mag das sein, aber die überall zum Ausdruck kommende Überraschung, dass solches in unserer Zivilisation möglich sei, zeugt eher davon, dass die Betreffenden in einer ganz eigenen Traumwelt leben*. Schwulenfeindlichkeit ist eine Selbstverständlichkeit, Männlichkeitsklischees, Machismo ist auch heute noch sehr viel salonfähiger denn Homosexualität (einen kleinen, elitären (oft mit Kunst assoziierten Bereich) vielleicht ausgenommen). Auf keinem Gebiet kann man die Offenheit und Toleranz einer Gesellschaft besser verfolgen als in der entsprechenden Gesetzgebung (erst heute wurde vom öst. Justizminister eine Initiative auf den Weg gebracht, die Verurteilungen nach dem alten Homosexuellengesetz löscht) des jeweiligen Landes – und während Rassismus längst juristisch geächtet ist, müssen homosexuelle Paare noch heute Benachteiligungen in Kauf nehmen: Schwule sind Menschen zweiter Klasse – auch in Mitteleuropa.

Und so ist dieser Roman anregend, wichtig und berührt selbstverständlich gewordene Ausgrenzungen, die gerade auf dem eher konservativen Land bzw. in Kleinstädten menschenverachtende und menschenzerstörende Ausmaße annehmen. Aber als Literatur ist das Buch mit all jenen Fehlern behaftet, die solche Erstlinge fast immer aufweisen – und es ist auch nicht ersichtlich, dass hier ein neuer großer Star der Literaturszene heranwächst. Vergleichbare Werke von Wolfgruber oder Schwaiger haben mich mehr beeindruckt – und auch sie wurden den Erwartungen nicht gerecht.


*) Ebenso wie ein Moderator des deutschen Fernsehens, der – von Olivia Jones darüber informiert, dass “schwul” noch immer für 100 % der Jugendlichen ein Schimpfwort darstellt – gänzlich überrascht schien. “Doch nicht heute, man habe solche Vorurteile längst hinter sich gelassen! Zumindest die meisten.” Der Alltag sieht für Homosexuelle jedoch völlig anders aus, nicht nur auf dem Land oder in kleinen Städten, sondern fast überall. Obschon festzustellen ist, dass sich die Situation gebessert hat, aber es ist traurig und beschämend, dass man überhaupt von “Verbesserungen” sprechen muss: Als ob für Homosexuelle die Menschrechte nur eingeschränkt gelten würden.
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